Mo, 10:15 Uhr
15.02.2016
Gedenken an Bombenabwurf auf Dresden
Augenzeugen erinnern sich
Während der Gespräche über die Bombenabwürfe auf Dresden im Februar 1945. Dr. Albrecht Börner liest aus den Erinnerungen seiner Mutter (links). Neben ihm sitzt Siegfried Fuchs, der ebenfalls über seine Erlebnisse in der bombardierten Stadt berichtete. (Foto: Jochen Miche)
Vor 71 Jahren wurde – nach zwei verheerenden Nachtangriffen am 13. und 14. Februar – Dresden erstmals auch am Tage bombardiert. Zwischen 11.51 Uhr und 12.01 Uhr warfen 211 amerikanische B 17-Bomber 460 Tonnen Bomben auf Dresden; am 2. März und 17. April fielen weitere 2365 Tonnen Bomben auf die Stadt. Zuvor aber schon, am 15. Februar 1945 gegen 10.15 Uhr stürzte die ausgebrannte Frauenkirche ein. Mit den Erinnerungen zweier Augenzeugen, die im Rahmen des Gedenkens an die Ereignisse in Dresden in Sangerhausen mitgeteilt wurden, wollen wir daran erinnern…Das Bündnis "Sangerhausen bleibt bunt hatte zu einer Gedenkveranstaltung am antifaschistischen Mahnmal an der Marienkirche in Sangerhausen sowie zu anschließenden Gesprächen in dem vom Soziokulturverein Sangerhausen betriebenen Treffpunkt Oase am Markt eingeladen. Hier las der Sangerhäuser Augenarzt Dr. Albrecht Börner aus den Erinnerungen seiner Mutter, Margit Börner, und sprach der 86-jährige Dresdner Siegfried Fuchs über seine Erlebnisse beim Bombardement der Stadt im Februar 1945.
Aus den Aufzeichnungen von Margit Börner erfuhren die Zuhörer unter anderem:
Im Februar 1945 war der Krieg schon längst entschieden. Die deutsche Wehrmacht war bereits stark geschwächt – welche Blutopfer hatten die Familien gebracht, wie sinnlos dieser Mord an ihren Männern und Söhnen! Die amerikanische Front lag schon bei Frankfurt am Main, die russische Front bei Frankfurt an der Oder und Görlitz. In der verbliebenen deutschen Heimat waren fast alle Städte durch häufige Bombardements geschwächt, die Menschen entnervt. Man sah neidvoll auf Dresden als einem sicheren Ort. Daher war auch am 13. Februar wie bereits seit vielen Wochen der Dresdner Hauptbahnhof Umschlagplatz und Aufenthalt zur Nacht für –zigtausende Flüchtlinge aus Schlesien, für Urlauber- und Verwundetenzüge, für Kindertransporte, die dort in der Nacht des Angriffs völlig schutzlos der Vernichtung ausgeliefert waren.
Helfer waren Helden
22 Uhr kam ich vom Orchesterspielen im Konservatorium zurück. Ich aß noch Abendbrot. Ich war kaum damit fertig, da ertönten die Sirenen – Hauptalarm. Wir holten unsere beiden Kleinen schnell aus dem Bett und zogen sie an. … So gingen wir in den Keller. Dort herrschte schon große Aufregung. Leuchtbomben fielen, die so genannten Christbäume – welcher Hohn dem Frieden der Weihnacht! Das bereitete uns auf das Kommende vor. Bald schon hörten wir Krachen und Einschläge. Welle auf Welle stürzten die Bombengeschwader über Dresden hernieder, ohne Aufhören Tod und Schrecken bringend. Wir lagen längst auf dem Boden unserer Waschküche, keiner sprach, alles zitterte, und manche beteten laut. Die Fensterscheiben brachen klirrend zusammen, die schweren Wände erschütterten und berieselten alle mit Kalk.
Die nächste Angriffswelle folgte gegen 1.23 Uhr in derselben Nacht des 13. zum 14. Februar.
Frau Börner schreibt über die zweite Angriffswelle unter anderem: Während schon die ersten Bomben fielen, suchte ich mir schnell in der Wohnung meine Geige und stürzte mit ihr die Treppen hinunter. Es waren ungefähr 65 Leute im Keller. Wir konnten uns kaum bewegen, während draußen erneut die Hölle tobte. Es folgten die fürchterlichsten Minuten, die ich je durchlebt hatte. Wir hatten unser Leben aufgegeben. Eigentlich wartete man nur noch auf den entscheidenden Schlag. Doch wir lebten noch, als die Bombergeräusche schwächer wurden. Nun drang Rauch in den Keller ein, und es hieß:, Raus, nur raus!‘ Zwei Soldaten stellten sich links und rechts von dem kleinen Kellerfenster auf und halfen den Menschen ins Freie. Es waren Helden, denn die Hitze draußen war kaum zum Aushalten.
Auf der Flucht zur Elbe, wo man Kühlung und keine weiteren Bombenabwürfe erwartete, lief man überall an Leichen vorbei. Mutti wollte ihrem siebenjährigen Sohn Uli die Augen zuhalten, damit ihm der Anblick erspart bliebe, aber er sagte:, Lass nur, Mutti, ich habe das alles schon gesehen.‘ Die Familie wurde zeitweise getrennt; ein Teil fand Schutz in Blasewitz. Dann kam der erste amerikanische Mittagsangriff. Diesen und weitere Angriffe überlebte die Familie wie durch ein Wunder und dank der Hilfe freundlicher Menschen.
Mit 15 erstmals Tote gesehen
An der Gesprächsrunde in der Sangerhäuser Oase nahm auch Siegfried Fuchs teil. Er war ohne Einladung in die Diskussionsrunde gekommen. Der 86-jährige Dresdner wohnt zur Zeit in Sangerhausen bei seiner Lebensgefährtin, die er pflegt, wie er sagte.
Herr Fuchs berichtete recht umfassend über seine Erlebnisse während der NS-Diktatur und in den Tagen, als Bomben seine Heimatstadt zerstörten. Er berichtete: Das Schlimmste für mich an der ersten Bombenwelle war, dass ich – damals 15 Jahre alt – zum ersten Mal in meinem Leben tote Menschen sah. In den Tagen nach diesen Bombenangriffen wurden von überallher die Toten eingesammelt. Die Köpfe wurden alle in eine Richtung gelegt, sicher wegen der Identifizierung. Alle hatten scheinbar blonde Haare. Es stellte sich heraus, dass sie aufgrund der Bomben wie mit Chlor gebleicht waren – es war furchtbar. Tausende Menschen wurden allein auf dem Altmarkt aufgeschichtet und mit dem Flammenwerfer verbrannt, weil die es gar nicht anders schafften, der Leichen Herr zu werden.
Der Dresdner bezweifelt die offizielle Aussage, dass weniger als 25.000 Menschen in Dresden umgekommen sein sollen. Allein im Hauptbahnhof befanden sich viele tausend Menschen, und in der Stadt hätten sich seit Wochen zehntausende Flüchtlinge aufgehalten. Eine Erfahrung konnte Herr Fuchs aber, genau wie Frau Börner, machen: Viele Menschen waren unglaublich hilfsbereit in jenen Tagen. Sie nahmen klaglos Hilfsbedürftige auf und gaben, obwohl die meisten auch nur wenig Lebensmittel hatten, von dem Wenigen an Hungrige ab.
Jochen Miche