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25.01.2016
Sangerhäuser Einar-Schleef-Arbeitskreis: Jahreshauptversammlung in zwei Akten

„…würde sich im Grabe herumdrehen“

Jahreshauptversammlung in zwei Akten. Hierzu hatte der Einar-Schleef-Arbeitskreis eingeladen. Mitglieder und Freunde aus ganz Deutschland kamen. Sie erlebten viel und spendeten nach dem zweiten Akt viel Applaus.

Jahreshauptversammlung des Sangerhäuser Einar-Schleef-Arbeitskreises im Kaffeehaus Kolditz. (Foto: Jochen Miche) Jahreshauptversammlung des Sangerhäuser Einar-Schleef-Arbeitskreises im Kaffeehaus Kolditz. (Foto: Jochen Miche)
Der erste Akt lief im Kaffeehaus Kolditz in der Ernst-Thälmann-Straße. Ein Cafè mit der Ausstattung von 1926, nur wenige hundert Meter vom Elternhaus Schleefs entfernt; das Cafè hatte er ebenso gekannt wie das Spengler-Museum auf der anderen Straßenseite, dem Ort des zweiten Aktes dieser Jahreshauptversammlung des Schleef-Vereins.

Mit dem Vortragen des Rechenschaftsberichtes lieferte Vereinsvorsitzender Fritz-Dieter Kupfernagel alle erforderlichen Vorlagen für die spätere Diskussion. Zunächst erinnerte er an Alexander Biedermann, der die Fotoausstellung „Jeder hat sein Sangerhausen“ konzipiert und etwas bewirkt hatte: die Motivation vieler Sangerhäuser, ihre eigene Sicht auf das Thema darzustellen. Das Ergebnis war eine interessante Schaufenstergestaltung.

Eine Stadt verleugnet ihren Sohn, wie er einst sie verleugnet hat? Private Spekulationen zu dieser Inszenierung von Andreas Ricci im Spengler-Museum Sangerhausen. (Foto: Jochen Miche) Eine Stadt verleugnet ihren Sohn, wie er einst sie verleugnet hat? Private Spekulationen zu dieser Inszenierung von Andreas Ricci im Spengler-Museum Sangerhausen. (Foto: Jochen Miche)
Die Frage um die Zukunft von Schleefs Stadtplan konnte 2015 beantwortet werden: Er befindet sich inmitten einer hochwertigen Möbelausstellung der Firma Holz-Haus GmbH und kann von Interessierten während der Öffnungszeiten der Firma besichtigt werden.

Alles gut also. Oder? Fritz-Dieter Kupfernagel kam zu einem Reizthema erster Güte: dem von Vereinsmitglied Dr. Dieter Wrobel unterbreiteten Vorschlag, den Bahnhofsvorplatz in Einar-Schleef-Platz umzubenennen. Kupfernagel: „Der Vorstand hat diese Anregung gern aufgegriffen und Anfang Februar den Antrag an die Stadt gestellt. In der Folge haben wir mit dem Oberbürgermeister und den Fraktionen Gespräche geführt und für diesen Antrag geworben. Bevor es zu den Gesprächen kam, war es erst einmal in den politischen Gremien sehr ruhig, bevor eine öffentliche Diskussion entbrannte.“

Plötzlich hatten auch andere die Idee, dem Platz einen Namen zu geben, zum Beispiel „Gustav Adolf Spengler“, „Wilhelm Schmied“ und andere. Es wurde in den Medien heiß diskutiert. Am Ende lehnten alle im Stadtrat vertretenen Fraktionen eine Umbenennung des Platzes ab. Kupfernagel: „Jetzt sind andere Vorschläge gefragt. Ursula Krause machte den Vorschlag, einen Schleef-Wanderweg zu entwickeln. Veronica Otto brachte die Idee ein, im Bereich der Marienkirche einen Schaukasten mit Informationen über Sangerhäuser Künstler aufzustellen (Schleef, Messerschmidt, Schmied u.a.).“

Die Marienkirche. Hier könnten sich einige Mitglieder, insbesondere Veronika Otto, vorstellen, berühmte Sangerhäuser mit Text-Bild-Tafeln zu ehren. (Foto: Jochen Miche) Die Marienkirche. Hier könnten sich einige Mitglieder, insbesondere Veronika Otto, vorstellen, berühmte Sangerhäuser mit Text-Bild-Tafeln zu ehren. (Foto: Jochen Miche)
Der Vorsitzende erinnerte an einige teils sehr erfolgreiche Veranstaltungen, zu denen der Verein 2015 eingeladen oder wo er sich präsentiert hatte. Auch wurden die Finanzen nach eingehender Prüfung als in Ordnung befunden; die Beitragszahl-Unlust mancher Mitglieder hingegen wurde beklagt. Zudem dankte Kupfernagel im Namen des Vorstandes Frau Veronica Otto, „die aktiv die Arbeit unseres Vereines lenkt und inspiriert“.

Dann unterbreitete Kupfernagel den Vorschlag, der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die dem Sangerhäuser Schleef-Verein als Mitglied angehört, die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. Dies war unstrittig, nur über den Zeitpunkt, wann die in Wien und München lebende Schriftstellerin darüber informiert werden sollte, gab es nicht sofort Einigkeit. Frau Jelinek hat anlässlich des Todes von Schleef im Jahr 2001 geschrieben: „Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Fassbinder, im Osten Schleef. Sie waren beide unersättlich, aber nur, um umso mehr geben zu können. Am Schluss haben sie sich selbst gegeben. Sie sind über sich gestolpert und haben ihr Herz ausgespuckt.“

Ein größeres Kompliment an Schleef ist undenkbar. In der Welt des Theaters und der Literatur ist dies angekommen. Anderswo noch nicht so ganz, wie die Debatte um die Ehrung Schleefs in seiner Geburtsstadt zeigte. Frau Otto und Frau Krause untermauerten noch einmal ihre Vorschläge. Helmut Loth, Vorsitzender des Geschichtsvereines, steuerte einen weiteren bei: Ehrung bekannter Sangerhäuser Personen durch Stelen, Tafeln, Veranstaltungen und dergleichen mehr. Ein Vorschlag des Vorsitzenden des Hettstedter Druckereivereins sorgte immerhin für Heiterkeit: Er empfahl, die frühere Hindenburg- und heutige Ernst-Thälmann-Straße zu entpolitisieren und ihr den Namen eines Künstlers zu geben: Einar Schleef. Das Aufwallen der Emotionen einiger Anwesender war echt: In Sangerhausen undenkbar! Überdies, so wurde angedeutet, „würde sich Schleef im Grabe herumdrehen“, in einer Straßennamensreihe mit diesen Politikern zu stehen.

Andreas Ricci während seiner Lesung beim Schleef-Arbeitskreis. (Foto: Jochen Miche) Andreas Ricci während seiner Lesung beim Schleef-Arbeitskreis. (Foto: Jochen Miche)
Doch hat nicht Schleef selbst gern provoziert, sich gerieben an den Verhältnissen oder, wie der Schleef-Arbeitskreis es im Internet formuliert, in der Kunst seine Heimat gesehen, aber um die Heimatlosigkeit der heutigen Kunst gewusst? Heimat, nicht unbedingt geliebte, aber immerhin prägende, war auch die Thälmannstraße, die Schleef fast täglich passiert und zuweilen auch fotografiert hat („Baumschnitt“). Die Frage, die sich dem Unbedarften stellt, ist die, ob Schleef hier mehr gehasst wird als Thälmann und Hindenburg oder weniger als diese beiden Herren geliebt wird?

Die Diskussion um die Ehrung Schleefs wurde mit grandioser Empathie und feinster intellektueller Zurückhaltung geführt. Da besteht Rutschgefahr, eine größere als die auf der festgetretenen Schnee- und Eisdecke vor einem unbewohnten Gebäude in der Ernst-Thälmann-Straße, welches auf dem Weg zum Spengler-Museum liegt. Doch das Rutsch-Risiko lohnte sich, da im Museum mit dem zweiten Akt etwas sehr Schönes wartete: Dr. Peter Staatsmann, Intendant des Zimmertheaters Rottweil, und der aus der Schweiz stammende Schauspieler Andreas Ricci gestalteten ein Schleef-Programm. Hier stellte Staatsmann (kein Künstlername, wie er msh-online anvertraute) seine Uraufführung von Schleefs „Wezel“ 1995 in Sondershausen in Wort und Film vor, bevor sich Andreas Ricci eine Wolldecke überwarf und drunter und drüber Schleef-Texte las. Begeisterter Applaus. Für eine Jahreshauptversammlung in zwei Akten.
Jochen Miche
Autor: jm

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