So, 19:11 Uhr
01.11.2015
Identität und Erbe. Die Religion Wilhelm von Humboldts. Vortrag in Hettstedt-Bürgörner
Hugenotten lehrten den Deutschen Fleiß und Disziplin
Die Hugenotten sind ein gutes Beispiel für gelungene Integration, erfuhren am Reformationstag die Besucher eines Vortrags im Mansfeld-Museum Hettstedt. Mehr noch: Die Deutschen verdanken so urdeutsche Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit und Gründlichkeit Einwanderern...
Im festlichen Carolinensaal des Mansfeld-Museums Hettstedt sprach Pfarrer Dr. Matthias Paul über "Die Religion Wilhelm von Humboldts". (Foto: Jochen Miche)
Es waren die Auskünfte und Erläuterungen am Rande, die dem Vortrag des Mansfelder Pfarrers Dr. Matthias Paul die besondere Würze gaben. Er sprach im Rahmen des Reformationsgedenkens 2015 über Identität und Erbe. Die Religion Wilhelm von Humboldts im Carolinensaal des Museums – des Hauses, in dem Humboldts Ehefrau Caroline von Dacheröden, die er 1788 kennengelernt hatte, viele Jahre lang gelebt und in das es auch ihn zuweilen gezogen hat. Ein beeindrucktes Publikum folgte dem Vortrag, der tief in die Geschichte derer von Humboldt eindrang, um die Entwicklung Wilhelms zu dem bedeutenden Wissenschaftler und Politiker darzustellen, als der er in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Und natürlich, um sich dessen Religionsbegriff zu nähern.
Humboldt (22. Juni 1767 - 8. April 1835) hat sich selbst kaum zu seiner eigenen Religion geäußert. Die Auffassungen des Protestanten hierzu schlugen sich überwiegend in seinen bildungsreformerischen und bildungspolitischen Schriften nieder, erfuhren die Zuhörer. Unter anderem lehnte er das Einmischen des Staates in die Religion ab, da es dazu führe, dass bestimmte Meinungen gefördert, andere unterdrückt werden könnten. Wilhelm von Humboldt war der Auffassung, dass der Staat nicht vorschreiben könne, welche Religion ein Mensch ausüben solle. Er träumte von einem Reich freier Geister.
Zum Gottesglauben gehört im Christentum auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dies hat der Wissenschaftler Wilhelm von Humboldt in einen bemerkenswerten Kontext gestellt: Sein Ewigkeitsbild wird von der Tatsache geprägt, dass in jedem Menschen die Basis dafür angelegt ist, die nötig ist, um alles zu erlernen, was es an handwerklichem oder geistigem Wissen zu erwerben gibt. Da das irdische Leben jedoch viel zu kurz ist, um all dieses im Versteckten Vorhandene ausprägen zu können, müsse dieser Lernprozess nach dem Tod weitergehen.
In den Schriften Humboldts spielt Martin Luther kaum eine Rolle. Allerdings würdigt er in seinen Überlegungen zum Fortschritt der Menschheit zwei Persönlichkeiten als die zwei großen Beweger der Neuzeit: Friedrich, den Einzigen (Friedrich II., später der Große genannt) und den Reformator Martin Luther.
Was immer Wilhelm von Humboldt zu dem genialen Wissenschaftler gemacht hat: Seine Herkunft, sein unerhörter Fleiß und seine exzellente Bildung durch hervorragende Hauslehrer spielten hier eine wesentliche Rolle. Mit Herkunft bezog sich der Referent vor allem auf Humboldts Mutter Marie-Elisabeth von Humboldt. Sie entstammte einer hugenottischen Kaufmanns- und Kunsthandwerkerfamilie und brachte, wie die meisten Hugenotten (französische Protestanten) Haltungen und Auffassungen mit nach Deutschland, die hier keineswegs nur auf Gegenliebe stießen. Dr. Paul: Da gab es kaum Begeisterung. Pfarrer schrien gar von der Kanzel, das seien alles Irrgläubige.
Es störte viele, dass die Hugenotten hier Privilegien hatten. Zudem war der Glaube der Hugenotten vom Calvinismus bestimmt, der die unbedingte Heiligkeit Gottes betonte und das ganze Gehabe der katholischen Kirche seiner Zeit mit Sakramenten, Reliquien und Ablasshandel für Versuche hielt, die Souveränität Gottes zu untergraben und dessen Bedeutung an Irdisches zu binden. Diese konsequente Lehre, die sich weltweit durchsetzte, ängstigte nicht nur die französischen Katholiken und ihren Sonnenkönig Ludwig XIV., die die Hugenotten verfolgten und zur Flucht veranlassten, sondern selbst deutsche Protestanten, die erleben mussten, wie die Franzosen gewissermaßen an ihnen vorbeizogen auf dem Weg zum Erfolg. Dr. Paul: Die Hugenotten waren an Aufstieg interessiert. Von den Lutheranern weiß man, dass sie seinerzeit nur selten so fleißig und diszipliniert waren wie die Hugenotten. Humboldts Urgroßvater, der Pariser Kaufmann Henri Colomb, war 1685 zunächst nach Kopenhagen ausgewandert, wo er als Kunsthandwerker am königlichen Hof arbeitete, bevor er um 1711 nach Brandenburg umsiedelte und ebenfalls in königliche Dienste trat. Dieser Geist der Verlässlichkeit und des Strebens nach maximaler Bildung zog sich durch die Generationen derer von Humboldt und schlug sich neben anderem in der fortschrittlichen Bildungspolitik Wilhelm von Humboldts, seinem Streben nach Trennung von Staat und Kirche und in seinem Traum von einem Reich der freien Geister nieder.
Der Referent erhielt viel Applaus für seinen ebenso tiefschürfenden wie erhellenden Vortrag.
Aber auch der Berufsmusiker und studierte Sänger Frank Exner, Leiter der Gruppe Bingo Bongo und ein inzwischen in ganz Deutschland gefragter Tenor, bekam begeisterten Applaus für seine a cappella-Interpretationen. Er ergänzte das Humboldt-Thema dieses Tages mit dem Lied von Franz Schubert An die Musik und krönte den Vortrag von Dr. Paul mit Robert Schumanns Freisinn.
Eine schöne Geste des Fördervereins Mansfeld-Museum: den interessanten Nachmittag im Carolinensaal mit einem Glas Sekt bei lockeren Gesprächen ausklingen zu lassen.
Jochen Miche
Autor: jm
Im festlichen Carolinensaal des Mansfeld-Museums Hettstedt sprach Pfarrer Dr. Matthias Paul über "Die Religion Wilhelm von Humboldts". (Foto: Jochen Miche)
Es waren die Auskünfte und Erläuterungen am Rande, die dem Vortrag des Mansfelder Pfarrers Dr. Matthias Paul die besondere Würze gaben. Er sprach im Rahmen des Reformationsgedenkens 2015 über Identität und Erbe. Die Religion Wilhelm von Humboldts im Carolinensaal des Museums – des Hauses, in dem Humboldts Ehefrau Caroline von Dacheröden, die er 1788 kennengelernt hatte, viele Jahre lang gelebt und in das es auch ihn zuweilen gezogen hat. Ein beeindrucktes Publikum folgte dem Vortrag, der tief in die Geschichte derer von Humboldt eindrang, um die Entwicklung Wilhelms zu dem bedeutenden Wissenschaftler und Politiker darzustellen, als der er in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Und natürlich, um sich dessen Religionsbegriff zu nähern.
Humboldt (22. Juni 1767 - 8. April 1835) hat sich selbst kaum zu seiner eigenen Religion geäußert. Die Auffassungen des Protestanten hierzu schlugen sich überwiegend in seinen bildungsreformerischen und bildungspolitischen Schriften nieder, erfuhren die Zuhörer. Unter anderem lehnte er das Einmischen des Staates in die Religion ab, da es dazu führe, dass bestimmte Meinungen gefördert, andere unterdrückt werden könnten. Wilhelm von Humboldt war der Auffassung, dass der Staat nicht vorschreiben könne, welche Religion ein Mensch ausüben solle. Er träumte von einem Reich freier Geister.
Zum Gottesglauben gehört im Christentum auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dies hat der Wissenschaftler Wilhelm von Humboldt in einen bemerkenswerten Kontext gestellt: Sein Ewigkeitsbild wird von der Tatsache geprägt, dass in jedem Menschen die Basis dafür angelegt ist, die nötig ist, um alles zu erlernen, was es an handwerklichem oder geistigem Wissen zu erwerben gibt. Da das irdische Leben jedoch viel zu kurz ist, um all dieses im Versteckten Vorhandene ausprägen zu können, müsse dieser Lernprozess nach dem Tod weitergehen.
In den Schriften Humboldts spielt Martin Luther kaum eine Rolle. Allerdings würdigt er in seinen Überlegungen zum Fortschritt der Menschheit zwei Persönlichkeiten als die zwei großen Beweger der Neuzeit: Friedrich, den Einzigen (Friedrich II., später der Große genannt) und den Reformator Martin Luther.
Was immer Wilhelm von Humboldt zu dem genialen Wissenschaftler gemacht hat: Seine Herkunft, sein unerhörter Fleiß und seine exzellente Bildung durch hervorragende Hauslehrer spielten hier eine wesentliche Rolle. Mit Herkunft bezog sich der Referent vor allem auf Humboldts Mutter Marie-Elisabeth von Humboldt. Sie entstammte einer hugenottischen Kaufmanns- und Kunsthandwerkerfamilie und brachte, wie die meisten Hugenotten (französische Protestanten) Haltungen und Auffassungen mit nach Deutschland, die hier keineswegs nur auf Gegenliebe stießen. Dr. Paul: Da gab es kaum Begeisterung. Pfarrer schrien gar von der Kanzel, das seien alles Irrgläubige.
Es störte viele, dass die Hugenotten hier Privilegien hatten. Zudem war der Glaube der Hugenotten vom Calvinismus bestimmt, der die unbedingte Heiligkeit Gottes betonte und das ganze Gehabe der katholischen Kirche seiner Zeit mit Sakramenten, Reliquien und Ablasshandel für Versuche hielt, die Souveränität Gottes zu untergraben und dessen Bedeutung an Irdisches zu binden. Diese konsequente Lehre, die sich weltweit durchsetzte, ängstigte nicht nur die französischen Katholiken und ihren Sonnenkönig Ludwig XIV., die die Hugenotten verfolgten und zur Flucht veranlassten, sondern selbst deutsche Protestanten, die erleben mussten, wie die Franzosen gewissermaßen an ihnen vorbeizogen auf dem Weg zum Erfolg. Dr. Paul: Die Hugenotten waren an Aufstieg interessiert. Von den Lutheranern weiß man, dass sie seinerzeit nur selten so fleißig und diszipliniert waren wie die Hugenotten. Humboldts Urgroßvater, der Pariser Kaufmann Henri Colomb, war 1685 zunächst nach Kopenhagen ausgewandert, wo er als Kunsthandwerker am königlichen Hof arbeitete, bevor er um 1711 nach Brandenburg umsiedelte und ebenfalls in königliche Dienste trat. Dieser Geist der Verlässlichkeit und des Strebens nach maximaler Bildung zog sich durch die Generationen derer von Humboldt und schlug sich neben anderem in der fortschrittlichen Bildungspolitik Wilhelm von Humboldts, seinem Streben nach Trennung von Staat und Kirche und in seinem Traum von einem Reich der freien Geister nieder.
Der Referent erhielt viel Applaus für seinen ebenso tiefschürfenden wie erhellenden Vortrag.
Aber auch der Berufsmusiker und studierte Sänger Frank Exner, Leiter der Gruppe Bingo Bongo und ein inzwischen in ganz Deutschland gefragter Tenor, bekam begeisterten Applaus für seine a cappella-Interpretationen. Er ergänzte das Humboldt-Thema dieses Tages mit dem Lied von Franz Schubert An die Musik und krönte den Vortrag von Dr. Paul mit Robert Schumanns Freisinn.
Eine schöne Geste des Fördervereins Mansfeld-Museum: den interessanten Nachmittag im Carolinensaal mit einem Glas Sekt bei lockeren Gesprächen ausklingen zu lassen.
Jochen Miche


