So, 22:17 Uhr
01.11.2015
Kirchengemeinde und Stadt würdigen Reformation
Liedtexte in Fraktur als Referenz an Humboldts Zeit
Während eines Gebets in der evangelischen Kirche St. Nikolai im Hettstedter Ortsteil Burgörner-Altdorf am Reformationstag. (Foto: Jochen Miche)
Eine Andacht, in der laut Pfarrer Klemens Niemann alles zusammenkommt: Unser Glaube, unser Verstand, unser ganzes Leben. Wo kann es die schon geben? In der Kirche St. Nikolai in Hettstedts Ortsteil Burgörner-Altdorf wagte er sich an diese große Aufgabe.Diese Andacht am Reformationstag war Teil eines Programms der Stadt Hettstedt unter dem Titel Identität und Erbe. Die Religion Wilhelm von Humboldts. Dem Beginn in der Kirche folgte ein Vortrag des Mansfelder Pfarrers Dr. Matthias Paul mit a cappella-Umrahmung durch den Tenor Frank Exner im Humboldt-Schloss.
Zunächst aber folgten Gemeindeglieder und zahlreiche Besucher der Einladung in die Kirche St. Nikolai im Hettstedter Ortsteil Burgörner-Altdorf. Dort wurden die Besucher mit einer kleinen Herausforderung konfrontiert: Die Texte der zwei gemeinsam gesungenen Lieder Werth der Religion (nach der Melodie von Wer nur den lieben Gott lässt walten) und Herr, mein Licht (nach der Melodie Liebster Jesu) wurden den Besuchern in zweierlei Weise in die Hand gedrückt: In moderner lateinischer Schrift und als Kopie der Liedtexte aus einem Gesangbuch zum gottesdienstlichen Gebrauche für die Stadt und das Herzogthum Magdeburg aus dem Jahr 1828. Eine wahrhaft entzückende Idee! Denn nicht allein deshalb, weil hiermit auf die Zeit eingestimmt wurde, die im späteren Vortrag über Die Religion Wilhelm von Humboldts eine große Rolle spielen sollte, wurde dies von vielen Anwesenden als echte Bereicherung empfunden, sondern auch wegen der Herausforderung, die deutsche Fraktur in dem Tempo mitzulesen, wie der Organist vorgab (an der Orgel saß übrigens der kurzfristig eingesprungene Wolfgang Schuchert aus Siersleben).
Pfarrer Klemens Niemann thematisierte die auch Martin Luther besonders wichtige Erwartung von der Freiheit des Christenmenschen. Die Gotteserfahrung als grundsätzliche Befreiungserfahrung oder, wie es der Apostel Paulus formuliert, Zur Freiheit hat uns Christus befreit, spielt im Leben jedes Christen eine wichtige Rolle – und wirkte bereits vor 500 Jahren. Luther, so Niemann, hat der Religion, dem Glauben wieder Gehör und Geltung verschafft. Und, so erklärte er glaubhaft: Die Reformation entfaltet bis heute ihren Facettenreichtum. Das damals in Gang gesetzte Geschehen wird von uns heute fortgesetzt. Das Hettstedter Programm zum Reformationstag 2015 war ein gelungener Schritt in diese Richtung.
Jochen Miche


