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Kunstausstellung in Helbra

Vom Gemälde bis zur Zinnfigur

Samstag, 16. April 2016, 00:16 Uhr
Großes Kino: In Helbra gibt es seit 2010 Kunstausstellungen, und in diesem Jahr gab es - so ist nun mal großes Kino – wohl auch ein paar Tränen der Freude und der Enttäuschung. Die einen bei 50 Künstlern, die einen Platz im Helbraer Sonnensaal ergattert hatten, und die anderen, weil sie keinen Platz mehr im Saal bekommen haben. Ach ja: Beinahe-Tränen gab es auch bei einigen Kindern – vom Lachen über die witzigen Ideen des Kinderunterhalters Haraldino.
Blick in die Kunstausstellung im Helbraer "Sonnensaal". (Foto: Jochen Miche) Blick in die Kunstausstellung im Helbraer "Sonnensaal". (Foto: Jochen Miche)
Der heute mal nicht in seiner lustigen Berufsbekleidung steckende Haraldino – also eher der Mensch dahinter namens Sven Lange – betreute das Glücksrad, vor dem sich zeitweise richtige Schlangen bildeten. Das war aber auch nicht verwunderlich, immerhin gab es hier sogar für „Nichts“ nette Preise, für die neben anderen auch die Sparkasse Mansfeld-Südharz gesorgt hatte. So kam es, dass zuweilen selbst ein Bonbon, ein Luftballon oder ein Kugelschreiber den Kindern ein Lächeln ins Gesicht zauberte, wenn nur Haraldino gerufen hatte: „Nichts, wo bist du? Nihichts?“, um dann unter dem Tisch oder aus einem Säckchen "Nichts" in Form einer kleinen Überraschung hervorzuzaubern.
Die Kunst der "Malens mit dem Bügeleisen", die Encaustik,  führt in Helbra Veronika Schalich aus Oberröblingen vor. Sie hatte viele begeisterte Zuschauer. (Foto: Jochen Miche) Die Kunst der "Malens mit dem Bügeleisen", die Encaustik, führt in Helbra Veronika Schalich aus Oberröblingen vor. Sie hatte viele begeisterte Zuschauer. (Foto: Jochen Miche)
Dank einer kunstinteressierten Schulleiterin und engagierter Lehrerinnen bekamen alle Helbraer Grundschulkinder heute Gelegenheit, klassenweise die Kunstausstellung zu besuchen. Der Rundgang entlang und durch die von der Helbraer Firma Lignum GmbH Messe und Ladenbausysteme errichteten „Kunsträume“ und die Begegnung mit den Künstlern glich einem Abenteuer.

Es gab viel zu sehen und manches zum Mitmachen. Beispielsweise bei Erika Schacht aus Klostermansfeld und Ursula Karras aus Benndorf, wo sich die Kinder Freundschaftsbänder aus Wolle anfertigen konnten. Oder bei Veronika Schalich aus Obersdorf bei Sangerhausen, die zeigte, wie mit dem Bügeleisen Bilder geschaffen werden. Von dieser Technik - der Encaustik - war sogar Helbras Bürgermeister Alfred Böttge begeistert, der, wie auch andere, ein solches Landschaftsbild im Postkartenformat geschenkt bekam.
Am Stand von Lutz Hiller mit Heimatliteratur versuchten sich einige Kinder als "Übersetzer" der alten deutsche Druckschrift oder wunderten sich über seltsam anmutende Broschürentitel. Wunderbar: Erstmals außerhalb des Eisleber Geschäfts "Heimatbuch" konnten Menschen mal wieder in einem "Helbraer Anzeiger" lesen. (Foto: Jochen Miche) Am Stand von Lutz Hiller mit Heimatliteratur versuchten sich einige Kinder als "Übersetzer" der alten deutsche Druckschrift oder wunderten sich über seltsam anmutende Broschürentitel. Wunderbar: Erstmals außerhalb des Eisleber Geschäfts "Heimatbuch" konnten Menschen mal wieder in einem "Helbraer Anzeiger" lesen. (Foto: Jochen Miche)
Die Kunstausstellung geht auf eine Initiative von Michaela Horlbog und Werner Thurm zurück. Im Jahr 2010 initiierten sie die erste Ausstellung im Kinderhaus "Marianne und Gerhard Rohne". Aus der kleinen, feinen Aktion wurde etwas, das inzwischen sogar den Sonnensaal zu sprengen droht. Gemeinderat Sven Lange ist begeistert: „Das ist ein absolutes Phänomen. Das Interesse war so groß, dass wir 20 Interessenten absagen mussten. Das hat uns leid getan, ging aber nicht anders, weil wir die Galerie ja nicht mehr nutzen dürfen.“ Was einhundert Jahre lang ging, soll plötzlich nicht mehr gehen, weil die Galerie keinen zweiten Ausgang hat, also wurde diese für die Nutzung gesperrt. Die Konsequenz für die Gemeinde: Um auch diesen attraktiven Platz nutzen zu können, müssen mehrere zehntausend Euro für einen Durchbruch und eine Treppe von außen investiert werden.
Blick in den Sonnensaal mit den vielen interessanten Kunstboxen. Und vor allem: mit den begeisterungsfähigen jungen Besuchern. (Foto: Jochen Miche) Blick in den Sonnensaal mit den vielen interessanten Kunstboxen. Und vor allem: mit den begeisterungsfähigen jungen Besuchern. (Foto: Jochen Miche)
Heute war nur für Schulkinder geöffnet. Am Sonnabend und Sonntag erwartet die Ausstellung ein Publikum jeden Alters. Geöffnet ist jeweils von 10 bis 18 Uhr. Es wird ein kleiner Obolus von zwei Euro erbeten, erklärte Sven Lange. Der Grund: „Es fallen unter anderem Kosten an für Reinigung, Wärme und die Stellwände, auch wenn wir hier einen absoluten Freundschaftspreis bekommen haben." Am Wochenende ist zudem für Versorgung mit Essen und Getränken gesorgt.

Letzteres kann ganz sinnvoll sein, besonders für diejenigen, die sich festlesen - zum Beispiel im "Helbraer Anzeiger" von 1894. Dank des ambitionierten Wirkens von Gemeinderäten wie Sven Lange & Co. sind einige Bände der früheren Helbraer Regionalzeitung zumindest für diese drei Tage erstmals wieder an den Ort zurückgekehrt, in dem sich vor mehr als 100 Jahren all jene Ereignisse zutrugen, über die in diesen noch Buchstabe für Buchstabe gesetzten Texten berichtet wird. Sie sind noch bis Sonntag im Sonnensaal zu besichtigen, danach kehren sie nach Eisleben ins „Heimatbuch“ zurück.
Schlange stehen bei Haraldino alias Sven Lange. Der Helbraer betreute das Glücksrad und ließ kein Kind ohne Preis nach Hause gehen. In den Drehpausen fesselte er die Kleinen mit Fragen, die Jubel- oder Entsetzensschreie hervorriefen, auf jeden Fall aber niemanden (auch die lauschenden Erwachsenen) gleichgültig ließen. (Foto: Jochen Miche) Schlange stehen bei Haraldino alias Sven Lange. Der Helbraer betreute das Glücksrad und ließ kein Kind ohne Preis nach Hause gehen. In den Drehpausen fesselte er die Kleinen mit Fragen, die Jubel- oder Entsetzensschreie hervorriefen, auf jeden Fall aber niemanden (auch die lauschenden Erwachsenen) gleichgültig ließen. (Foto: Jochen Miche)
Diese Zeitungen kennzeichnen die Vielfalt der Ausstellungsgegenstände. Die Besucher dürfen sich freuen auf Gemälde, Töpferarbeiten, Miniaturschnitzereien, Klöppelarbeiten, Zinnfiguren-Dioramen und vieles mehr. Und vor allem auf die gut aufgelegten Künstler(innen) selbst. Sie beantworten nahezu alle Fragen zu ihrer Arbeit, manche lassen ihre Besucher auch mal etwas selbst ausprobieren. Wer also viel Interessantes entdecken möchte und sich nicht vor zeitweiser Enge in den Gängen scheut, ist an diesem Wochenende tagsüber nirgendwo besser aufgehoben als im Helbraer Sonnensaal.

Jochen Miche
Autor: jm

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