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Sa, 19:00 Uhr
06.08.2022
16. Harz-Hunderter Extrem

147 Kilometer Tortur-Tour

Wunden an mehreren Körperstellen des Wanderleiters, ein weithin baumloser Harz fast ohne sprudelnde Bergbäche, aber durchaus glückliche Langstreckenwanderer: So lässt sich der 16. Harz-Hunderter-Extrem von Seesen über den Brocken nach Eisleben zusammenfassen...

Christian Richter aus Jena bewundert den Morgennebel im Tal zwischen Wippertalsperre und Wippra nach knapp 120 Kilometern am dritten Tag des 16. Harz-Hunderters Extrem. Neun Stunden später hat der Extremwanderer den Harz zum zweiten Mal in West-Ost-Richtung am Stück durchquert. (Foto: Bodo Schwarzberg) Christian Richter aus Jena bewundert den Morgennebel im Tal zwischen Wippertalsperre und Wippra nach knapp 120 Kilometern am dritten Tag des 16. Harz-Hunderters Extrem. Neun Stunden später hat der Extremwanderer den Harz zum zweiten Mal in West-Ost-Richtung am Stück durchquert. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Zum zwölften Mal gelang zwei Teilnehmern des 16. Harz-Hunderters Extrem am vergangenen Wochenende die Überquerung des Harzes in seiner größten West-Ost-Ausdehnung im Rahmen einer Nonstopwanderung mit zwei Nächten ohne Schlaf.

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Antje Otte-Hartig aus Nordhausen sowie Lutz Hollerbuhl aus Sangerhausen hatten sich mit der Route Seesen-Straßberg für die schwierigere der beiden möglichen 100 km-Abschnitte entschieden, denn die Anstiege auf den ersten 46 Kilometern von Seesen über das Torfhaus zum Brocken, sind ungleich größer, als zwischen dem Brocken und Eisleben, ebenfalls rund 100 Kilometer, wo es aber tendenziell bergab geht.

Dr. Christian Richter aus Jena und ich als Wanderleiter starteten in Seesen mit dem Ziel Eisleben, das in 147 Wanderkilometern Entfernung liegt, Christian Richter mit der Chance einer zweiten, ich der zwölften West-Ost-Harzquerung. Bewusst will sich diese Veranstaltung von Massenevents mit regelmäßiger Verpflegung und umfassender Betreuung der Teilnehmenden unterscheiden.

Das bedeutete zum Beispiel, dass wir auf den ersten 55 Kilometern von Seesen über Altenau, Torfhaus und den Brocken nach Schierke unsere Verpflegung komplett aus unseren Rücksäcken bezogen.

Im regenreichsten Gebiet Mitteldeutschlands, dem Brockengebiet, erlebten wir tatsächlich erstnals in der Geschichte der Wanderveranstaltung, regnerisches Wetter: Zwischen Altenau (km 28) und dem Brocken, schüttete es kräftig, was sicher mit dazu beitrug, dass wir nach Aussage einiger Brockenhotelbewohner gegen 8 Uhr am Sonnabend die ersten Wanderer auf dem höchsten Harzgipfel gewesen sein sollen.

Das UNESCO-Weltkulturerbe Oberharzer Wasserregal, das mit all seinen Kanälen und künstlichen Seen einst eine Grundlage für den Bergbau war, hatten wir wenige Stunden zuvor und wie in den vergangenen Jahren auch schon, staubtrocken erlebt. Vor ca. 300 Jahren, der Entstehungszeit des Wasserregals, wäre unter den jetztschon seit Jahren herrschenden niederschlagsarmen Bedingungen gewiss nur schwer Bergbau und eine wirtschaftliche Entwicklung möglich gewesen.

Auf dem Brocken klarte es auf und die Sonne beschien für kurze Zeit einen vor lauter Nässe dampfenden Harz. - Das ist heute ein selten gewordener, ungewohnter Anblick.

Ungewöhnlich ist auch, dass der berühmte Brockenblick von verschiedenen Stellen des Harzes auf den Brocken, angesichts des Waldverlustes von immer mehr, früher gänzlich undenkbaren Örtlichkeiten aus möglich geworden ist, ja, bezüglich des berühmten Brockenblicks gibt es klimakrisenbedingt eine regelrechte Inflation!

Wer den Brockengipfel für sich allein haben will, der wandere bei strömendem Regen hinauf und sei spätestens 8 Uhr oben. Das erste Drittel der Harzquerung von West nach Ost ist nach 46 Kilometern auf dem höchsten Harzgipfel geschafft; V.l.n.r. Antje Otte-Hartig, Lutz Hollerbuhl, Dr. Christian Richter.  (Foto: B. Schwarzberg) Wer den Brockengipfel für sich allein haben will, der wandere bei strömendem Regen hinauf und sei spätestens 8 Uhr oben. Das erste Drittel der Harzquerung von West nach Ost ist nach 46 Kilometern auf dem höchsten Harzgipfel geschafft; V.l.n.r. Antje Otte-Hartig, Lutz Hollerbuhl, Dr. Christian Richter. (Foto: B. Schwarzberg)
So schön und einsam, wie ess auf dem morgendlichen Brockengipfel auch war: Vor uns lagen noch rund 100 Kilometer bis zum Ziel Eisleben, also noch zwei Drittel der Gesamtstrecke.

Nach dem Abstieg durch das Eckerloch, leider nunmehr ohne die traditionelle Begegnung mit Brocken-Benno, einem ausgiebigen Imbiss beim Schierker Bäcker und einem anschließenden Einkauf im dortigen Supermarkt, begaben wir uns über die Harzer Hochebene mit den Ortschaften Elend, Königshütte, Trautenstein und Stiege nach Güntersberge. Einkehrpausen gab es nach 73 Kilometern in Trautenstein (km 73), in Güntersberge (km 92) und Grillenberg (km 126).

Doch bis zum Frühstück nach dem zweiten Sonnenaufgang in Grillenberg mussten wir noch recht viele Kilometer zurücklegen.

Während im Brockengebiet allmählich das frische Grün junger Bäume einen wohltuenden Kontrast zu den zahllosen Baumleichen bildete, dominiert auf der Harzhochfläche weithin nach wie vor eine baumlose Steppe. Besonders schockierend war für mich das Absterben von geschätzt 50 Prozent der zum Teil über 40 Meter hohen, mehr als hundertjährigen Fichten im Elendstal, da diese, inmitten des dominierenden Buchenbestandes, vermutlich natürlichen Ursprungs sind.


Immerhin war es nicht so heiß wie 2018 und 2019, so dass wir in der aktuellen Harzer Steppenlandschaft nicht stundenlang bei Temperaturen von 40 und mehr Grad in der Sonne unterwegs sein mussten.

Dennoch kristallisierte sich bei mir ein Problem heraus, das ich so eigentlich seit langem nicht mehr kannte: Hautreizungen durch Schuhe und Kleidungsstücke an verschiedensten Stellen, die immer mehr zum Problem wurden. Das erzeugt durchaus innere Kämpfe: Sollte ich als Wanderleiter wie schon 2020 wieder vorzeitig, nach 100 Kilometern in Straßberg aussteigen? Das kam, so entschied ich mich, keinesfalls infrage. Denn ich wusste ja aus Erfahrung, dass man auch mit größeren Blessuren noch Dutzende Kilometer weit gehen kann. Nicht der eventuell schmerzende Körper ist das Problem. - Ein Hunderter wird immer im Kopf entschieden.

Lutz Hollerbuhl und Antje Otte-Hartig hatten in Straßberg mit 100 Kilometern ihr persönliches Ziel erreicht. Glücklich stiegen sie am Sonnabend gegen Mitternacht in das sie abholende Auto. Ich stand mit meinen aúfgeriebenen Hautpartien daneben und fuhr nicht mit.

Christian Richter, sprichwörtlich fit wie ein Turnschuh, und ich, stürzten uns stattdessen in die zweite Wandernacht, sprich in das dritte Drittel des Harz-Hunderters Extrem über den Harz von West nach Ost.

Zunächst ging es, weniger schön nach bereits absolvierten 100 Wanderkilometern am Stück, querfeldein, geführt nur per GPS, und immer der hell am Nachthimmel leuchtenden Venus entgegen, nach Dankerode, dann hinab in das Tal der Wipper mit der Wippertalsperre, der wir mehr als zehn Kilometer bis ins Städtchen Wippra folgen sollten. Immer wieder unterbrochen durch kürzere oder längere Pausen zur Behandlung meiner Hautwunden, erreichten wir Wippra nach 120 Kilometern dennoch um kurz nach 5 am Sonntagmorgen und lagen damit fast im Zeitplan.

So ungewöhnlich, wie die Tour, sind auch ihre Starter: Denn mitten in der Nacht war ein Wanderfreund aus Eisleben planmäßig zu uns gestoßen. Er war am späten Sonnabendabend in der Lutherstadt gestartet, um sich mit uns im Raum Wippra zu treffen und dann bis zum Ziel Eisleben mit uns (zurück) gehen.

Der Eisleber Wanderer entpuppte sich als Bereicherung der Veranstaltung, entschärfte er für uns zwei verbliebene Harzquerer doch einige besonders steile Geländestellen im Raum Wippra, vor allem aber die stark der Sonne ausgesetzten letzten vier Kilometer zwischen Wimmelburg und dem Bahnhof Eisleben ganz am Ende unserer Langstreckenwanderung.

Denn ausgerechnet der dritte Tag unserer Nonstop-Harzquerung begrüßte uns mit starker Sonneneinstrahlung und Hitze.

Doch um nach über 140 Kilometern Nonstopwanderung Schatten genießen zu dürfen, mussten wir nach einer wohltuenden Getränkepause an der Tankstelle in Wimmelburg zunächst eine Kupferschieferhalde besteigen, um hernach durch die ersehnten schattigen Baumbestände, und weit weg von der vielbefahrenen Hauptstraße, schließlich das Ziel der Wanderung, den Bahnhof Eisleben zu erreichen.

Ein entspannendes Ende der Tour war jedoch dank 9-Euro-Ticket-Chaos noch nicht im Zug von Halle nach Nordhausen, sondern wirklich erst in den eigenen vier Wänden möglich. Der Zug war hoffnungslos überfüllt. Vom viel beworbenen DB-Bahnkomfort konnte jedenfalls nicht im entferntesten die Rede sein. Stehende, und überall auf dem Boden sitzende Fahrgäste versperrten notgedrungen den Weg zur Toilette, zum Nachbarwaggon und sie sorgten für Chaos im Falle von zur Zugtür strebenden Passagiere.

Davon ließ ich mich jedoch nicht mehr beeindrucken: Der 16. Harz-Hunderter EXTREM war ein Erfolg: Alle Starter hatten ihr persönliches Ziel erreicht - trotz aller Beeinträchtigungen. Und der Harz konnte zum 12. Mal am Stück, mit einem Minimum an Infrastruktur, über 147 Kilometer nonstop durchquert werden.

Am 22.und 23. 10. gibt es den 43. Südharz-Hunderter von Nordhausen nach Halle. Interessenten können sich jederzeit gern unter bodo_schwarzberg@yahoo.de melden.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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