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Fr, 18:23 Uhr
29.05.2020
Der Stausee Kelbra bleibt im Fokus empörter Naturschützer

Anhaltende Proteste erzwingen „Runden Tisch“

In den Streit um die Entleerung des Stausees Kelbra im Februar hat sich nun auch die Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen mit ihren über einhundert Mitgliedern eingeschaltet. In einem Brief an die zuständige Ministerin kritisieren sie deren Maßnahmen scharf …

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Schon mehrfach berichteten wir hier über die Vorgänge am Kelbraer Stausee, der im Februar auf Weisung des Umweltministeriums von Sachsen Anhalt mit weitreichenden Folgen geleert wurde.

Martin Görner, der Leiter der Arbeitsgruppe Artenschutz in Thüringen verweist in seinem Schreiben auf die seit 1978 anerkannte Bedeutung des Feuchtgebiets, die 1983 in die Einstufung als Landschaftsschutzgebiet für den „Helmestausee Berga-Kelbra“ mündete. Die Begründung der Landesregierung Sachsen-Anhalts für die Trockenlegung, die Fische fräßen kleine Vögel und entzögen der Vogelpopulation das Futter, hält er für „einzigartig“ und meint, sie „setzt alle biologischen Fakten außer Kraft, ist unhaltbar und in keiner Weise belegt.“ Ganz konkret greift er die handelnde GRÜNEN-Ministerin Claudia Dalbert an und fährt fort: „Man fragt sich, kann es tatsächlich wahr sein, das derartige Unsinnigkeiten das Handeln bestimmen und die notwendige Nahrung von Wasservögeln (z.B. Insektenlarven, Schnecken, Muscheln, Fische) durch das Ablassen des Wassers vernichtet wird?“

Damit nicht genug schreibt Görner weiter, dass es „ebenso schlimm ist, dass durch das Ablassen des Wassers aus der Talsperre Kelbra hochwertige Biotope (z.b. Kiesbänke) in der Helme regelrecht verschlammt, also mindestens zeitweise, funktionslos wurden.“ Abschließend stellt er fest: „Aus der Sicht des Vogel-, Fisch- und Muschelschutzes ist das völlige Ablassen des Wassers aus dem Strandgewässer „Helmestausee“ keinesfalls sinnvoll, notwendig und vertretbar.“

Die Antwort aus Magdeburg kam einen Monat später und fiel, wie nicht anders zu erwarten, uneinsichtig aus. „Unterschiedliche Interessenlagen stossen hier aufeinander und haben zu Konflikten im Hinblick auf die Nutzung des Stausees geführt“, ließ die Ministern wissen und forderte eine „sachliche Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik“ ein. Eine Seite lang wiederholt sie dann, was Anfang des Jahres vorgefallen ist und wann welche Tiere entnommen wurden. Dies allerdings ist allen beteiligten Parteien hinlänglich bekannt.

Interessant ist der Absatz, in dem sie die Verantwortung auf den klageführenden Anglerverband zurückschieben möchte: „In Zusammenhang mit der Restentleerung ist das Abfischen der im Stausee befindlichen Fische erforderlich. In enger Abstimmung mit dem Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt als Betreiber der Talsperre Kelbra hat diese Aufgabe der Kreisanglerverein Sangerhausen als Pächter und Fischereiausübungsberechtigter bisher regelmäßig wahrgenommen.“

Auch in der Folge findet sich kein Wort zu den Vorwürfen der im Februar vom Aktionismus der Landesregierung überraschten Angler und der Arbeitsgruppe Artenschutz. Stattdessen ist von „Gütekriterien“ und „Gewässergüte“ die Rede. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern unterschiedlichster Behörden beschäftige sich seit 2018 mit „Überprüfung und Anpassung des bisherigen Stauregimes“, was in einen vorläufigen Betriebsplan gipfelte, „dessen Umsetzung in einer dreijährigen Pilotphase durch die Arbeitsgruppe begleitet und durch ein fachübergreifendes Monitoring überwacht werden soll.“

Übersetzt heißt das wohl, dass die Landesregierung macht, was sie möchte und auf die einstmals bewährten Abläufe bzw. Abflüsse pfeift.

Das Beharren auf den Hochwasserschutz als Grund für die See-Entleerung kontert Frank Gabriel von den Sangerhäuser Anglern sarkastisch: „Hochwasserschutz ist ganz wichtig, vor allem wenn wie im Winter 2019/2020  keinerlei Schnee im Harz liegt. Es gab im Winter 2019/2020 nicht einmal die Hochwasserschutzstufe 1 an der Helme“, merkt er an. „Im übrigen wurde die Helme aus Hochwasserschutzgründen in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Dazu zählen Deichrückverlegungen, die Beseitigung von "Engstellen" und der Bau z.B. einer Hochwasserschutzwand in der Ortslage Marinsrieth.“

Die grüne Ministerin will die Situation nun in altbewährter Weise entschärfen: „Die Konflikte bei der Nutzung des Stausees Kelbra stehen derzeit im besonderen Fokus der Öffentlichkeit“, schreibt sie in ihrem Antwortschreiben. „Um den oben dargestellten Prozess noch transparenter zu vermitteln, habe ich einen Runden Tisch initiiert, der eine Plattform für alle Beteiligten zum Informationsaustausch bilden soll.“

Oder anders ausgedrückt: Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis!“ Frank Gabriel fühlt sich an eine längst vergangen geglaubte Epoche erinnert: „Der Text der Ministerin erinnert mich sehr an SED-Zeiten. Da wurde mit dem Totschlagargument Hochwasserschutz die Helme begradigt und die Talsperre Kelbra jeden Winter restlos entleert, um die Bevölkerung und den Acker vor Hochwasser zu schützen. Jeder, der sachgerechte ökologische Bedenken hatte, wurde abgebügelt. Unser Verein hat in seinem Archiv noch Unterlagen, wonach sich Angler wegen den Begradigungen an Thyra und Helme an den damaligen DDR Ministerrat wandte. Der "Erfolg" war wie heute. Fische gehörten schon damals für einige wenige Leute nicht zur Natur.“

Bleibt abzuwarten, was der Runde Tisch nun bringen wird. Die Hoffnung von Ministerin Dalbert ist es, dass er „noch mehr als bisher Betroffenen die Gelegenheit bietet, sich mit ihren Hinweisen einzubringen.“ Beginnen kann sie ja erst eimal mit den Hinweisen der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen. Da hat sie schon ordentlich zu tun.
Olaf Schulze
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Kommentare

29.05.2020, 20.07 Uhr
PIMI | eine Psychologin
aus dem Westen wird mit Parteibuch Grün Minister im Osten ohne Ahnung vom Fach. Da sind schon alle Messen gelesen.

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30.05.2020, 01.17 Uhr
tannhäuser | Herr Schulze!
Machen Sie weiter so mit Ihrem Schreibstil!

Genau meine Kragenweite!

Apropos Messen, liebe Frau PIMI. Wie Martin Luther schrieb:

"Auf fremdem Arsch ist gut durchs Feuer reiten."

Politische Fehlbesetzungen hinterlassen verbrannte Erde, machen parteipolitisch hofiert woanders weiter und werden des Steuersäckels Gnade wegen niemals Existrnzängste verspüren.

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