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Fr, 17:48 Uhr
15.11.2019
Lichtblick zum Freitag

30 Jahre! ?!

„Mit dem Kopf durch die Wand!?“, war meine erster Gedanke als ich das Foto, das Michael Tillmann gemacht hat, gesehen habe...


Bild: Michael Tillmann
„Mauerfall“ der zweite und dann kam mir Psalm 18,30 in den Sinn: „Mit meinem Gott kann ich über Mauer springen.“ Ja, so ganz drüber kommt der Mensch nicht, Viele spannender fand ich die Erkenntnis, dass dieser uralte Text noch immer aktuell ist. Etwa 3000 Jahr ist der Psalmtext alt. 30 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. Das ist ziemlich genau ein Hundertstel dieser Zeitspanne.

In diesem Tage erinnern wir uns alle an diesen besonderen Tag, der unser Leben verändert hat. „Jetzt kann zusammenwachsen, was zusammen gehört!“ hören wir Willy Brandt sagen. Doch die Freude darüber hat eine Patina bekommen, die den ursprünglichen Glanz verdeckt. Wenn man daran kratzt, blitzt sie wieder durch und es ist wie früher. Frei sein, reisen, selbst entscheiden,
Ohne Grenzen zu reisen, genießen alle ---- die es sich leisten können. Damals trennte uns oft eine Mauer, heute die Finanzen. Daher finde ich das Foto auch doppeldeutig. Steckt der Mann fest? Ist er noch nicht fertig mit seiner Bewegung durch die Mauer?

Die Mauer ist vor 30 Jahren gefallen, aber das mach t die Jahre davor ja nicht ungeschehen. Was kaputt und getrennt war, wächst nur sehr langsam zusammen und lässt sich stabil aufbauen. Für manchen geht es zu langsam und Resignation macht sich breit. Aber wer von denen, die zuerst auf den Straßen waren, mit Kerzen und Gebeten, hätte abschätzen können, wie lange es dauert, bis die Mauer fällt. Mit Blick auf die Geschichte des 9. Novembers - durch viele Jahrzehnte hindurch wird sehr deutlich, dass es oft sehr lange dauern kann, bis Zwischenmenschliches wieder “repariert“ ist.
Wir können die Vergangenheit nicht abschütteln oder verleugnen und müssen doch nach vorn blicken und auf Zukunft hin leben. Im Grunde sind wir bis heute noch immer damit beschäftigt, immer wieder Mauern zum Einsturz zu bringen, oder sie wenigstens löchrig zu machen. Das gilt für die Kleinen genauso wie für die Großen. Mauern der Angst, der Ignoranz, der Verblendung,
Manchmal stehen Menschen vor einer Wand und dann

- Mit dem Kopf durch die Wand, ohne Rücksicht auf Verluste?
- Hier hinter der Wand geht es mir doch eigentlich ganz gut!
- Bleibe ich stecken? Bis hierher und nicht weiter! Wer weiß, was mich dort erwartet?

Das Gegenteil dazu findet sich eben in dem Psalmvers: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Das braucht Mut und Kraft und Ausdauer! Gott selbst überwindet Mauern. Er bleibt nicht stecken, sondern begleitet uns auf beiden Seiten der Mauer und auf dem Weg darüber und mitten durch.

Für mich ist dieser Gedanke besonders im November, mit einigen trüben Tagen, geschichtlichen Veränderungen und dem Bewusstwerden unserer Endlichkeit sehr tröstend.
Am Anfang überwindet Gott für mich alle Mauern, und dann bekommen ich die Kraft selbst über Mauern zu springen oder sie einzureißen.
Diese Gewissheit und Kraft und genügend Anlauf wünsche ich Ihnen.

Pastorin Steffi Wiegleb
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