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Sa, 00:45 Uhr
09.04.2016
Viel Prominenz beim SPD-Frühjahrstalk in Ahlsdorf

Lob zum Abschied für Bullerjahn

Der noch amtierende Finanzminister Jens Bullerjahn hatte gerufen – und es waren neben dem aktuellen Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Rainer Haseloff, (fast) alle „Ex“ gekommen: die Ex-Ministerpräsidenten Prof. Dr. Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt) und Matthias Platzeck (Brandenburg), die Ex-Oberbürgermeister Klaus Wowereit (Berlin) und Dagmar Szabados (Halle/Saale), der Ex-Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre, der Ex-Landtagsabgeordnete Norbert Born, der Berliner Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin. Wer? Thilo Sarrazin.

Alle Sitzplätze waren zum Frühjahrstalk der SPD in Ahlsdorf vergeben. (Foto: Jochen Miche) Alle Sitzplätze waren zum Frühjahrstalk der SPD in Ahlsdorf vergeben. (Foto: Jochen Miche)

Der Thilo Sarrazin? Der 1945 in Gera geborene spätere Volkswirtschaftler, der das funktionierende Konzept der deutsch/deutschen Währungsunion 1989/90 erarbeitet hatte, der als Geschäftsführer die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) in Berlin zum Erfolgsmodell machte, der ab 2002 als Senator für Finanzen im Land Berlin das Haushaltsdefizit von jeweils mehr als fünf Milliarden Euro aus den Jahren 2001 und 2002 abgebaut und geschafft hatte, dass in den Jahren 2007 und 2008 der Berliner Haushalt zum ersten Mal in der Geschichte des Landes Berlin mit Überschüssen abschließen konnte? Dieser Thilo Sarrazin? Der Sarrazin, den die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi mit den Worten „Die SPD kommt gut ohne ihn aus“ zum Parteiaustritt aufgefordert hatte, weil er sich gewagt hatte, in einer Veranstaltung der Partei „Alternative für Deutschland“ sein Buch „Der neue Tugendterror“ vorzustellen? Ja, genau dieser Sarrazin.

Böhmer erhält Standing Ovations

Dann war dieser Sarrazin wohl Hauptgast des Abends? Naja, nicht ganz. Der gesamte Saal raunte sich zwar zu: Was, Thilo Sarrazin ist hier? Wo? Nur Norbert Born, der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende, der die Ehrengäste dieses Abends vorstellte, raunte nicht. Das war nicht seine Aufgabe, die da hieß: Vorstellen der Ehrengäste. Also blieb Sarrazin unerwähnt.

Born stellte die anderen prominenten Gäste des Abends vor, welche überaus herzlichen Applaus bekamen. Zuvor jedoch, Minuten vor Beginn, war der frühere Ministerpräsident des Landes, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer (CDU), nicht mit freundlichem Applaus begrüßt, sondern geradezu gefeiert worden. Als der 80-Jährige, von seiner Gattin teilweise gestützt, den Saal betrat, wurde es ruhiger, erhoben sich unaufgefordert hunderte Menschen von den Plätzen und begannen zu applaudieren.

Wolfgang Böhmer war gekommen, seinem einstigen Stellvertreter und Finanzminister (2006 bis 2011, als Böhmer ging) zum Abschied die Referenz zu erweisen. Ihm selbst, Böhmer, wurde bei seinem eigenen Abschied ins Rentenalter vom FAZ-Journalisten Robert von Lucius ebenfalls Anerkennung gezollt. von Lucius schrieb 2011: Prof. Böhmer „gilt als knorrig, als schweigsam, als eigenwillig - selten wird erwähnt, dass er unter den amtierenden Ministerpräsidenten der fähigste ist.“

Weggefährten, die das Land Sachsen-Anhalt mit geprägt haben: Jens Bullerjahn, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer und Karl-Heinz Daehre (v. l.). (Foto: Jochen Miche) Weggefährten, die das Land Sachsen-Anhalt mit geprägt haben: Jens Bullerjahn, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer und Karl-Heinz Daehre (v. l.). (Foto: Jochen Miche)

Den Auftakt des Abends gestalteten mit erfrischender Blasmusik die Original Dippelsbacher Musikanten Ahlsdorf e. V. und der Ziegelröder Spielmannszug 1886 e. V. Letztgenannter ist als mehrfacher Landes- und Deutscher Meister gewissermaßen musikalischer Botschafter des Mansfelder Landes in Sachsen-Anhalt und der Bundesrepublik. Ähnlich wie Jens Bullerjahn, der Ziegelröder, dessen Popularität mit den Jahren gewachsen ist. Bullerjahn gehörte seit 1990 dem Landtag von Sachsen-Anhalt an und ist seit 2006 Finanzminister und stellvertretender Regierungschef; nach Böhmer behielt er diese Ämter auch unter Haseloff. Zur Landtagswahl am 13. März 2016 trat er nicht mehr an; er verlässt sein Amt, sobald die neue Regierung steht.

Frisch aufgespielt: Die Original Dippelsbacher Musikanten erfreuten ihr Publikum. (Foto: Jochen Miche) Frisch aufgespielt: Die Original Dippelsbacher Musikanten erfreuten ihr Publikum. (Foto: Jochen Miche)

Nirgends mehr Parteivolk im Saal

Zum Abschied von seinen Funktionen in der Regierung lud Bullerjahn noch einmal zu einem Volksfest mit Gesprächsrunde nach Ahlsdorf ein. Vor etwa 20 Jahren noch als Neujahrsempfang in der Ziegelröder Gaststätte „Weißer Hirsch“ durchgeführt, entwickelte sich die seit einigen Jahren Frühjahrstalk genannte Veranstaltung zu einem echten Magneten in der Region. Nirgends folgten im Mansfelder Land mehr Menschen der Einladung einer Partei zu einem vergleichbaren Event. Wobei: Es gab auch nichts Vergleichbares in der Region: eine Veranstaltung, in der Eintritt, Speisen und Getränke stets frei waren. Bullerjahn hat es sich etwas kosten lassen. Auch organisatorisch, denn stets gab es einen Ehrengast für die traditionelle lockere Gesprächsrunde. Unter ihnen waren amtierende und frühere Ministerpräsidenten und Größen seiner Partei wie Hannelore Kraft, Peer Steinbrück, Kurt Beck, Franz Müntefering, aber auch Politiker, die sich zu seiner Abschiedsrunde am Freitag erneut nach Ahlsdorf aufgemacht hatten, wie Wolfgang Böhmer und Matthias Platzeck.

Mitten drin im Gemenge: der einstige Sanierer der Berliner Finanzen und populäre Sachbuchautor, Thilo Sarrazin, mit Ehefrau. (Foto: Jochen Miche) Mitten drin im Gemenge: der einstige Sanierer der Berliner Finanzen und populäre Sachbuchautor, Thilo Sarrazin, mit Ehefrau. (Foto: Jochen Miche)

Die diesjährige Gesprächsrunde, in der es viel Applaus für Witz und Leichtigkeit, aber auch für Erfahrungen aus dem Politikalltag gab, bestritt Jens Bullerjahn mit Michael Platzeck und Klaus Wowereit. Es moderierte der Pressesprecher des Finanzministeriums, Wolfgang Borchert. Im Folgenden einige Ausschnitte aus den Gesprächen des Trios auf der Bühne.

Alle SPD-Wähler in Ahlsdorf

Wowereit kalauerte in Anspielung auf das schlechte Wahlergebnis der SPD am 13. März in Sachsen-Anhalt: „Dass hierher nach Ahlsdorf immer viele Menschen kommen, hatte ich gehört, aber es überrascht mich schon, dass gleich alle SPD-Wähler gekommen sind …“

Wowereit über Bullerjahns Hobbys Segeln und Motorradfahren: „Beim Blick in deine Garage habe ich gestaunt, dass man schon als Minister Zeit für so viele Hobbys haben kann.“ Das Gespräch kam auf Trinkvorlieben. Alle drei tranken an diesem Abend Bier, bekannten aber, ebenso Wein zu mögen. Platzeck erklärte, dass es auch in Brandenburg Weinanbau gebe, der Wein aber mit anderen Trauben veredelt werden müsse, was hervorragende Weine hervorbringe. Er witzelte über die früheren Brandenburger Winzerprodukte: „Wenn du Wein verschenken wolltest, musstest du zwei Flaschen hingeben, denn es konnte passieren, dass dir die erste Flasche Löcher in den Magen fraß und die zweite Flasche sie wieder zusammenzog.“

Geduld als Basis guter Politik

Alle drei Gesprächspartner übten reichlich Kritik an der Presse, aber auch an Abgeordneten, die sich selbst mit vertraulichen Informationen bei Pressevertretern beliebt zu machen versuchen. Platzeck: „Egon Bahr, der Architekt der deutschen Ostpolitik, hat mir mal gesagt, dass die Annäherung an die Sowjetunion seinerzeit undenkbar gewesen wäre, wenn alle unsere Gedanken bereits bevor sie zu Ende gedacht waren, in den Zeitungen gestanden hätten. Bahr sagte, er habe stets lange nachgedacht, dann sortiert, bevor er dies an Willy Brandt weitergab, welcher seinerseits lange nachdachte und abwog, bevor er Entscheidungen traf. Heute ist ein ruhiges Nachdenken, Diskutieren und Abwägen meist nicht mehr möglich, und diese Schnelligkeit macht die Welt keineswegs besser.“

Gut aufgelegte Gesprächsrunde. Von links: Wolfgang Borchert, Klaus Wowereit, Jens Bullerjahn und Michael Platzeck. (Foto: Jochen Miche) Gut aufgelegte Gesprächsrunde. Von links: Wolfgang Borchert, Klaus Wowereit, Jens Bullerjahn und Michael Platzeck. (Foto: Jochen Miche)

Zum Thema Presse steuerte Bullerjahn eine Erfahrung aus seinem Berufsalltag bei: „Das, was die Presse mir vorwarf, dass Entscheidungen getroffen werden mussten, die zu Personalabbau führen, machen die selbst aber straff: Personal abbauen.“ (Das dann im günstigsten Fall durch schlecht bezahlte freie Mitarbeiter – oft die früheren Festangestellten selbst – ersetzt wird.) Der permanente Beschuss der Regierung durch die Presse sei teilweise sehr kraftraubend; Bullerjahns Fazit, um den Alltag als Politiker durchzustehen: „An der Presse darf man nicht kaputt gehen.“

Der Moderator witzelte: „Jens Bullerjahn hat zwei Pressesprecher: Der eine erklärt, der andere dementiert.“ Michael Platzeck ging mit den Medien ins Gericht: „Es haben immer weniger gute Leute Interesse, in Parteien mitzuarbeiten. Ich wünsche mir, dass die Medien in der Öffentlichkeit mithelfen Lust auf Parteien zu machen.“

Tigerente: Sturm, Milliardenschuld: egal

Die Lust auf Politik hat den drei Diskussionspartnern niemand genommen. Sie tauschten ihre Erinnerungen aus, wie sie zur Politik gekommen sind, und was sie bis heute manchmal wundert. Wowereit: „Hast du bei irgendeinem Tigerentenclub mal fünf Euro gestrichen, gab es gleich einen Aufschrei der Entrüstung. Hast du aber fünf Milliarden Schulden gemacht, hat kein Aas aufgeschrien.“ Hier hängte Platzeck ein Kompliment für Bullerjahn an, der Sachsen-Anhalts Haushalt aus einem Tief geholt und damit „eine große Leistung für die Zukunft des Landes vollbracht habe“.

Wowereit würdigte die Leistungen des scheidenden Finanzministers: „Jens Bullerjahn ging seinen Weg immer geradlinig.“ Mit einem Augenzwinkern setzte er hinzu: „Michael Platzeck und ich sind da etwas flexibler.“ Er setzte hinzu: „Einmal für richtig erkannt, blieb Bullerjahn bei seiner Meinung. Das wurde ihm nicht immer leicht gemacht.“ Diesen Aspekt ergänzte Platzeck mit dem Hinweis: „Jens Bullerjahn ist eben kein Jurist, sondern Ingenieur.“ In diesem Zusammenhang wandte sich Bullerjahn an den bis dahin unerwähnt gebliebenen Thilo Sarrazin im Publikum, begrüßte ihn und würdigte ihn als jemanden, „der sich mit Zahlen auskennt“.

Abtrainieren ist nötig

Der Moderator wollte wissen, was Bullerjahn nach Ausstieg aus der Politik vorhabe. Dieser wandte sich an Sachsen-Anhalts früheren Ministerpräsidenten Prof. Dr. Böhmer mit der Frage, wie er denn den Einstieg ins Rentendasein erlebt habe. Böhmer stand auf und wünschte Bullerjahn zunächst, dass er „beim Segeln auf der Ostsee schnell Abstand von der Politik gewinnt“. Weiter sagte er: „Als Politiker ergeht es einem wie einem Leistungssportler: Man muss abtrainieren.“ Der Moderator meinte, an den amtierenden Ministerpräsidenten, Rainer Haseloff, gerichtet: „Da müssen Sie doch prompt neidisch werden.“ Haseloff antwortete mit einem Augenzwinkern: „Wenn ich die Männer da oben sehe, die ungefähr in meinem Alter sind, und die machen nichts mehr... Aber wenn eine Aufgabe Spaß macht, sollte man sie weiter tun.“ Wowereit neckte Haseloff: „Tja, die CDU war immer für Rente ab 67. Selber schuld, wenn sie jetzt länger arbeiten müssen.“

Nach Gesprächen über die Kunst des „Nein-Sagens“ wenn man nach dem Ausstieg aus der Politik plötzlich zunehmend Angebote bekommt, irgendwo ehrenamtlich mitzuarbeiten, kamen die Gesprächspartner zum Thema Fußball. Bullerjahn bekannte, Fan und Mitglied von Bayern München zu sein, was für Jubel und Proteste im Saal sorgte. Daraufhin meldete sich Ministerpräsident Haseloff zu Wort und erklärte, ebenfalls Bayern-Fan zu sein: „Wir haben oft gerungen um Entscheidungen. Wenn überhaupt nichts mehr ging, kam es vor, dass wir auf den Fußball zu sprechen kamen. Und tatsächlich wurde danach vieles geglättet – und manches Mal Sachsen-Anhalt gerettet.“

Es war ein fröhlicher, am Ende, als es um Abschied ging, auch ein wenig nachdenklicher Abend. Alle Fragen waren beantwortet. Außer eine: Weshalb saß Thilo Sarrazin, der sich mit seiner Frau unters Volk gemischt hatte, dieser Autor, der mit „Deutschland schafft sich ab“ das meistverkaufte deutsche Sachbuch seit 1945 geschrieben und bewiesen hatte, dass seine vom politischen Establishment geschmähten Prognosen nicht nur zutrafen, sondern weit übertroffen wurden, warum hat dieser weitsichtige und mutige SPD-ler nicht mit auf der Bühne oder wenigstens bei der anderen Politprominenz in Bühnennähe gesessen? Direkt neben dem Gastgeber – dem anderen deutschen Alphatier im politischen Finanzgeschäft, das – wie Sarrazin – am Ende seiner Amtszeit ein finanziell weitgehend geordnetes Land hinterlassen hat.

Was hätten diese Männer alles über ihren Job erzählen können! Unter Umständen sogar einiges über Milliarden, die bei der inneren Sicherheit, Bildung und Renten eingespart wurden, aber dafür auf politischen Druck der Führungsriege anderweitig wenig nachhaltig versickern durften. Aber wahrscheinlich wäre dann der Abend nicht so lustig geworden und es hätten sich auf die zwischendurch von Klaus Wowereit gestellte Frage, wer im Saal denn nun die AfD gewählt habe, doch einige Arme gehoben.

Es war, wie Jens Bullerjahn ankündigte, der letzte Frühjahrstalk der SPD in Ahlsdorf. Der Finanzminister will nach Ende seiner Tätigkeit erst einmal seiner Leidenschaft, dem Segeln frönen. Doch wer weiß, vielleicht schreibt er in den Segelpausen ein Buch und lädt zur Präsentation nicht nur alte und neue Weggefährten, sondern auch Thilo Sarrazin ein, und die beiden sitzen an einem Tisch und es gibt den nächsten schönen Abend in Ahlsdorf.

Jochen Miche
Für einen Augenblick im Vordergrund: Menschen, die im Hintergrund dafür gesorgt hatten, dass die Veranstaltung gelang. (Foto: Jochen Miche)
Der Ziegelröder Spielmannszug 1886 begeisterte mit temperamentvollem und hochklassigem Spiel. (Foto: Jochen Miche)
Vorn spielt die Musik. Folglich sind alle Blicke zur Bühne gerichtet. (Foto: Jochen Miche)
Für das Leben "danach": Ein Gedicht vorgetragen und eine Kapitänsmütze geschenkt bekam Jens Bullerjahn von Weggefährten. Bullerjahn war während seiner Armeezeit Matrose bei der Marine. Noch heute hängt sein Herz an der See. (Foto: Jochen Miche)
Gespräche am Rande der Veranstaltung. Hier (im roten Shirt) Lutz Haring, Präsident des Kampfsport-Athletik-Vereins, im Gespräch mit Matthias Platzeck, daneben Karl-Heinz Daehre und Klaus Wowereit. (Foto: Jochen Miche)
Das Publikum amüsierte sich köstlich. Auf der Bühne wurde viel gescherzt, es musste nicht alles ganz bierernst genommen werden. In einigen Momenten lagen die Gesprächspartner aber verdächtig nah "am richtigen Leben". (Foto: Jochen Miche)
Autor: jm

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