Mi, 23:29 Uhr
09.03.2016
Arbeitsagentur Sangerhausen organisiert Tag der Berufe
Spannender Rundgang im Sägewerk Worch
Scharfe Sachen: In der Schärferei werden alle Formen von Sägeblättern geschärft. Vorn im Bild: Edgar Worch. Rechts: Agenturleiterin Dr. Martina Scherer. (Foto: Jochen Miche)
Für den Tag der Berufe hatte die Sangerhäuser Arbeitsagentur ja mal richtig tief in die Trickkiste gegriffen: Da gab es - beispielsweise beim Rundgang durch das Sägewerk Worch - alles, was junge Leute erwartet, wenn sie wirklich mal hier anfangen sollten: Bilderbuchwetter, kalten Wind, Lärm, Holzstaub, aber auch den betörenden Geruch frisch geschnittenen Holzes und zeitweise sogar eine unglaubliche Stille, die nur noch vom Rauschen des Waldes und dem Zwitschern einiger frühlingsgefühlverwirrter Vögel unterbrochen wurde.
Gang über den Hof. Jugendliche besichtigten auf Einladung der Agentur für Arbeit und des Sägewerkbesitzers Edgar Worch dessen Unternehmen in Wolfsberg. (Foto: Jochen Miche)
Tatsächlich gab es solche Augenblicke der Ruhe immer dann, wenn die Gatter und Sägen verstummten und gerade mal kein Gabelstapler um die Ecke sauste, der riesige Holzstämme durch die Gegend fuhr. Dann trat das wahre Phänomen ein: Der Beobachter registrierte erfreut die eingetretene Ruhe, doch mehr noch voller Staunen, dass die Jugendlichen weder auf ihren Handys herumtippten noch in sie hinein sprachen. Da muss man bis nach Wolfsberg fahren, um so etwas zu erleben, staunte der Chronist und freute sich.
Was war hier nur los? Es war der "Tag der Berufe". Diesen hatte die Agentur für Arbeit Sangerhausen in den zurückliegenden Wochen mit dem Ziel vorbereitet, Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 und 8 bzw. interessierten jungen Leuten die Chance zu geben, sich in einem Betrieb ihrer Wahl das ganz normale Tagesgeschehen anzusehen und einen ersten Eindruck "vom wahren Arbeitsleben" zu gewinnen und zu überlegen, ob das vielleicht etwas für sie sein könnte.
Als Motto des Tages hatte die Agentur den ebenso spritzigen wie doppelbödigen Satz Mach doch, was Du willst gewählt. Auf den ersten Blick mochte diese Aufforderung suggerieren, dass die Angesprochenen tun und lassen können, was sie wollen. Auf den zweiten und damit gründlichen Blick hin, entpuppte sich dies jedoch als geschickte Einladung, beruflich das zu tun, was man will. Das aber setzt natürlich voraus, dass man weiß, was man will, also einmal als Beruf erlernen und ausüben möchte.
Also organisierten die rührigen Macher in der Sangerhäuser Agentur diesen Tag, begeisterten 52 Betriebe der Region von der Idee, ihre Werktore für neugierige junge Leute zu öffnen, diesen alles zu zeigen und vor allem: zu erklären. Eines dieser Unternehmen war das Sägewerk Worch in Wolfsberg.
Hier empfingen zwei wichtige Personen die Mädchen und Jungen aus Sangerhausen und Umgebung: Dr. Martina Scherer, Leiterin der Agentur für Arbeit, Sangerhausen, und Sägewerksmeister und Geschäftsführer Edgar Worch. Die zwei teilten sich perfekt die Einführung in das Gebiet der ersten Schritte bei der Holzverarbeitung: Während Dr. Scherer für die Theorie zuständig war, kam Edgar Worch die - wie so oft spannendere - Praxis zu.
Doch das war auch so gewollt. Martina Scherer holte ein dickleibiges Paperback-Sachbuch aus der Tasche und las den Zuhörern etwas daraus hervor: "Holzbearbeitungsmechaniker stellen mithilfe von Maschinen und Anlagen, die sie bedienen und auch instand halten, Schnittholz, Hobelware, Bretter... her. Sie planen und koordinieren die nötigen Arbeitsschritte..." Gähn, gähn.
Bevor jemand einschlafen konnte, was sich im Stehen allerdings nicht gut gemacht hätte, übernahm Edgar Worch die Gruppe und führte sie durch das großräumige Gelände in die verschiedensten Abteilungen. Die kommende Stunde war geprägt von einer Aufmerksamkeit, wie sie sich mancher Lehrer - vielleicht sogar bei einigen dieser Schüler - wünschte. Hier herrschte Neugier, die nicht nur durch Martina Scherers klug inszenierte theoretische Erläuterungen geweckt worden war. Sie meinte msh-online gegenüber: "Das Buch 'Berufe aktuell' ist ein wichtiger, weil umfassender und tatsächlich aktueller Ratgeber. Aber es gibt natürlich nichts Besseres, als das, was man hier nachlesen kann, in der Praxis zu erfahren und zu erleben."
Und so kam sie auch: die Praxis mit Rundgang, sehen, riechen, zum Teil anfassen und reden - nicht mit dem Handypartner, sondern mit Frau Scherer oder, am liebsten, mit Herrn Worch, den Chef des florierenden Unternehmens, in dem 35 Menschen arbeiten, darunter acht Frauen. Die Jugendlichen konnten sich alles ansehen und etwas Besonderes erleben: Hier war alles echt. Hier gab es keine Show! Was hier entrindet oder zersägt wurde, wird irgendwann in den nächsten Tagen und Wochen irgendwo auf der Welt weiterverarbeitet und zu kaufen sein. Als die Besucher später den Betrieb verließen, befuhr gerade ein riesiger Lkw aus Litauen den Hof, der eine Fuhre des im Harz geschlagenen und in Wolfsberg zu Brettern, Bohlen und Kanthölzern verarbeiteten Laubholzes laden und mitnehmen wollte.
Die Besichtigung des Betriebes war eine Form der Berufsorientierung, die helfen soll, Interessen und - im besten Fall - eigene Talente zu entdecken. Wer sich für einen Beruf in dem zuvor einmal kennengelernten Betrieb entscheidet, dürfte kaum je zu der relativ großen Zahl derer gehören, die ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen. "Und wer zu uns passt, Spaß am Beruf hat und fachliches Können mitbringt, der kann auch nach seiner Ausbildung bei uns weiterarbeiten", ergänzte Sägewerksbesitzer Edgar Worch.
Einer, der seine theoretische Ausbildung in Bad Wildungen bei Kassel und im Sägewerk Worch seine praktische Ausbildung absolviert hatte und danach im Betrieb blieb, ist Sebastian Becker. Der 22-Jährige aus Schielo bei Harzgerode ist nach seiner Ausbildung zum Holzbearbeitungsmechaniker, Fachrichtung Sägewerk, hier geblieben und froh über seine Entscheidung. Ihn stört auch nicht, dass man wöchentlich abwechselnd in zwei Schichten gehen muss; dafür sind die Wochenenden frei, was auch nicht überall der Fall ist.
Natürlich ist ein solcher Tag der Berufe für alle Seiten interessant. Auch für den Unternehmer. Edgar Worch beispielsweise führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Einst privat, wurde der Betrieb 1972 zwangsenteignet und konnte erst 1989/90 zurückerworben werden. Doch auch in der DDR war ein Worch der Chef - Fachleute, die nicht nur Holzspezialisten, sondern auch betriebswirtschaftlich fit waren, sahen die DDR-Planwirtschaftler gern in ihren Betrieben.
Edgar Worch hat also ein ganz persönliches Interesse, sich den Fachnachwuchs für sein Unternehmen zu sichern. Dafür ist ein solcher Tag der Berufe gut geeignet. Immerhin stehen die jungen Frauen und Männer nicht Schlange an einem Betrieb, der weit weg von jedem lustigen Stadtleben liegt, und wo selbst das Dorf außer großartige ländliche Idylle nicht so sehr vieles bietet, was das Leben leichter macht; zum Einkaufen, Arzt oder den Behörden müssen die Leute mit dem Bus oder dem eigenen Pkw fahren.
Unter den Besuchern, die nach der Besichtigung den Heimweg antraten, war auch Laura Schröter. Die 18-Jährige war der Einladung ihrer Freundin Marie Worch-Dobras zur Besichtigung des Sägewerks gefolgt. Nichts konnte sie hier abschrecken: weder zeitweiser Lärm noch feines Sägemehl. Und der betörende Geruch frisch geschnittenen Holzes erst recht nicht. Sie könnte sich vorstellen, hier einmal einen Beruf zu erlernen und zu arbeiten, sagte sie auf dem Weg zum Werksausgang, während die ohnehin kaum hörbaren Geräusche eines Sägegatters im Hintergrund verschwanden und abgelöst wurden vom Rauschen der Waldes, der rund um das Sägewerk ständig für Ferienatmosphäre sorgt.
Auch wenn die Arbeitsagentur für das Rauschen des Waldes und Zwitschern der Vögel kaum verantwortlich zu machen sein dürfte: das Organisieren des Tages der Berufe allein genügt schon, ihr etwas zu erteilen, was sich jeder Jugendliche in der Schule wünscht: eine Bestnote.
Jochen Miche







