Sa, 08:35 Uhr
13.02.2016
In Sangerhausen der Dresdner Opfer von 1945 gedacht
Violine erinnert an Bombennacht
An der Marienkirche in Sangerhausen wurde der Ereignisse im Februar 1945 in Dresden gedacht. (Foto: Jochen Miche)
O Haupt voll Blut und Wunden, auf der Violine interpretiert, darf als der bewegendste Moment einer Gedenkfeier bezeichnet werden, die am Vorabend des 71. Jahrestages des Bombardements auf Dresden Menschen an der Sangerhäuser Marienkirche zusammenführte. Tief ergriffen erfuhren die Teilnehmer die Geschichte der gespielten Violine.Eine ebenso berührende wie authentische Gedenkveranstaltung erlebten zahlreiche Menschen am antifaschistischen Mahnmal an der Marienkirche in Sangerhausen. Der Veranstalter, das Bündnis "Sangerhausen bleibt bunt, hatte, wie seit mehreren Jahren üblich, zu einer Feierstunde in Gedenken der Opfer der Bombenabwürfe auf Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 eingeladen. Damals starben nach neuesten historischen Untersuchungen (entgegen oft behaupteten sechsstelligen Opferzahlen) zwischen 22.700 und 25.000 Menschen. Allerdings bleibt die Zahl umstritten, da sich in der Stadt zehntausende und allein in dem mehrfach bombardierten Hauptbahnhof tausende Flüchtlinge befanden, die in stündlich einfahrenden Zügen aus dem Osten in die vermeintlich sichere Stadt gekommen waren. Unbestritten ist allerdings, dass mit diesen Bombardements die dicht bebaute Innenstadt mit ihren Renaissance-, Barock- und Gründerzeitbauten unterging.
Mit den vier großen Angriffswellen der Alliierten war der Krieg in das Land zurückgekehrt, von dem er ausgegangen war. Die Sangerhäuser Pfarrerin Margot Runge erklärte, die Erinnerung an die Ereignisse in Dresden sei inzwischen Symbol dafür geworden, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen und welche Schlüsse für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft wir aus den damaligen Ereignissen ziehen. Der Umgang mit diesem Thema reiche bis zur aktuellen Flüchtlingsproblematik und der Frage nach unseren Werten und dem solidarischen Gedanken: Schotten wir uns ab oder bleiben wir ein offenes Land?
Lehren aus der Vergangenheit können gezogen werden, wenn man sich dieser immer wieder stellt. Insbesondere gelte das für junge Menschen, die glücklicherweise nie Krieg kennenlernen mussten, aber künftig auch die Verantwortung dafür tragen, dass die Dresdner Ereignisse Geschichte bleiben.
Die 15-jährige Sangerhäuser Gymnasiastin Lara Jeanne Bernhold las aus den Erinnerungen einer Frau namens Margit Börner, die während der Bombenabwürfe auf Dresden 13 Jahre alt war. Seinerzeit hatte kaum jemand geglaubt, dass Dresden etwas passieren könnte, denn, so Margit Börner: Wir fühlten uns in Dresden vor Luftangriffen recht sicher. Es war die deutsche Lieblingsstadt der Engländer.
Das nützte der Stadt jedoch nichts. So warfen am Faschingsdienstag, dem 13. Februar 1945, zwischen 22.13 und 22.28 Uhr 244 britische Lancaster-Bomber mehr als 500 Luftminen und 1800 Spreng- und Brandbomben mit insgesamt 900 Tonnen Gewicht auf die Stadt. In einer zweiten Angriffswelle ließen zwischen 1.23 Uhr und 1.54 Uhr 529 Bomber der britischen und kanadischen Luftwaffe insgesamt 650.000 Stabbrandbomben mit einem Gewicht von 1500 Tonnen auf die Stadt fallen. In den beiden Tagen darauf gab es weitere verheerende Luftangriffe. Augenzeugen berichteten, dass in der extremen Hitze Glas und Metall schmolzen, der starke Luftsog größere Gegenstände und Menschen umherwirbelte oder sie ins Feuer hineinzog. Sie verbrannten, starben durch Hitzeschock oder erstickten in den Luftschutzkellern an Brandgasen. Wer sich ins Freie retten konnte, war auch dort dem Feuersturm und detonierenden Bomben ausgesetzt. Der entsetzliche Funkensturm raste uns entgegen – ich hatte ein nasses Tuch bei mir, durch das ich noch Luft bekam, hörten die Teilnehmer der Veranstaltung; Margit Börner, ihre Mutter und Geschwister erlebten die Luftangriffe hautnah; ihr Vater war zu jener Zeit Arzt an der Front.
Wie durch ein Wunder und dank der Hilfe anderer Menschen überlebte die Familie, wenngleich teilweise schwer traumatisiert. In einer Episode erfuhren die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, dass die damals 13-jährige, über alles die Musik und ihre Geige liebende Margit Börner bei jedem Luftalarm das Instrument mit in den Luftschutzkeller nahm. Ihre neunjährige Schwester Dorothee tat es ihr mit ihrem Cello gleich. Als bei einem Angriff das Haus brennend einstürzte und eine Flucht nur noch durch ein Kellerfenster möglich war, musste Dorothee ihr Cello zurücklassen – nur Margit konnte ihre Violine mit nach draußen retten. (Margit Börner studierte später Musik und wurde Konzertmeisterin und erste Geigerin der Philharmonie Erfurt.)
Ergriffen hörten die Menschen an der Marienanlage diese grausame Geschichte von Tod und Untergang. Sie war Teil eines Gedenkens, das mitgestaltet wurde von Blasmusikern der Kreismusikschule Carl Christian Agthe unter Leitung von Maik Menzel, und in dem Landrätin Dr. Angelika Klein (Die Linke) und Udo Michael in Vertretung des Sangerhäuser Oberbürgermeisters berührende Worte des Erinnerns und Mahnens fanden.
Plötzlich senkte sich Stille über das Terrain rund um die Marienanlage, rückten die Geräusche der nahen Bahnhofstraße in den Hintergrund. Nur eine Violine war zu hören, auf der der Choral O Haupt voll Blut und Wunden gespielt wurde. Ein Lied von Paul Gerhard, das in der vor wenigen Tagen begonnenen Passionszeit vor Ostern oft in Kirchen und Konzertsälen zu hören sein wird, und in dem es heißt: Was hast du, Herr, verschuldet, was legt man dir zur Last, dass du das Kreuz erduldet, den Tod erlitten hast? Anrührender konnte kaum an die Zeit des großen Sterbens in Dresden erinnert und ein friedlicher Umgang der Menschen miteinander angemahnt werden, und wohl kaum authentischer: Die Violine, die der Sangerhäuser Augenarzt Dr. Albrecht Börner spielte, war die seiner Mutter Margit, die sie in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 durch ein enges Kellerfenster in die untergehende Stadt gerettet und die sie durch ihr Leben begleitet hatte.
Jochen Miche




