Mi, 12:00 Uhr
27.01.2016
Betrachtung: Wenn jeder Gutes will, entsteht eine Kette der Freude
Drei Bilder, viele Kinder und ein Fenster
Unglaublich, was sich in Arnstedt seit Jahren tut: Viele Bürger des Ortes spenden Geld für die Sanierung der Kirchenfenster. Eine prächtige Kirche ist der Lohn, über den sich auch die Nicht-Kirchgänger freuen. Hinter dem Erfolg stecken ihren Ort liebende Handarbeitsfrauen. (Foto: Jochen Miche)
Das Schaffen von Gemälden bereitet Freude. Das Ausstellen der Bilder ebenso. Auch das Versteigern. Und schließlich die Verwendung des Versteigerungserlöses. So freuten sich heute die Arnstedter Handarbeitsfrauen über 150 Euro. Geld für Wolle, Nadel und Faden? Nein, für ein riesiges Bleiglasfenster.Der Reihe nach: Brigitta Mehwald aus Arnstedt im Mansfelder Land, die langjährige und dadurch weithin bekannte Personalchefin der Mansfelder Kupfer- und Messingwerke (MKM), hat das Kunstmalen seit Antritt ihrer Rente stärker denn je in ihren Lebensmittelpunkt gerückt. Wunderbare, farbenfrohe Werke sind auf diese Weise bereits entstanden – in Farbe umgesetzte Freude am Malen. Im vergangenen Jahr stellte sie am Tag der offenen Galerien in Hettstedt einige ihrer Bilder in der historischen Druckerei Heise aus. Hingucker auf der Giebelseite waren Gemälde, welche das Saigertor, den Kunstzuckerhut und das Brauhaus der Kupferstadt zeigten. Die Besucher erlebten viel Freude am Schauen und am Austausch mit anderen Kunstfreunden.
Der Initiator des Galerietages gehört zu jenem Männerquartett, das Ende 2015 die Aktion Hettstedter Weihnachtspäckchen ins Leben gerufen hatte. Das Ziel der Aktion war es, Kindern, deren Eltern es nicht so dicke haben, zu Weihnachten mit einem Überraschungspäckchen eine Freude zu bereiten. Die Aktion wurde, weil sie den Männern ein wenig über den Kopf wuchs, vom Verein Alte Hettstedter Druckerei Heise unterstützt. Die Helfer des Druckereivereins füllten mehr als 100 Kartons mit Spielzeug, Büchern, Süßigkeiten, Walnüssen und Südfrüchten, von denen immerhin 43 Kartons gezielt an Kinder gingen, deren Alter und Geschlecht dem Verein zuvor mitgeteilt worden war.
Am 18. Dezember 2015 schließlich, am Tag der Übergabe der personenbezogenen Päckchen, war in der Druckerei gewissermaßen die Hölle los. Nein: der Himmel geöffnet, denn viele gute Engel des Druckereivereins halfen, die Päckchen den 43 vom Freizeitzentrum Tiegel angemeldeten Kindern zu überreichen. Riesenaufregung und -freude. Die weiteren knapp 100 Päckchen wurden danach Kindern in die Hand gedrückt, die mit ihren Eltern, Großeltern oder Freunden in die Druckerei kamen und teilweise ihr Glück nicht fassen konnten, beispielsweise ihre erste Barbypuppe oder endlich mal ein Plüschkrokodil geschenkt zu bekommen. Vor Freude strahlende Kinderaugen. Die letzten gefüllten Päckchen überreichten zwei Mitinitiatoren der Aktion, André Kosig und Mario Brettschneider, kurz vor Weihnachten der Außenstelle eines Kinderheimes in Hettstedt.
Zurück zum 18. Dezember 2015. In der Druckerei drängten sich an diesem Advent in den Kupferhöfen, an dem auch der Hettstedter Weihnachtsmarkt startete, Himmel und Menschen. Mitten unter ihnen ließen sich Hettstedts Bürgermeister Danny Kavalier, der CDU-Landtagsabgeordnete Eduard Jantos und Brigitta Mehwald mit den Wogen hin- und herschieben. Frau Mehwald war lediglich gekommen, um der Versteigerung ihrer drei Bilder (Saigertor, Zuckerhut, Brauhaus) beizuwohnen, die sie der Aktion Hettstedter Weihnachtspäckchen geschenkt hatte.
Die zwei CDU-Leute (Kavalier ist Chef der Kreis-CDU, Jantos sitzt als Abgeordneter im Magdeburger Landtag) wollten die drei Bilder ersteigern. Das taten sie schließlich auch; Jantos erwarb für 100 Euro das Bild Saigertor, Kavalier für 150 Euro die Gemälde Zuckerhut und Brauhaus. Im Vertrauen verrieten sie später dem Chronisten, dass sie sich tatsächlich zwei Dinge wünschten: mit den Bildern sich selbst und späteren Bildbetrachtern und mit dem Erlös aus der Versteigerung all jenen Kindern eine Freude zu bereiten, die mit einem Hettstedter Weihnachtspäckchen bedacht werden sollen. Freude, Gutes zu tun.
Die Weihnachtspäckchen-Akteure hatten mit der Malerin Brigitta Mehwald vereinbart, den Erlös zu teilen. Eine Hälfte sollte für bedürftige Kinder zurückbehalten werden, die andere Hälfte einem von Frau Mehwald bestimmten guten Zweck zugeführt werden. 125 Euro, als die Hälfte der bei der Auktion erzielten 250 Euro, wurden zunächst also auf das Weihnachtspäckchenkonto überwiesen.
Was wurde aus den anderen 125 Euro? Zunächst einmal wurden daraus 150 Euro, denn Frau Mehwald rundete aus ihrer eigenen Tasche auf. Und diese 150 Euro überreichte sie heute Nachmittag den Arnstedter Handarbeitsfrauen. Diese 16 Frauen, die sich unter den Fittichen der guten Seele Ursel Helm, aber auch der gestrengen Ökonomen und phantasiereichen Organisatoren großartiger Veranstaltungen Roswitha Reisser und Sigrid Raufeisen aller 14 Tage im Arnstedter Schwesternhaus zum Stricken, Häkeln, Basteln, Feiern (kein Geburtstag wird ausgelassen!) und Vorbereiten einer alljährlich zum Tag des offenen Denkmals gezeigten wunderbaren Ausstellung treffen, haben seit Jahren eine selbstgesteckte Daueraufgabe: Geld sammeln für die Sanierung der Kirchenfenster. Genau diesem Zweck hatte Frau Mehwald ihren Anteil aus der Versteigerung zugedacht. Und wer, wenn nicht die Handarbeitsfrauen wären die Richtigen, das Geld an sich zu nehmen, zu sammeln und genau dem Handwerksmeister zukommen zu lassen, der die Kirchenfenster erneuert. Die Handarbeitsfrauen treffen sich zwar in einem Haus der Kirche und tun alles, damit die Kirche im Dorf bleibt, also repariert und erhalten wird, doch Kirchenmitglieder sind die wenigsten von ihnen. Auch Frau Mehwald nicht. Doch darum geht es ihr nicht, sondern darum, Gutes zu tun und Freude zu spenden.
Genau dies ist es, was – das darf ausnahmsweise auch mal einen Monat nach der etwas sentimentalen Weihnachtszeit gesagt werden – die ganzen Beteiligten vereint: der Wunsch, Gutes zu tun, Freude zu spenden und selbst welche zu haben. Da wären die Malerin, die sich an der Leinwand austobte und mit dem Erlös Gutes tun will; die vier Männer, die benachteiligten Kindern eine Freude bereiten wollen; die Ersteigerer der drei Bilder, die sich selbst, den Betrachtern der von ihnen erworbenen Bilder und denen, die mit dem Erlös etwas Positives bewirken können, helfen wollen, und schließlich die Handarbeitsfrauen, die (obwohl überwiegend überhaupt keine Kirchgänger) dem markantesten und traditionsreichsten Gebäude in ihrem schönen Ort die Würde und Schönheit erhalten wollen.
Die Spende von Frau Mehwald kommt zu dem Angesparten, mit dem eines der beiden letzten unrestaurierten Fenster wieder instand gesetzt werden soll. Die Restaurierung des großen Bleiglasfensters kostet 1.800 Euro – ein Freundschaftspreis, weil der betreffende Querfurter Tischler nicht viel mehr als das Material bezahlt haben will. Auch aus dieser Richtung weht ein Hauch von tief empfundener Freude: über das in den zurückliegenden Jahren in Arnstedt Geschaffene, mit dem auch der betagte Querfurter Tischlermeister sich selbst, vor allem aber den Menschen im Ort eine Freude bereitet hat.
Beim Neujahrsempfang der Eisleber Oberbürgermeisterin Jutta Fischer lud der stellvertretende Ministerpräsident und Finanzminister Sachsen-Anhalts, Jens Bullerjahn (SPD), gestern Abend die Anwesenden ein, sich bewusst zu machen, wie viel die Menschen in diesem Land in den zurückliegenden Jahren geschaffen haben, und sich darüber auch einmal zu freuen. Die durch Brigitta Mehwald zustande gekommene neue Beziehung zwischen Hettstedt und Arnstedt ist ein beredtes Beispiel dafür, wie Gutes zur Freude sehr vieler beteiligter Menschen bewirkt werden kann.
Jochen Miche


