Di, 06:00 Uhr
26.01.2016
Neujahrsempfang der Lutherstadt Eisleben
Fischer: Vergesst die Stimme des Volkes nicht!
Für einen stimmungsvollen Auftakt des Neujahrsempfangs im Theater der Kulturwerk gGmbH in Eisleben sorgten die Schauspielerinnen Michaela Dazian und Almut Liedke mit "Theater" von Katja Ebstein. (Foto: Jochen Miche)
Ins Eisleber Theater hatte am Abend Oberbürgermeisterin Jutta Fischer zum Neujahrsempfang eingeladen. Eine sehr gute Adresse, wie nicht nur Intendant Ulrich Fischer, sondern wohl jeder der knapp 200 Gäste fand, denn sowohl im großen Haus als auch im Foyer sitzt man gut. Und im Sitzen lässt sich alles besser ertragen als im Stehen.
Nur wenige Plätze blieben frei zum Neujahrsempfang im Eisleber Theater. Im Bild: Das Singen der "Bergbau-Nationalhymne", des Steigerliedes, erfolgt respektvoll im Stehen. (Foto: Jochen Miche)
Ganz besonders, wenn ein anderthalbstündiger Rechenschaftsbericht der Oberbürgermeisterin Jutta Fischer zu erwarten ist - ein außerordentlich informativer, aber eben auch reichlich Stehvermögen verlangender. Ulrich Fischer wusste schon, warum er zu Beginn des Abends mit einem Augenzwinkern feststellte: Wir können zwar, was die Schönheit betrifft, nicht mit dem Rathaus konkurrieren, aber dafür können Sie bei uns sitzen.
Irgendwann im Laufe des Rede-Marathons der Oberbürgermeisterin wusste jeder den Luxus eines Theatersessels zu schätzen: So ließen sich die Ansprache und viele schöne musikalische Beiträge sogar genießen. Überhaupt: die Kultur. Den Einstieg in die Kunst lieferte das 1980 berühmt gewordene Lied Theater von Katja Ebstein, das die Künstlerinnen Michaela Dazian und Almut Liedke im Eisleber Theater vortrugen.
Die nächsten Redepausen füllten mit wunderbar einfühlsamer, teils temperamentvoll-fröhlicher Musik die Geschwister Sophie und Clemens Porsche – unter anderem mit einem vierhändig gespielten Klavierstück. Später traten mehrfach Henriette Kotzur und Antonia Jacob auf. Die vier jungen Künstler schienen der ganze Stolz der Leiterin der Kreismusikschule Carl Christian Agthe, Peggy Bitterolf, zu sein, welche den Nachwuchs liebevoll vorstellte und ermutigte. In Summe heimsten die jungen, mit Professionalität und großer Spielfreude begeisternden Nachwuchskünstler nicht weniger Applaus als die Oberbürgermeisterin für ihren Jahresrückblick ein.
Kein Minister der Magdeburger Landesregierung hat einen so kurzen Anfahrtsweg wie der stellvertretende Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt und Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD), der ein Grußwort sprach. Er lebt im Landkreis. (Foto: Jochen Miche)
Der Rede der Oberbürgermeisterin fehlte zwar die Musikalität dessen, was die Künstler des Theaters und der Nachwuchs der Musikschule darboten, an Temperament und Spritzigkeit hielt Jutta Fischer jedoch mit den Interpreten mit. Und, um im Bild zu bleiben: Gute Noten standen nicht nur auf den Notenblättern der Musikschüler, sondern auch in Fischers Manuskript: Sie konnte Bestnoten verteilen an den Großteil der Eisleber Unternehmen. Zahlreiche mittelständische Unternehmen expandierten, schufen neue Arbeits- und Ausbildungsplätze, erhöhten Umsatzzahlen und modernisierten ihre Unternehmen. Frau Fischer unterlegte es mit Zahlen und Sprüchen wie diesem: Der unternehmerische Mittelstand ist der Jungbrunnen jeder Wirtschaft.
An Gewicht von Jahr zu Jahr nimmt eine Kraft, die längst viel Gutes schafft, zu: die Standortmarketinggesellschaft Mansfeld-Südharz (SMG). Deren Zusammenhalt-Anspruch ähnelte dem, womit Frau Fischer ihre Rede einleitete: Gemeinsam sind wir stark genug, der Zukunft was zu bringen, und das wird wohl auch so bleiben. Dies mag besonders auf viele kleinere und mittelständische Unternehmen zutreffen, von denen einige sogar unter dem Dach der SMG auf der Grünen Woche in Berlin mit großartigem Erfolg für das Mansfelder Land warben. Fischer setzte sogar noch hinterher: Denkt dran: Kriege werden nur gewonnen, wenn sich Stämme bilden. – sprich, wenn Firmen sich unter bestimmten Umständen - wie zum Beispiel Messen - zusammentun.
Jedes Unternehmen und jeder gewürdigte Verein bekam eine Minilaudatio. Im Falle des Arbeits- und Sicherheitsschuhherstellers EWS zitierte die Oberbürgermeisterin ihre Kollegin Frau Klopfleisch mit den Worten: Du wirst immer stolpern, wenn du mit fremden Schuhen läufst, drum geh mit Luther und in Schuhen von EWS.
EWS ist längst ein richtig gutes Aushängeschild Eislebens - so, wie die Stadt selbst auch eines sein möchte. Frau Fischer: Wir haben die Gebietsreform umgesetzt. Und es konnten in den Gemeinden nicht nur Schulden abgebaut, sondern auch Investitionen vorgenommen werden. Auch hier Erfolge. Breiten Raum in ihrer Rede nahm die Arbeit der Feuerwehren ein. Frau Fischer nannte ein paar Zahlen: 369 Feuerwehrleute (darunter 90 Frauen) sind in zwölf Ortsfeuerwehren aktiv; im vergangenen Jahr mussten sie zu mehr als 500 Einsätzen ausrücken. Unter anderem zur Beseitigung der Schäden, die der Orkan im Sommer hinterlassen hatte; in Summe betrug der Schaden etwa 800.000,- Euro. In diesem Zusammenhang gab es Streicheleinheiten für einen Nachbarn: Hettstedts Bürgermeister Danny Kavalier hatte in der damaligen Not Eisleben sofort die neue Hettstedter Drehleiter zur Verfügung gestellt und richtig viel Gutes hier bewirkt.
Natürlich saß Kavalier auch im Publikum. Ebenso die Landrätin Dr. Angelika Klein, der Bundestagsabgeordnete Steffen Gebhardt (Die Linke), die Landtagsabgeordneten Norbert Born (SPD) und Eduard Jantos (CDU) sowie zahlreiche weitere Honoratioren des öffentlichen, politischen und Wirtschaftslebens.
Es sei in den jüngsten Jahren viel Erfolgreiches in Eisleben passiert, erklärte Frau Fischer und lud die Anwesenden ein, mal das Positive zu sehen: Das, was wir gemacht haben, kann sich sehen lassen. Man darf nie vergessen, wie es früher ausgesehen hat. – Dafür gab es Szenenapplaus.
Fischers Blick nach vorn geriet nicht ganz so ausführlich, ließ aber aufhorchen. Da kommen zwei Sachsen-Anhalt-Tage, einer sogar nach Eisleben, und das Reformationsjubiläum. Was nicht mehr kommt, weil es bereits da ist, sind die Flüchtlingsfragen. Mit Blick auf manches Problem forderte Jutta Fischer: Ich bitte euch Landespolitiker: Vergesst die Stimme des Volkes nicht!
Ihre Analyse und Vorschau schloss sie mit einem Ausblick, der für Applaus und Schmunzeln sorgte: Ich freue mich heute schon auf einen neuen Film von Elsterglanz. Der soll im Mai in die Kinos kommen. Er heißt Elsterglanz und der Schlüssel zur Weibersauna.
Sachsen-Anhalts scheidender Finanzminister, Jens Bullerjahn (SPD), blickte ein wenig auf die von ihm wesentlich mitgeprägte Landespolitik zurück. Unter anderem sagte er, in seiner Zeit seien 15.000 Stellen abgebaut worden. Das ist nicht gut. Aber notwendig. Denn sonst hätten wir heute schon keine anständigen Kindertagesstätten und Schulen mehr, so Bullerjahn, der mit einem weiteren Satz zum Thema Europa aufhorchen ließ: Ich hoffe, dass Schäuble unterstützt wird in seinem Bestreben, Europa zusammenzuhalten.
Zur Flüchtlingsproblematik meinte er: Sie ist nichts für schnelle Antworten. Und er forderte: Wir müssen die Probleme gemeinsam angehen. Allein kriegt man es nicht hin. Wieder das Wort "gemeinsam".
Gemeinsam wurde denn schließlich auch das Steigerlied gesungen als Übergang vom offiziellen zu gemütlichen Teil des Abends mit Imbiss und Gesprächen.
Jochen Miche


