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24.01.2016
Entsetzen bei Kampfsportlern: Trainingsmatten gestohlen

"Wir haben nur unser Eigentum geholt"

Unfassbar: Offenkundig haben Vorstandsmitglieder des Sportvereins Osterhausen einen „besonders schweren Diebstahl“ begangen. Der Vereinsvorsitzende versuchte die Angelegenheit zu beschönigen und erklärte gegenüber Zeugen, man habe sich ja nur sein Eigentum zurückgeholt…

Wie jeden Sonnabend begannen die knapp 30 Mitglieder der Kampfkunstschule Osterhausen auch heute um zehn Uhr ihr Training. Als sie zuvor die riesige Holzkiste mit den Trainingsmatten öffnen wollten, bemerkten sie, dass das Originalschloss entfernt, also offenbar aufgebrochen worden war, ein fremdes Schloss lose dran hing, die Kiste offen stand und nur halb voll war. Es fehlten 36 Quadratmeter Steck-Trainingsmatten. Drinnen lagen nur noch 20 Jahre alte, verschlissene Matten, die sie in ihrer Not herausholten und aufbauten, um wenigstens mit den Kindern trainieren zu können. Doch wo waren die aktuellen, nur zweieinhalb Jahre alten Matten? Jemand mutmaßte laut: „Die hat doch nicht etwa der Sportverein Osterhausen geklaut?“
Eine Turnhalle, die zum Tatort wurde. Hier in Osterhausen wurde die gleichnamige Kampfkunstschule bestohlen. (Foto: Jochen Miche)
Ein ungeheuerlicher Vorwurf, der eine Vorgeschichte hat: Heute vor einer Woche stand plötzlich der für Jugendfußball Verantwortliche des Sportvereins Osterhausen, Detlef Goldschmidt, in der Turnhalle. Als Vorstandsmitglied sei er beauftragt worden mitzuteilen, dass für die Matten 800 Euro an den Sportverein zu zahlen seien, und zwar bis Dienstag, 19. Januar 2016. Ansonsten, so Goldschmidt, würde man „die Sache anders klären“.

Die Kampfsportler trauten ihren Ohren kaum. Innerhalb von drei Tagen sollten sie 800 Euro für die Matten aufbringen, die sie im Jahr 2013 erhalten hatten.
Heute war nur eingeschränktes Training auf der alten Matte mit den Kindern möglich. Im Bild: Marvin und Tobias zeigen eine Fußtechnik. (Foto: Jochen Miche)
Auf die Frage, was die Matten gekostet haben, gab es seinerzeit nie eine Antwort. Überhaupt: die Funkstille zwischen Vorstand und Sektion. Anfragen wurden nie beantwortet und Anträge meist abgelehnt, beklagt auch die Gründerin und Leiterin der Kampfkunstschule Osterhausen, Claudia Franke. Ganz von einer Auskunft zu schweigen, was mit den Mitgliedsbeiträgen passierte. Frau Franke weist auf die Ehrenamtsgelder für sieben Trainerlizenzen hin. Sie wurden auch 2015 beim Sportverein beantragt, doch es gab für die Kampfsportler weder Antworten noch Geld. Pro Jahr sind 100 Euro pro Trainer vom Landessportbund drin, für 2015 also 700 Euro. Von dem Geld, einer Art Entschädigung, sahen die Kampfsporttrainer nie einen Cent. Auch in den Jahren davor nicht. Das waren tausende Euro.

Kassiererin Anke Weder: „Mit dem Geld hätten wir uns umfassend ausstatten können.“ Viele Anträge, auf die es eh nie Antworten gab, hätte man sich sparen können, wenn man das Geld zur Verfügung gehabt hätte. Nur zwei Anträge wurden in all den Jahren akzeptiert: ein Zuschuss in Höhe von 130 Euro zum Kauf von Jacken und der Kauf der Matten. Ansonsten bezahlten die Kampfsportler sämtliche Trainings- und Wettkampfausrüstungen, wie Schlagpolster, Schutzausrüstungen, Übungswaffen, Trainingsbekleidung und dergleichen mehr stets selbst. Startgebühren für Meisterschaften, Lehrgangsgebühren, Fahrtkosten, Trainerfortbildungen, Trainingslager und dergleichen mehr kommen jedes Jahr noch hinzu - von den Sportlern bezahlt aus eigener Tasche.
Der Aufkleber ist unübersehbar. Er schreckt jedoch niemanden ab, der das Schloss darüber aufbrechen und durch sein eigenes ersetzen will, wie in diesem Fall. (Foto: Jochen Miche)
Die eh kaum vorhandene Kommunikation näherte sich dem Frostpunkt, als sich die Kampfsportler entschieden hatten, den Sportverein Osterhausen zu verlassen und dem Sportverein Rothenschirmbach, der ebenfalls Trainingsrechte in der Osterhäuser Turnhalle hat, beizutreten. Seit 1. Januar 2016 sind sie nun Mitglieder des Sportvereins Rothenschirmbach, der sofort signalisierte: Wir wollen, dass ihr die besten Bedingungen für euer Training findet. Mit der Kampfkunstschule Osterhausen holten sich die Rothenschirmbacher echte Aushängeschilder mit ins Boot: Vize-Europameister, mehrere deutsche Meister, Landesmeister und viele andere Titelträger. Die Kampfkünstler spielen stets in der oberen Liga bei Wettkämpfen mit. Aber auch als Organisatoren von Shows wie der Nacht der Kampfkünste in der Drushba-Halle Hettstedt feiern sie Erfolge. Und sie bereichern viele Volksfeste und Jubiläen mit ihren spektakulären Vorführungen.

Neben dem offenkundigen „Willkommen“ freut die Kampfsportler etwas Weiteres: Jetzt müssen die Kinder nur noch zwölf Euro Jahresbeitrag bezahlen, statt vorher 30 Euro. Das Geld von fast 30 Mitgliedern fehlt dem Osterhäuser Sportverein künftig. Als erste Reaktion forderte vorigen Sonnabend Vorstandsmitglied Goldschmidt 800 Euro für die Matten. Kassiererin Anke Weder schrieb sofort einen Brief, in dem sie unter anderem nach der Verwendung beachtlicher Summen fragte, und stellte ihn noch am Sonntag dem Vorstand zu.

Das Ultimatum des Sportvereins, Dienstag, verstrich, ohne dass jemand auf Frau Weders Brief reagierte. Wie Vorstandsmitglied Goldschmidt angekündigt hatte, wurde „die Sache anders“ geklärt. Wie, das zeigte sich heute Morgen. Der Verursacher wurde bald ausgemacht. Nach Abwägen aller Möglichkeiten besuchte die Kassiererin der Kampfsportler in Begleitung eines Zeugen und eines Pressevertreters den Vorsitzenden des Sportvereins Osterhausen, Daniel Brosche. Auf ihre Frage nach dem Neupreis der Matten antwortete Brosche: „Sie sind doch nicht mal im Verein. Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig.“ Auf ihren Vorwurf, 800 Euro seien für die gebrauchten Matten völlig überteuert, und im Übrigen frage sie ihn, wo sie das Geld quasi über Nacht hernehmen solle, antworte der Vorsitzende: „Wenn Sie kein Geld haben, dann lassen Sie sich die Matten doch von Ihrem neuen Verein bezahlen.“

Die Kampfsportler waren davon ausgegangen, dass es ihre Matten seien. Und selbst wenn das nur eine Leihgabe wäre, was jedoch nirgends verzeichnet sei, gebe es niemandem das Recht, die Mattenkiste aufzubrechen und die Matten zu stehlen, so Frau Weder. Darauf antwortete Brosche: „Wir haben uns nur unser Eigentum geholt.“ Gegen 800 Euro bekämen es die Kampfsportler zurück. Dasselbe wiederholte er anschließend noch einmal gegenüber msh-online: „Wir haben uns nur geholt, was uns gehört!“

Das Training der Kampfsportler fand – eingeschränkt – auf den Matten statt, die die Kampfsportler vor Jahrzehnten aus ihrer eigenen Tasche bezahlt und zum Glück noch nicht weggeworfen hatten. Kurz vor zwölf Uhr ging bei der Polizei ein Anruf ein, in dem der Diebstahl angezeigt wurde.

Der Zufall wollte es, dass heute im Verereinsheim des Männerchores Osterhausen der Vorstand der Deutschen Jiu Jitsu-Akademie, dem die Kampfkunstschule Osterhausen angehört, ein Neujahrsmeeting durchführte. In der Runde saßen vier hochrangige Kriminalbeamte, die als Sportler nicht akzeptieren wollten, dass Sportler so miteinander umgehen. Nach der Schilderung der Opfer gingen sie davon aus, dass es ein bürgerliches Rechtsproblem sei, die Eigentumsfrage der Matten zu klären, die Vorgehensweise der Täter deute aber auf Sachbeschädigung und besonders schweren Diebstahl. Ein Oberkommissar in der Runde schüttelte nur den Kopf und fragte: „Wo bleibt da der Sportsgeist?“

Jochen Miche
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