Fünfter Hettstedter Spaziergang
Der Gesang wird langsam besser
Dienstag, 09. Juni 2020, 07:11 Uhr
Der fünfte Hettstedter Spaziergang hat den Beweis erbracht: Die Hettstedter und ihre Freunde besitzen Durchhaltequalitäten. Erneut kamen Dutzende Menschen zum Markt. Kurz nach 19 Uhr setzte sich eine kleine Gruppe Richtung Summa-Passage in Bewegung, und prompt folgten ihr weitere Menschen...
Schlendern im Abendlicht. (Foto: J. Miche)
Die neueste Wegstrecke war gewissermaßen die alte: Es ging vorbei an der Volksbank, weiter zur Sparkasse, über die mehrspurige Brücke der Unteren Bahnhofstraße zur Breiten Straße, Luisenstraße und von dort erneut unter schattigen Bäumen bis zum Doktorsteg, hinüber zum Freimarkt und an dessen Ende durchs Saigertor und schließlich am Brunnen vorbei bis zum Markt.
Diesmal begleitete die Unermüdlichen unterwegs keine Polizei. Lediglich ein Pkw mit vierköpfiger Besatzung stand in Rathausnähe, und mindestens zwei der Besatzung wurden von einigen Spaziergängern freundlich und mit Winken begrüßt; die Polizisten lächelten zurück und grüßten ebenso. Diese Uniformierten tun täglich in der Stadt ihren Dienst, man vertraut ihnen.
Die Teilnehmer der Spaziergänge sind sich durchaus bewusst, dass ihre montäglichen Begegnungen auf dem Markt leicht an der Grenze zum Unerwünschten schrammen. Schließlich sind größere Ansammlungen von Menschen seit langem regierungsseitig verboten, Mindestabstände einzuhalten und im Alltag Gesichtsmasken zu tragen.
Diese Forderungen schießen seit Monaten öffentlich-rechtliche TV-Kanäle als mediales Dauerfeuer in die Köpfe der Zuschauer. Es hat funktioniert, wie eine Frau in einem Gespräch sagte: Die Kinder mussten zu Hause bleiben, unseren Großeltern haben wir verboten, uns zu besuchen, wir haben an der frischen Luft nicht gespielt und keinen Sport betrieben. Was kommt als Nächstes?
Da klang Verbitterung heraus. Doch nach offizieller Lesart waren die strikten Maßnahmen erforderlich, um ein weiteres Verbreiten des Corona-Virus´ zu verhindern. Der SARS-COV-2 genannte Auslöser von Atemwegserkrankungen, der per Tröpfcheninfektion übertragen wird, kann bei gesundheitlich geschwächten Menschen zum Tod führen. Mit dieser Gefahr hatte die Bundesregierung die drastischen Einschnitte in das Leben der Bevölkerung begründet. Während die meisten Menschen den Empfehlungen kritiklos folgten, blieben andere skeptisch (wohl auch, weil im gesamten Landkreis Mansfeld-Südharz bislang nur 53 Menschen infiziert worden sind). Spätestens seit deutschlandweitem Rückgang der Infiziertenzahlen nahm die Zahl der Skeptiker zu. Sie forderten Lockerungen.
Die Spaziergänger weichen trotz drohender Finsternis nicht von ihrem Weg ab. (Foto: J. Miche)
Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, gingen manche von ihnen auf die Straße - beziehungsweise spazieren und widersetzten sich somit der Forderung aus manchem Rathaus (auch dem Hettstedter), das Wandern über Gehwege als irgendetwas anzumelden. Es wurden, wie bei jedem schönen Spaziergang üblich, keine Parolen in die Gegend gerufen und auch keine Transparente getragen. Solchen überaus freundlichen und zivilisierten Umgang pflegen die Hettstedter seit dem 11. Mai jeden Montagabend. Und doch geht es offensichtlich nicht ohne jene Spur Protesthaltung, die es braucht, sich immer wieder zur schönsten Abendbrotzeit in Richtung Stadt aufzumachen, um anderen zu zeigen: Wir verstecken uns nicht mehr.
Eine Teilnehmerin des fünften Spaziergangs klagte darüber, was die Corona-Kriegsberichterstattung der öffentlich-rechtlichen (also gebührenfinanzierten) Fernsehanstalten mit ihren Großeltern angerichtet hätten: Die trauen sich überhaupt nicht mehr raus. Die haben Angst, noch unter die Leute zu gehen. Diese Angst habe sie ihren Großeltern nehmen wollen durch eine Einladung zum Montagsspaziergang, wo sie Bekannte hätten treffen können. Wisst ihr, was meine alten Leutchen gesagt haben:, Bist du verrückt, mit denen montags rumzulaufen? Die verbreiten doch das Virus erst. Sind das nicht alles Nazis?` - Da haben die Fernsehfritzen ganze Arbeit geleistet: Jetzt haben die Alten Angst vor Corona und vor uns!
Das Ende des Spaziergangs lief wie immer versöhnlich und friedlich ab. Die Menschen holten unaufgefordert ihre Liedzettel aus den Taschen und stimmten, wie an den vier Montagen zuvor, gegenüber dem Rathaus das Studentenlied Die Gedanken sind frei an. Einen ganz kleinen Eingriff jedoch gab es vor Beginn des Gesangs. Reiner Kretschmann, Inhaber eines Hettstedter Tischlereibetriebes, mahnte: Leute, singt heute mal ein bisschen langsamer. Soviel Zeit muss sein. Und tatsächlich hielten sich die Frauen, Männer und Kinder an die Empfehlung. Die Wirkung blieb nicht aus. Ein Mann bemerkte: Der Gesang wird wirklich langsam besser. Insofern galt der anschließende Applaus neben den Polizisten, die für Sicherheit gesorgt hatten, wohl auch der eigenen Gesangsleistung, wie jemand schmunzelnd bemerkte. Dass die Hettstedter und ihre Gäste neben Durchhalte- auch Gesangsqualitäten haben, wollen sie erneut am kommenden Montag ab 19 Uhr auf dem Hettstedter Markt unter Beweis stellen.
Jochen Miche
Autor: psg
Schlendern im Abendlicht. (Foto: J. Miche)
Die neueste Wegstrecke war gewissermaßen die alte: Es ging vorbei an der Volksbank, weiter zur Sparkasse, über die mehrspurige Brücke der Unteren Bahnhofstraße zur Breiten Straße, Luisenstraße und von dort erneut unter schattigen Bäumen bis zum Doktorsteg, hinüber zum Freimarkt und an dessen Ende durchs Saigertor und schließlich am Brunnen vorbei bis zum Markt.
Diesmal begleitete die Unermüdlichen unterwegs keine Polizei. Lediglich ein Pkw mit vierköpfiger Besatzung stand in Rathausnähe, und mindestens zwei der Besatzung wurden von einigen Spaziergängern freundlich und mit Winken begrüßt; die Polizisten lächelten zurück und grüßten ebenso. Diese Uniformierten tun täglich in der Stadt ihren Dienst, man vertraut ihnen.
Die Teilnehmer der Spaziergänge sind sich durchaus bewusst, dass ihre montäglichen Begegnungen auf dem Markt leicht an der Grenze zum Unerwünschten schrammen. Schließlich sind größere Ansammlungen von Menschen seit langem regierungsseitig verboten, Mindestabstände einzuhalten und im Alltag Gesichtsmasken zu tragen.
Diese Forderungen schießen seit Monaten öffentlich-rechtliche TV-Kanäle als mediales Dauerfeuer in die Köpfe der Zuschauer. Es hat funktioniert, wie eine Frau in einem Gespräch sagte: Die Kinder mussten zu Hause bleiben, unseren Großeltern haben wir verboten, uns zu besuchen, wir haben an der frischen Luft nicht gespielt und keinen Sport betrieben. Was kommt als Nächstes?
Da klang Verbitterung heraus. Doch nach offizieller Lesart waren die strikten Maßnahmen erforderlich, um ein weiteres Verbreiten des Corona-Virus´ zu verhindern. Der SARS-COV-2 genannte Auslöser von Atemwegserkrankungen, der per Tröpfcheninfektion übertragen wird, kann bei gesundheitlich geschwächten Menschen zum Tod führen. Mit dieser Gefahr hatte die Bundesregierung die drastischen Einschnitte in das Leben der Bevölkerung begründet. Während die meisten Menschen den Empfehlungen kritiklos folgten, blieben andere skeptisch (wohl auch, weil im gesamten Landkreis Mansfeld-Südharz bislang nur 53 Menschen infiziert worden sind). Spätestens seit deutschlandweitem Rückgang der Infiziertenzahlen nahm die Zahl der Skeptiker zu. Sie forderten Lockerungen.
Die Spaziergänger weichen trotz drohender Finsternis nicht von ihrem Weg ab. (Foto: J. Miche)
Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, gingen manche von ihnen auf die Straße - beziehungsweise spazieren und widersetzten sich somit der Forderung aus manchem Rathaus (auch dem Hettstedter), das Wandern über Gehwege als irgendetwas anzumelden. Es wurden, wie bei jedem schönen Spaziergang üblich, keine Parolen in die Gegend gerufen und auch keine Transparente getragen. Solchen überaus freundlichen und zivilisierten Umgang pflegen die Hettstedter seit dem 11. Mai jeden Montagabend. Und doch geht es offensichtlich nicht ohne jene Spur Protesthaltung, die es braucht, sich immer wieder zur schönsten Abendbrotzeit in Richtung Stadt aufzumachen, um anderen zu zeigen: Wir verstecken uns nicht mehr.Eine Teilnehmerin des fünften Spaziergangs klagte darüber, was die Corona-Kriegsberichterstattung der öffentlich-rechtlichen (also gebührenfinanzierten) Fernsehanstalten mit ihren Großeltern angerichtet hätten: Die trauen sich überhaupt nicht mehr raus. Die haben Angst, noch unter die Leute zu gehen. Diese Angst habe sie ihren Großeltern nehmen wollen durch eine Einladung zum Montagsspaziergang, wo sie Bekannte hätten treffen können. Wisst ihr, was meine alten Leutchen gesagt haben:, Bist du verrückt, mit denen montags rumzulaufen? Die verbreiten doch das Virus erst. Sind das nicht alles Nazis?` - Da haben die Fernsehfritzen ganze Arbeit geleistet: Jetzt haben die Alten Angst vor Corona und vor uns!
Das Ende des Spaziergangs lief wie immer versöhnlich und friedlich ab. Die Menschen holten unaufgefordert ihre Liedzettel aus den Taschen und stimmten, wie an den vier Montagen zuvor, gegenüber dem Rathaus das Studentenlied Die Gedanken sind frei an. Einen ganz kleinen Eingriff jedoch gab es vor Beginn des Gesangs. Reiner Kretschmann, Inhaber eines Hettstedter Tischlereibetriebes, mahnte: Leute, singt heute mal ein bisschen langsamer. Soviel Zeit muss sein. Und tatsächlich hielten sich die Frauen, Männer und Kinder an die Empfehlung. Die Wirkung blieb nicht aus. Ein Mann bemerkte: Der Gesang wird wirklich langsam besser. Insofern galt der anschließende Applaus neben den Polizisten, die für Sicherheit gesorgt hatten, wohl auch der eigenen Gesangsleistung, wie jemand schmunzelnd bemerkte. Dass die Hettstedter und ihre Gäste neben Durchhalte- auch Gesangsqualitäten haben, wollen sie erneut am kommenden Montag ab 19 Uhr auf dem Hettstedter Markt unter Beweis stellen.
Jochen Miche
