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Höhepunkt in einem Sorgerechtsstreit: Kind wird Vater entzogen

Trotz Hilfeschreie zur Mutter deportiert

Freitag, 16. März 2018, 07:51 Uhr
„Die Schreie nach dem Vater und die ganzen Hilferufe – alles zeigte klar, dass das ein Papa-Kind ist!“ Eine völlig aufgelöst wirkende junge Frau erinnerte sich am Rande einer Kundgebung in Eisleben, was in Helbra vor knapp zwei Wochen einem achtjährigen Mädchen angetan wurde...

Kundgebung in Eisleben (Foto: Jochen Miche) Kundgebung in Eisleben (Foto: Jochen Miche)
Die sich mit Händen, Füßen und Stimme wehrende Kleine wurde am hellichten Tag gegen ihren Willen aus der Grundschule gezerrt, zu einem Auto getragen, dort festgeschnallt und weggefahren. Ihre Mutter, die Mann und Kind vor knapp drei Jahren verlassen und sich fortan bei der Kleinen nicht mehr hatte blicken lassen – nicht einmal bei der Einschulung –, saß derweil im Auto und sah dem Drama auf dem Schulhof zu.

Das war am Montag, 5. März 2018, gewesen. Seitdem soll das Kind in Hettstedt leben, aber bis heute nicht wieder gesehen worden sein und auch nicht in eine Schule gehen. Als RTL-Reporter die Mutter nach dem Wohl des Kindes befragen wollten, wurden sie von zwei jungen Männern, die aus der Wohnung der Frau kamen, auf unflätigste Weise beschimpft und bedroht. „Unterste Schublade“, erklärte ein RTL-Zuschauer und fragte: „Das Gericht hat nicht im Ernst das Kind zu diesen A… gesteckt?“

Doch, hat es. Seit die Mutter ihre Familie verlassen hatte, kümmerte sich der Vater allein um das Kind. Und das, wie aus Helbra zu hören ist, verantwortungs- und liebevoll. Dennoch kam es zu einem Sorgerechtsstreit, in Folge dessen das Amtsgericht Eisleben im vergangenen Jahr der Mutter das Sorgerecht zusprach. Der Vater sollte daraufhin das Kind der Mutter übergeben, was er jedoch ablehnte.

Am Montag schließlich wurde dem Vater das Kind auf gewaltsame Weise entzogen. Polizei und Gerichtsvollzieher und die Mutter des Kindes erschienen auf dem Helbraer Schulgelände und forderten die Herausgabe des Mädchens. Der Vater, der erfahren hatte, was hier ablaufen sollte, war ebenfalls in der Schule erschienen, wurde aber vom Schulgelände verwiesen. Bei Zuwiderhandlung hätte ihm die Festnahme gedroht. Daraufhin zückte er sein Mobiltelefon und zeichnete von außerhalb auf, was sich in den nächsten Minuten auf dem Gelände zutrug.

Es filmten auch andere empörte Helbraer. Auf einem Film ist zu sehen, wie das Kind zum Auto gezerrt wird, sich losreißt und zu fliehen versucht. Die Mutter macht keinerlei Anstalten, das Auto zu verlassen, um vielleicht sogar ihr Kind in die Arme zu nehmen und zu trösten. Eine herzzerreißende Szene zeigt, wie sich die Kleine mit Händen und Füßen dagegen wehrt, zu ihrer Mutter ins Auto gesteckt zu werden, mit tränenerstickter Stimme um Hilfe schreit und verzweifelt an der Dachreling des Pkw festklammert. Immer wieder sind die Worte „Papa, Papa, hilf mir!“ zu hören.

Das Kind wurde schließlich im Auto festgeschnallt und abtransportiert. Zurück blieben fassungslose Eltern, die, dem Lärm folgend, zur Schule gerannt gekommen waren. Zurück blieben viele Tränen eines verzweifelt nach ihrem Papa schreienden Mädchens und in den Klassenzimmern völlig verstörte Grundschülerinnen und –schüler, die hatten miterleben müssen, wie psychische und physische Gewalt gegen eine Mitschülerin angewandt wird, die nichts anderes wollte, als bei ihrem Vater und in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben.

Die Aufnahmen wurden im Internet verbreitet. Die Resonanz war überwältigend. Noch am Veröffentlichungstag hatte sich beispielsweise eine WhatsApp-Unterstützer-Gruppe gebildet, der innerhalb weniger Stunden mehr als 1000 Mitglieder hatte. Grundtenor der Diskussionen in den sozialen Netzwerken war: Verurteilung des Vorgehens der Behörden gegen das Kind in Helbra. Forderung nach Rückgabe des Kindes in seine gewohnte Umgebung. Ächtung jeglicher Gewalt gegen Kinder.

Ein anderer Vater organisierte eine Kundgebung, die dort stattfinden sollte, wo im August 2017 die Entscheidung getroffen worden war, das Mädchen der Mutter zu übergeben: am Amtsgericht in der Eisleber Friedensstraße. Dort fanden sich am 15. März schließlich mehrere hundert Menschen ein, um sich mit dem Vater des Mädchens zu solidarisieren und Gewalt gegen Kinder zu verurteilen.

Einige hatten Plakate und Transparente dabei, viele brachten eine Rose mit und legten sie auf einem weißen Tuch ab, das die Aufschrift trug: „Eine Rose gegen Gewalt“. Mehrere Rednerinnen und Redner sprachen. Sie berichteten von ihren Gefühlen und Erfahrungen. Sie verurteilten Gewalt gegen Kinder und ein Vorgehen der Behörden wie in Helbra.

Bei der Kundgebung in Eisleben wurde manche Träne vergossen. Helbraer Eltern berichteten, dass ihre Kinder seit dem erschütternden Ereignis in ihrer Schule teils völlig verstört seien und nicht mehr zur Normalität zurückfinden könnten. Andere kritisierten, dass Entscheidungen über das Wohl von Kindern von Beamten getroffen werden, die keinerlei kinderpsychologische Ausbildung haben. „Schreibtischtäter“ nannte ein empörter Vater solche Menschen.

Die Kundgebung verlief allen Emotionen zum Trotz friedlich. Vor allem aber wurde das Thema nicht politisch instrumentalisiert, obwohl Vertreter der gegensätzlichsten Parteien – von den Linken bis zur AfD – vor Ort waren. Hier herrschte Einigkeit zum Thema, wie sich beim Applaus für die Rednerinnen und Redner zeigte.

Am Ende der Veranstaltung wurde der Wunsch laut, dass dies nicht die letzte Kundgebung gewesen sein darf, die sich mit den brutalen Auswirkungen von Sorgerechtsstreitigkeiten befasst. Und vor allem wurde immer wieder dem Vater der zwangsweise verschickten Kleinen Mut zugesprochen und Kraft für seinen Kampf gegen die Mühlen des Gesetzes gewünscht.
Jochen Miche
Autor: red

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