Jens Diederichs stellt brisante Anfrage zum Thema Jüdische Friedhöfe
Monat des Gedenkens
Sonntag, 26. November 2017, 08:19 Uhr
Erinnern an die Pogromnacht vom 9. November, Volkstrauertag am 19. November und der Totensonntag am 26. November – in diesen Wochen gab es viele Anlässe des Gedenkens. Im besonderen Blick der Öffentlichkeit liegen zweifellos der Volkstrauertag und das Gedenken an die Geschehnisse vor 79 Jahren in der so genannten Reichskristallnacht...
Alte Grabstellen auf dem jüdischen Friedhof in Sandersleben. (Foto: J. Miche)
Mit romantisch glitzerndem Kristall hatten die Ereignisse von 1938 tatsächlich nichts zu tun. In jener Nacht vom 9. zum 10. November zertrümmerten in ganz Deutschland, in der Tschechoslowakei und in Österreich organisierte Schlägertrupps die Schaufenster jüdischer Geschäfte und setzten Gotteshäuser in Brand.
In Sandersleben wurden im Zuge der Novemberereignisse von 1938 die beiden letzten Juden in der Stadt, das Ehepaar Ida und Hermann Adler, vertrieben. Ihr Kurzwarengeschäft wurde am 10. November 1938 entschädigungslos beschlagnahmt. In der Nacht zum 11. November 1938 brannte auch in Sandersleben die Synagoge. Den Feuerwehrleuten wurde verboten, das Feuer zu löschen. Tage später verkündete die Sanderslebener Zeitung, dass die Stadt judenfrei sei.
An diese Ereignisse erinnerten auf dem jüdischen Friedhof in Sandersleben in einer Feierstunde Schülerinnen und Schüler des Hettstedter Wilhelm und Alexander von Humboldt Gymnasiums, ihre Lehrerin sowie der zuständige Pfarrer. Seit 18 Jahren organisiert die Hettstedter Schule dieses Gedenken in Sandersleben. Die Gymnasiasten lasen bzw. rezitierten Texte jüdischer Holocaust-Opfer und spielten auf Instrumenten.
Von der Vergangenheit in die Gegenwart führten die Worte des Pfarrers, der beklagte, wie schwer es heute inzwischen wieder sei, beim Entdecken neonazistischer Hetzparolen Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei zu erstatten. Solche Anzeigen waren in Deutschland schon einmal undenkbar: ab 1933.
An der Veranstaltung nahmen einige Gäste teil, darunter Eltern von Gymnasiasten, aber auch Vertreter von Parteien in den Parlamenten. Offen bedauert wurde von einigen Anwesenden, dass auch in diesem Jahr wieder keine Lokalpolitiker der Stadt Arnstein (zu der Sandersleben gehört) bei der Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof gesehen wurden.
Und es gab im Nachhinein noch ein Lob und eine Kritik. Der parteilose Landtagsabgeordnete Jens Diederichs (CDU-Fraktion) würdigte die Schülerinnen und Schüler aus Hettstedt: Es ist beeindruckend, wie sensibel die Gymnasiasten an die verfolgten und getöteten Juden sowie an deren reiche Kultur erinnerten. Ihnen gilt dafür allergrößter Respekt und Dank.
Beim Verlassen des Friedhofes meinte Diederichs allerdings auch: Für einen Ort des Gedenkens ist dieser Friedhof in einem ziemlich beklagenswerten Zustand. Statt einer Hinweistafel am Eingang gibt es hier Sträucher und Bäume auf Wegen und Gräbern. Ein gepflegter Friedhof sieht anders aus. Das ist eines solchen Friedhofes unwürdig, zumal das Land Sachsen-Anhalt aufgrund gesetzlicher Vereinbarungen aus dem Jahr 2006 Zuschüsse zur Pflege jüdischer Friedhöfe gibt.
Inzwischen hat Diederichs eine Kleine Anfrage an den Landtag von Sachsen-Anhalt gerichtet. Er fragt, wie viel Geld für die Pflege jüdischer Friedhöfe das Land alljährlich zur Verfügung stellt und welche unabhängige Institution die ordnungsgemäße Verwendung dieser Mittel kontrolliert. Diederichs ist sich der Brisanz der Fragen bewusst. Doch er meint auch: Wir sind es den Opfern von Gewalt und Nationalsozialismus schuldig, uns wenigstens um die Würde ihrer letzten Ruhestätten bzw. der Gedenkstätten zu kümmern.
Jochen Miche
Autor: red
Alte Grabstellen auf dem jüdischen Friedhof in Sandersleben. (Foto: J. Miche)
Mit romantisch glitzerndem Kristall hatten die Ereignisse von 1938 tatsächlich nichts zu tun. In jener Nacht vom 9. zum 10. November zertrümmerten in ganz Deutschland, in der Tschechoslowakei und in Österreich organisierte Schlägertrupps die Schaufenster jüdischer Geschäfte und setzten Gotteshäuser in Brand.
In Sandersleben wurden im Zuge der Novemberereignisse von 1938 die beiden letzten Juden in der Stadt, das Ehepaar Ida und Hermann Adler, vertrieben. Ihr Kurzwarengeschäft wurde am 10. November 1938 entschädigungslos beschlagnahmt. In der Nacht zum 11. November 1938 brannte auch in Sandersleben die Synagoge. Den Feuerwehrleuten wurde verboten, das Feuer zu löschen. Tage später verkündete die Sanderslebener Zeitung, dass die Stadt judenfrei sei.
An diese Ereignisse erinnerten auf dem jüdischen Friedhof in Sandersleben in einer Feierstunde Schülerinnen und Schüler des Hettstedter Wilhelm und Alexander von Humboldt Gymnasiums, ihre Lehrerin sowie der zuständige Pfarrer. Seit 18 Jahren organisiert die Hettstedter Schule dieses Gedenken in Sandersleben. Die Gymnasiasten lasen bzw. rezitierten Texte jüdischer Holocaust-Opfer und spielten auf Instrumenten.
Von der Vergangenheit in die Gegenwart führten die Worte des Pfarrers, der beklagte, wie schwer es heute inzwischen wieder sei, beim Entdecken neonazistischer Hetzparolen Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei zu erstatten. Solche Anzeigen waren in Deutschland schon einmal undenkbar: ab 1933.
An der Veranstaltung nahmen einige Gäste teil, darunter Eltern von Gymnasiasten, aber auch Vertreter von Parteien in den Parlamenten. Offen bedauert wurde von einigen Anwesenden, dass auch in diesem Jahr wieder keine Lokalpolitiker der Stadt Arnstein (zu der Sandersleben gehört) bei der Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof gesehen wurden.
Und es gab im Nachhinein noch ein Lob und eine Kritik. Der parteilose Landtagsabgeordnete Jens Diederichs (CDU-Fraktion) würdigte die Schülerinnen und Schüler aus Hettstedt: Es ist beeindruckend, wie sensibel die Gymnasiasten an die verfolgten und getöteten Juden sowie an deren reiche Kultur erinnerten. Ihnen gilt dafür allergrößter Respekt und Dank.
Beim Verlassen des Friedhofes meinte Diederichs allerdings auch: Für einen Ort des Gedenkens ist dieser Friedhof in einem ziemlich beklagenswerten Zustand. Statt einer Hinweistafel am Eingang gibt es hier Sträucher und Bäume auf Wegen und Gräbern. Ein gepflegter Friedhof sieht anders aus. Das ist eines solchen Friedhofes unwürdig, zumal das Land Sachsen-Anhalt aufgrund gesetzlicher Vereinbarungen aus dem Jahr 2006 Zuschüsse zur Pflege jüdischer Friedhöfe gibt.
Inzwischen hat Diederichs eine Kleine Anfrage an den Landtag von Sachsen-Anhalt gerichtet. Er fragt, wie viel Geld für die Pflege jüdischer Friedhöfe das Land alljährlich zur Verfügung stellt und welche unabhängige Institution die ordnungsgemäße Verwendung dieser Mittel kontrolliert. Diederichs ist sich der Brisanz der Fragen bewusst. Doch er meint auch: Wir sind es den Opfern von Gewalt und Nationalsozialismus schuldig, uns wenigstens um die Würde ihrer letzten Ruhestätten bzw. der Gedenkstätten zu kümmern.
Jochen Miche
