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25 Jahre GSG – Gesellschaft für Sanierung und Gesamtstrukturentwicklung Mansfeld Südharz

Auftrag, Verpflichtung und Chance

Dienstag, 19. April 2016, 00:30 Uhr
Mehrere Schilder weisen in Helbra den Weg zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region. (Foto: Jochen Miche) Mehrere Schilder weisen in Helbra den Weg zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region. (Foto: Jochen Miche) „Die GSG, Frau Bärwinkel, wird 25. Kann es sein, dass dieses Vierteljahrhundert etwas geschlaucht hat und es deshalb in der jüngsten Zeit etwas ruhiger um die Gesellschaft geworden ist?“ „Wir brauchen keinen Lärm. Ein Fahrzeug mit lautem 100 PS-Motor muss nicht unbedingt mehr Leistung bringen als eines mit leisem 100 PS-Motor.“ „Aha, es hat bei der GSG also eine Art Energiewende gegeben. Schauen wir also ein wenig zurück zu den lauten Zeiten?“

Beginn eines Gespräch, das msh-online von einer Frau eingeräumt worden ist, die als ebenso energisch wie freundlich gilt: Siegried Bärwinkel. Sie ist als Geschäftsführerin der Gesellschaft für Sanierung und Gesamtstrukturentwicklung (GSG), Helbra, angetreten, Projekte zu initiieren und zu begleiten, die Menschen mit einer sinnvollen Beschäftigung Lebenssinn und neue Chancen zurückbringen können. Und unserer Heimat gut zu Gesicht stehen.

Heute vor genau 25. Jahren, am 19. April 1991, war die „Gemeinnützige Sanierungsgesellschaft Mansfelder Land mbH“- kurz GSG-Helbra - als hundertprozentige Tochter der Mansfeld AG gegründet worden. Unter der Kurzform GSG kennen sie die meisten Menschen bis heute, obwohl nur zwei Jahre später, also 1993, auf Druck der Treuhandanstalt, die Mansfeld AG als Gesellschafter herausgedrängt und durch den Landkreis sowie weitere Partner abgelöst wurde. Erst viel später erfolgte die Umbenennung in „Gesellschaft für Sanierung und Gesamtstrukturentwicklung“ – die Abkürzung GSG blieb durchgehend erhalten. Und auch das Grundanliegen, wie Siegried Bärwinkel unterstreicht: „Gegründet wurde die Gesellschaft, um den tausenden Menschen, die ihre Arbeitsplätze in den Betrieben des früheren Mansfeld Kombinates verloren hatten, eine zumindest temporäre Beschäftigung und eine Chance zum Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt zu geben.“
Mit den Stadtterrassen der Lutherstadt Eisleben hat sich die GSG Helbra ein Denkmal gesetzt. Die Idee für die Stadtterrassen entstand übrigens vor genau zehn Jahren, wie ein Schild vor Ort informiert. Das Fotos hier entstand allerdings gestern, am 18. April 2016, in den frühen Abendstunden. (Foto: Jochen Miche) Mit den Stadtterrassen der Lutherstadt Eisleben hat sich die GSG Helbra ein Denkmal gesetzt. Die Idee für die Stadtterrassen entstand übrigens vor genau zehn Jahren, wie ein Schild vor Ort informiert. Das Fotos hier entstand allerdings gestern, am 18. April 2016, in den frühen Abendstunden. (Foto: Jochen Miche)
Schwerpunkt der Beschäftigung war Anfang der neunziger Jahre hauptsächlich Abriss – modern Rückbau – im großen Stil. Reihenweise waren die Betriebe oder einzelne Abteilungen des Mansfeld Kombinates dicht gemacht und zum Schleifen freigegeben worden. Wohin hatte die GSG damals ihre „Rückbau“kolonnen geschickt? Frau Bärwinkel nennt einige Beispiele: „Es gab Rückbau- und Abbrucharbeiten auf den Mansfeld-Projektstandorten Rohhütte Helbra, Kupfer-Silber-Hütte Hettstedt, Maschinen- und Anlagenbau, bei der Mansfelder Kupferbergbau GmbH und an vielen anderen Standorten.“

Sie ergänzt: „Gefolgt von Aufgaben im Bereich der ökologischen Sanierung, der touristischen Infrastruktur sowie Kultur- und Denkmalpflege und auch in der Verantwortung als Maßnahmeträger im Rahmen arbeitsmarktpolitischer Sofortprogramme des Landes für Sozialhilfeempfänger und Jugendliche.“ Überhaupt: die Menschen. Wie viele hatten in all den Jahren bei der GSG vorübergehend einen Job? „Nahezu 40.000“, erklärt die Geschäftsführerin, „und zwar jeden Alters. Da gab es die jugendlichen Teilnehmer der Qualifizierungs-ABM von 1998 bis 2000 ebenso wie die Mitarbeiter in Projekten von, Aktiv zur Rente‘ ab 2001.“
Perfekte Symmetrie kennzeichnet diese schlichte, doch wunderschöne Backsteinarchitektur auf dem ehemaligen Helbraer Rohhüttengelände. Die Geradlinigkeit und Logik, welche die Proportionen der Fassade vermitteln, sind Maßstäbe, an denen sich die in diesem Gebäude residierende GSG-Leitung messen lassen will. (Foto: Jochen Miche) Perfekte Symmetrie kennzeichnet diese schlichte, doch wunderschöne Backsteinarchitektur auf dem ehemaligen Helbraer Rohhüttengelände. Die Geradlinigkeit und Logik, welche die Proportionen der Fassade vermitteln, sind Maßstäbe, an denen sich die in diesem Gebäude residierende GSG-Leitung messen lassen will. (Foto: Jochen Miche)
Bei den Maßnahmen mit Mehraufwandsentschädigung (1-Euro-Jobs) konnten ab 2007 eine Vielzahl an Teilnehmern in Sportstätten, in der Kinder- und Jugendarbeit sowie im humanitären und sozialen Bereich beschäftigt werden. Im Jahr 2007 kam eine weitere, von vielen Menschen begrüßte Maßnahme hinzu: die Bürgerarbeit in Gerbstedt und im Weiteren die Bürgerarbeit in Eisleben. Immer wieder war die GSG gefragter Partner.

Wo kam das Geld für all die Maßnahmen her und wie viel war es? Frau Bärwinkel: „Rund 450 Millionen an Landes-, Bundes- und Europamitteln sind in diesen 25 Jahren über die Projekte der GSG in unsere Region geflossen. Vergessen wir aber auch nicht, dass davon ein Großteil der Sachkosten - rund 120 Millionen Euro - über die Vergabe von Aufträgen an den regionalen Klein- und Mittelstand gegangen sind.“

Hat die GSG Spuren in der Region hinterlassen oder nur Spuren unserer Industriegeschichte getilgt? Tatsächlich, so die Geschäftsführerin, seien in den ersten Jahren der GSG an den schon erwähnten Standorten Abbrucharbeiten großen Ausmaßes erfolgt. Aber es wurde nicht nur abgebrochen, sondern auch erhalten und aufgebaut. Über das aufwändige, aber sehr nachhaltig wirkende Projekt „Jugendstarterhof“ wurde zur Jahrtausendwende das ehemalige Katharinenstift in Eisleben umgestaltet. Ein weiteres sichtbares Projekt sind die im Jahr 2010 freigegebenen Stadtterrassen der Lutherstadt Eisleben. Oder auch das 2015 gestaltete Gelände rund um das Hettstedter Maschinendenkmal - als einige wenige Beispiele für die Arbeit der GSG.
Das gesamte Umfeld des Hettstedter Maschinendenkmals ist von der GSG gestaltet worden. Es gab viel Lob für die erfolgreich vor dem 12. September 2015 beendeten Arbeiten. (Foto: Jochen Miche) Das gesamte Umfeld des Hettstedter Maschinendenkmals ist von der GSG gestaltet worden. Es gab viel Lob für die erfolgreich vor dem 12. September 2015 beendeten Arbeiten. (Foto: Jochen Miche)
Doch viel wichtiger sei das Unsichtbare: das, was mit den Menschen passiert, die eine gewisse Zeit aus ihrem zuweilen schwierigen, oft entmutigenden Alltag als Langzeitarbeitslose herausgeholt werden, so Siegried Bärwinkel.

Die Dipl.-Ingenieurin lässt keinen Zweifel daran, dass Vollbeschäftigung auch ihr Wunsch wäre. Doch die Zeichen der Zeit sehen anders aus. Unverändert ist der „zweite Arbeitsmarkt“ für viele Menschen unserer Region eine Chance, vorübergehend in ein fast normales Arbeitsleben hineinzufinden und sogar den Fuß in den ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Die GSG sei nicht angetreten, den zweiten Arbeitsmarkt hoffähig zu machen, sondern in Ermangelung von regionalen Alternativen Menschen Chancen und Würde zurückzugeben, so die Geschäftsführerin.

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem politischen Umbruch und 25 Jahre nach ihrer Gründung scheint die GSG wichtiger denn je. „Denn“, so Frau Bärwinkel, „es gibt nach wie vor eine anhaltend große Zahl langzeitarbeitslos gemeldeter Menschen und einen entsprechenden Bedarf unserer Region an wirkungsvollen und effizienten Maßnahmen zur Förderung und Forderung dieser Menschen.“ Die GSG hat die nötigen Erfahrungen und Kompetenzen, den Langzeitarbeitslosen zu helfen, persönliche und soziale Defizite auszugleichen, damit sie letztlich jene Alltagsstrukturen wiedererlangen, die für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt erforderlich sind. Dieses Angebot gilt auch für Menschen mit Migrationshintergrund. Auch hier, im Bereich der neuen, sehr anspruchsvollen gesellschaftlichen Aufgabenstellung – der Betreuung von Flüchtlingen – bringt die GSG ihre Erfahrungen ein.

Gesellschaftlich Sinn bringende Arbeiten gibt es in großer Fülle. Die positiven Folgen sind vielfach absehbar: auf sozialem Gebiet wie ganz praktisch für das Territorium, in welchem beispielsweise einfache Pflege- und Reinigungsarbeiten in Parkanlagen, an Wegen und auf sonstigen öffentlichen Flächen erfolgen könnten.

Die Spuren, die die GSG in den zurückliegenden 25 Jahren in der Region hinterlassen hat, sind unübersehbar. Sie ist auf dem Weg, mit neuen Projektideen auch das nächste Vierteljahrhundert in Angriff zu nehmen, versichert Siegried Bärwinkel. Und das alles zeitgemäß etwas weniger lärmend als noch vor zweieinhalb Jahrzehnten.

Jochen Miche
Autor: jm

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