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Erste Versammlung nach der Landtagswahl

Kein Pöstchengeschacher

Sonntag, 27. März 2016, 17:32 Uhr
Sie holten alle drei Landtags-Direktmandate des Landkreises Mansfeld-Südharz: Robert Farle, Jens Diederichs und Andreas Gehlmann (v. l.). (Foto: Jochen Miche) Sie holten alle drei Landtags-Direktmandate des Landkreises Mansfeld-Südharz: Robert Farle, Jens Diederichs und Andreas Gehlmann (v. l.). (Foto: Jochen Miche) Der AfD-Kreisverband Mansfeld-Südharz hatte zu seiner ersten Mitgliederversammlung nach der Landtagswahl eingeladen. Hier dürfen auch stets Nichtmitglieder teilnehmen. Aber Presse? Mit der tut sich die Partei schwer, heißt es. Oder ist es umgekehrt? Msh-online fragte an – und wurde hereingelassen. Was würde uns hier erwarten? Vielleicht Hetzrufe und dumpfe Parolen oder gar blitzende Messer.

Von den gegenwärtig 31 Mitgliedern des Afd-Kreisverbandes waren 17 der Einladung zur Mitgliederversammlung gefolgt, außerdem kam ein Interessierter. Die Konzentration an Landtagsabgeordneten war beachtlich: Jeder sechste der Anwesenden war am 13. März in den Landtag von Sachsen-Anhalt gewählt worden: Jens Diederichs (hatte 31,5 Prozent aller Erststimmen in seinem Wahlkreis auf sich vereint), Andreas Gehlmann (30,3 Prozent) und Robert Farle (30,1 Prozent). Sie zählen zu den 25 AfD-Mitgliedern, die erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt eingezogen sind. In der Mitgliederversammlung des AfD-Kreisverbandes begrüßte jeder jeden mit Handschlag. Glückwünsche und Dankeschön-Worte wechselten die Seiten.

Mitglieder und Neugierige diskutierten in der ersten Versammlung des AfD-Kreisverbandes Mansfeld-Südharz nach der Landtagswahl unter anderem über Schwerpunkte der Kommunalpolitik. (Foto: Jochen Miche) Mitglieder und Neugierige diskutierten in der ersten Versammlung des AfD-Kreisverbandes Mansfeld-Südharz nach der Landtagswahl unter anderem über Schwerpunkte der Kommunalpolitik. (Foto: Jochen Miche)

Die Versammlungsleitung lag bei Jens Diederichs, den AfD-Kreisvorsitzenden. Er teilte den sehr aufgeräumt und heiter wirkenden Anwesenden zwei interessante Neuigkeiten mit: „Der Bundesverband der Alternative für Deutschland hat den AfD-Landesverband Saarland aufgelöst. Dem gehörten 270 Mitglieder an. Die waren zu sehr von der NPD unterwandert.“ Eine schmerzhafte, aber notwendige Zäsur, zu der sich der Bundesverband entschlossen habe, meinte Diederichs. Die Strategie werde jedoch grundsätzlich bis „nach unten“ in die Kreisverbände hinein durchgesetzt. Der Kreisverbandsvorsitzende hatte beispielsweise schon bei der ersten Bürgerversammlung in Sangerhausen am 10. Januar eines klargestellt: „Ich möchte keine rechten Parolen hören!“ In der Mitgliederversammlung konnte er sich solche Hinweise sparen – hier saßen überwiegend Menschen aus dem Bildungsbürgertum der Region, die statt Parolen Ideen austauschen wollten.

Wenig Zeit zum Feiern
Diederichs verkündete eine zweite Neuigkeit, diese allerdings nicht ohne eine Spur Spott in der Stimme: „Die haben in Magdeburg doch noch das Zählen gelernt: Die AfD hat nicht, wie seit dem 13. März verkündet, 24 Plätze im Landtag geholt, sondern 25 – gerade mal fünf weniger als die CDU. Damit werden wir als zweitstärkste Fraktion auch den Vizepräsidenten des Landtages stellen.“ Diese Auskunft freute einmal mehr die Versammelten. Rechtsanwalt Robert Farle, MdL aus Seeburg, dämpfte diese Freude jedoch gleich einmal mit der Bemerkung: „Nach der Wahl ist vor der Wahl. Unser eigentliches Ziel haben wir noch nicht erreicht. Es ging mir selbst beispielsweise nie um einen Platz im Landtag; unser Ziel war und ist, die Politik im Land zu ändern. Im Übrigen erwarten die Wähler von uns kein Pöstchengeschacher, sondern klare Ansagen im Landtag und Präsenz auf der Straße.“

Farle kritisierte den Vertrag, den die Bundeskanzlerin mit der Türkei geschlossen hat und der am Ende dazu führe, dass die Türkei noch dafür fürstlich entlohnt werde, dass massenhaft junge, kräftige Männer nach Deutschland kommen, „die hier ihre Moscheen bauen“. Farle zitierte einen Bericht der Zeitung „Die Welt“, nach dem der Bau von bis zu 150 Moscheen in Deutschland zu erwarten sei. Und er setzte diese Zahl nach: „Es muss mit sechs Millionen Zuwanderern gerechnet werden, für die heute schon die Kosten bekannt sind, die auf unseren Staat zukommen: 180 Milliarden Euro.“ Er forderte, lieber Geld in den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge zu investieren, um dort lebenswerte Bedingungen zu schaffen.

Seine außenpolitische Analyse gipfelte in einem Plädoyer für ein Ende der Sanktionen gegen Russland, das Wesentliches für das Zurückdrängen des Islamischen Staates geleistet habe und ein wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands sei. An dieser Stelle bekam auch die Kanzlerin ihr Fett weg, die zwar für viele Deutsche noch eine gewisse Strahlkraft besitze, deren Partei jedoch wie alle anderen etablierten Parteien an Zulauf verliere.

"Kein rechter Sauhaufen"
Dies sei kein Zufall. Immer mehr Menschen würden erkennen, so Farle: „Die AfD ist kein rechter Sauhaufen. Sogar die entsprechenden Darstellungen in vielen Medien lassen nach. Der normale Bürger erkennt zunehmend, dass wir keine Radikalinskis sind, sondern Probleme beim Namen nennen, deutlich machen, dass Tausende Menschen an unseren Grenzen rütteln. Und dass wir jederzeit bereit sind, den berechtigt Zuflucht Suchenden Schutz zu bieten, die anderen aber nach Hause schicken müssen.“ Farle schloss sein Statement: „Der Kampf wird härter. Wir müssen am Ball bleiben.“

Versammlungsleiter Jens Diederichs ergänzte: „Wir werden nicht, wie die meisten im Landtag vertretenen Parteien, nach der Wahl abtauchen und kurz vor den nächsten Wahlen wieder auftauchen. Wir wollen künftig auch die kommunalen Probleme kennenlernen und aufgreifen.“ Genau dort wollen einige AfD-Mitglieder künftig auch gern aktiv werden. „Die Menschen und ihre Sorgen ernst nehmen“, wollen sie, doch wie schwer das zuweilen sei, berichtete ein Mann am Tisch: „Wahlen sind zwar geheim, aber ich darf ja sagen, wen ich wähle. Das ist nun mal die Alternative für Deutschland – und dafür bin ich schon als Nazi beschimpft worden.“

Jeder Versammlungsteilnehmer hatte die Möglichkeit, Zwischenfragen zu stellen. Das passierte aber kaum. Alles wirkte sehr diszipliniert. Später, als sich die Anwesenden zu Wort meldeten, trat etwas Bemerkenswertes zutage: Kaum jemanden interessierte hier die Landes- oder Bundespolitik. Es wurde diskutiert, wie man sich im Alltag einbringen und Verantwortung für die Lösung von Problemen wahrnehmen und am Ende helfen könne. Hier fielen Begriffe wie Heimat, Bürgerstammtisch, Internet und mehr.

Nach der Versammlung gingen die einen sofort zu ihren Autos, andere blieben in Gruppen stehen und unterhielten sich, wieder andere bestellten sich Currywurst mit Pommes und machten denen, die auf Diät waren, höllisch Appetit. Das war der kritische Augenblick, auf den der msh-online-Reporter gewartet hatte: Plötzlich blitzten doch noch die Messer bei den AfD-lern...

Jochen Miche
Autor: jm

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