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Gerbstedt: Erster Spatenstich für "multiblen Bau"

Eine Halle für alle

Dienstag, 01. März 2016, 23:47 Uhr
Im Sand buddeln - der Spaß daran vergeht nie. Stattdessen aber sangen die Kinder heute unter anderem "Wer will fleißige Handwerker sehn, der muss nach Gerbstedt gehn". (Foto: Jochen Miche) Im Sand buddeln - der Spaß daran vergeht nie. Stattdessen aber sangen die Kinder heute unter anderem "Wer will fleißige Handwerker sehn, der muss nach Gerbstedt gehn". (Foto: Jochen Miche) Verkehrte Welt in Gerbstedt: Da hat das einstige Rittergut endlich einen Sandkasten, acht Spaten und viele Kinder, die zu gern den Sand umschippen würden, und was passiert? Sie dürfen das nicht einmal, sondern müssen singen, erhalten Süßigkeiten statt Werkzeug – und gehen. Und was geschieht dann? Die Großen schippen den Sand um. Ganz Große sogar: Minister, Landrätin, Bürgermeister.

Wie sollen die Knirpse der Kindertagesstätte "Sonnenschein" noch die Welt verstehen? Da haben sie ein so herrlich lebensfrohes und fröhliches Programm geboten, und nun das! Allerdings: So schlimm war es auch wieder nicht, alle hatten ihren Spaß an diesem ersten Spatenstich für die künftige Gerbstedter Mehrzweckhalle.

Gerbstedts Bürgermeister Siegfried Schwarz (CDU) sieht in den Kindern das Symbol für die Zukunft seiner Stadt. Er sagte: „Die Kinder, die für uns so schön gesungen haben, werden in der Mehrzweckhalle, die hier entstehen wird, öfter tanzen als wir Älteren.“

Nun ja, das Buddeln der Kleinen hätte kaum zu einer Bauverzögerung, höchstens für etwas Ärger mit den Eltern geführt ("Sie in so kaltem Sand spielen zu lassen, also..."). Die Halle würde möglicherweise dennoch im kommenden Januar stehen und in einem etwas wärmeren Monat danach offiziell eingeweiht werden können.

Mit dem symbolischen Spatenstich startete heute offiziell die „Revitalisierung des Rittergutes Gerbstedt durch Errichtung einer Mehrzweckhalle“, wie es auf dem Bauschild für diese Maßnahme heißt.

In der Mehrzweckhalle, einem, wie Bürgermeister Schwarz es nannte, "multiblen Bau", sollen eine Zahnarztpraxis, eine Physiotherapie und Ergotherapie, Wohnungen und anderes untergebracht werden. Wenn alles in Ordnung sei, werde man auch Zeit finden für eine Einweihungsfeier und dafür, etwas mehr über den Werdegang vom Beschluss des Gerbstedter Stadtrates für dieses Objekt bis zum Baubeginn zu erzählen.

Überhaupt: Der Beschluss zum Bau einer Mehrzweckhalle ist bereits vor sensationellen 17 Jahren - 1999 - von den damaligen Gerbstedter Stadträten gefasst worden. „Manche, die damals dabei waren, gibt es heute überhaupt nicht mehr“, meinte der Bürgermeister, der sich dann aber in der Runde umsah und rief: „Herr Bläsing war einer von denen damals.“ Tatsächlich stand Erich Bläsing etwas im Hintergrund, und die beiden langjährigen Stadtparlamentarier winkten sich freundschaftlich und mit einem Anflug leiser Wehmut in den Augen zu. Ihre Erlebnisse im gemeinsamen Ringen um das Beste für die Stadt könnte Bände füllen. Der heute 76-jährige Bläsing war für die SPD im Stadtrat Gerbstedt, Schwarz für die CDU – für beide nie ein Problem. Bläsing sagte msh-online: „Wir haben immer gemeinsam die Interessen Gerbstedts vertreten, da gab es kein Parteiengezänk. Und was den Bürgermeister angeht", erklärte er schelmisch lächelnd, "den wählen eh Leute aus allen Parteien.“

Erich Bläsing ist altersbedingt nicht mehr Abgeordneter, aber seit der Gründung des Ortsverbandes Gerbstedt der Arbeiterwohlfahrt im Jahr 1992 dessen Vorsitzender. Bis heute organisiert er gemeinsam mit anderen für die älteren Gerbstedter, zu denen inzwischen auch er selbst sich zählt, ein reiches geselliges Leben.

Ein langer Atem scheint ein Wesenszug vieler Gerbstedter zu sein. So auch des Bürgermeisters Schwarz, wie ihm die Landrätin, Dr. Angelika Klein (Die Linke), bescheinigte. Sie zollte ihm großen Respekt mit dem Hinweis, dass es sehr schwer sei dort zu bauen, wo bereits etwas steht bzw. stand. Alles müsse mühsam nachgewiesen werden, bevor eine Entscheidung für einen Neubau fallen könne. Schwarz habe alle Hürden überwunden und durchgehalten; dennoch wünsche sich die Landrätin ein kleines, feines Förderprogramm von der Landesregierung, das ganz einfach erlaubt, dort Lücken zu schaffen, wo unwiederbringlich verkommene Bauten entfernt werden und Platz schaffen sollten für eine zukunftsweisende Gestaltung der Städte und Gemeinden, die den Menschen Lust auf Heimat vermitteln und den Wunsch fördern sollen, in ihrer Heimat zu bleiben.

Schwarz würdigte die Kooperationsbereitschaft der Landrätin. Kompetenz und Konsequenz im Landratsamt? "Die Kommunalaufsicht hat niemals die Geschichte verkompliziert. Die Anträge wurden zügig bearbeitet und alle erforderlichen Genehmigungen erteilt", lobte der Gerbstedter Bürgermeister, der auch anderen Anwesenden herzliche Worte des Dankes sagte. Zum Beispiel der Prokuristin der Landesentwicklungsgesellschaft Saleg, Regina Kramm. Mit der Saleg sei Gerbstedt bereits seit 1993 verbunden und habe seitdem viele Projekte einleiten und erfolgreich zu Ende führen können, so Schwarz.

Die nun entstehende Mehrzweckhalle, die laut Schwarz ein "Bauwerk für die Einheitsgemeinde wird, welche von Hübitz bis Friedeburg reicht", werde 3,6 Millionen Euro kosten, von denen 2,4 Millionen aus der Städtebauförderung kommen. Die Differenz von 1,2 Millionen Euro sei der Eigenanteil der Einheitsgemeinde, welchen, da ihn Gerbstedt nicht aufbringen könne, die Saleg übernehme. Die Rückzahlung dürfte kaum weh tun, denn sie erfolgt in den kommenden 20 Jahren aus den Mieteinnahmen der Mehrzweckhalle.

Siegfried Schwarz wandte sich auch an die Referatsleiterin im Landesverwaltungsamt (LVA), Gabriele Neugebauer, und ihren Sachgebietsleiter Städtebauförderung, Marco Pocher. Sie hatten den Mammutanteil der Kosten für die neue Halle besorgt - ein Kraftakt wie so vieles auf dem Weg zu dem neuen Gerbstedter Bauwerk. Doch auch den LVA-Leuten war dieses jahrelange Ringen offenkundig wichtig, wie Frau Neugebauer sagte. Sie fasste ihren Eindruck von den Gerbstedtern in kurze Worte: "Da, wo jemand einen Plan hat, da wird das Geld von Bund und Land auch gut angelegt sein."

Dem wollte der Minister für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt, Thomas Webel (CDU), nicht zu viel hinzufügen. Er erinnerte daran, dass, um Baufreiheit schaffen zu können, erst einmal abgerissen werden musste, und das kostete ja. Aber auch das war dank der Anstrengungen von Bürgermeister, LVA und anderen Beteiligten teilweise bereits von seinem Ministerium bezahlt worden, wie Webel mit einem schelmischen Lächeln in Richtung Schwarz bekannte.

Der Minister sagte: "Der Einheitsgemeinde gilt aufrichtiger Dank dafür, dass sie das Projekt auf die Agenda gestellt hat. Die Impulse müssen ganz einfach vor Ort wachsen." Er meinte, ein solches Bauwerk für 3,6 Millionen Euro sei ein ehrgeiziges Ziel, doch: "Dieses Geld ist gut angelegtes Geld."

Das ist zunächst einmal ein Wunsch. Entscheiden, ob dies so sein wird, tun eines Tages die Kinder, die man heute nicht im "Erster-Spatenstich-Sand" hat spielen lassen. Die dann möglicherweise denselben Satz in der Vergangenheitsform ausdrücken: "Dieses Geld war gut angelegtes Geld."

Jochen Miche
Autor: jm

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