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Sangerhäuser Gemeindehaus vor 100 Jahren eingeweiht

Im Gottesdienst historische Figuren erweckt

Montag, 29. Februar 2016, 14:24 Uhr
Selbst Sonne und Fenster spielten mit bei diesem Festgottesdienst im Sangerhäuser Gemeindehaus: Ein Kreuz zeigt sich auf dem Parkett. (Foto: Jochen Miche) Selbst Sonne und Fenster spielten mit bei diesem Festgottesdienst im Sangerhäuser Gemeindehaus: Ein Kreuz zeigt sich auf dem Parkett. (Foto: Jochen Miche) Christen gehen in eine Kirche zum Gottesdienst. Und eine Stunde später wieder nach Hause, um eine Woche darauf erneut in die Kirche zu kommen, der Predigt ihres Pfarrers/ihrer Pfarrerin zu lauschen, gemeinsam zu beten und zu singen. Wobei es mit der Gemeinsamkeit beim Singen so eine Sache ist: „Ich habe heute meine Brille vergessen“, ist die gängigste Erklärung fürs Schweigen beim Gesang der anderen. Was zwei Fragen aufwirft: Ist das alles, was Christen so loslassen, einmal pro Woche in die Kirche zu gehen? Und zweitens: Sind diese Kirchgänger wirklich überwiegend alte Leute, die bereits aufgeschmissen sind, wenn sie die falsche oder gar keine Brille eingesteckt haben? Diesen Fragen gingen wir in einem Gottesdienst im Gemeindehaus in der Riestedter Straße 24 in Sangerhausen nach.

„Nicht in der tausend und ersten Nacht, sondern 100 Jahre und einen Tag danach feiern wir diesen Gottesdienst“, erklärte der Sangerhäuser Pfarrer Johannes Müller bei der Begrüßung seiner Zuhörer. Er erinnerte somit an die Eröffnung des „Evangelischen Gemeindehauses und Jugendheims“ am 27. Februar 1916. Damit war dies ein besonderer Gottesdienst, worauf auch ein paar Kerzen mehr als sonst hindeuteten; die Wände rechts und links vom Altartisch beleuchteten 100 angezündete und fröhlich den Sauerstoffgehalt des Raumes reduzierende Teelichter. Wobei: Die Luft war gut im Gemeindesaal, denn weil deutlich mehr als 100 Besucher gekommen waren, hatte jemand die mehrflügelige Tür zum Flur geöffnet und dort Stühle aufgestellt, so dass auch die dortigen Besucher dem Geschehen im Gemeindesaal folgen und unbewusst für ordentliche Frischluftverhältnisse sorgen konnten. Indes: Irgendwann wehte aus dem Raum im Rücken der im Flur Sitzenden der zarte Duft äußerst leckerer Suppen hinein in den Gemeindesaal, der, wäre der Gottesdienst nicht so spannend gewesen, die Vorfreude auf das anschließende festliche Essen in Ungeduld verwandelt hätte. Denn die Gastgeber, die Sangerhäuser Kirchengemeinden St. Jacobi und St. Ulrich, hatten aus Anlass des Jubiläums zu einem anschließenden festlichen Imbiss eingeladen.

Die 100 Kerzen standen symbolhaft auch für einen Satz, den einst Jesus Christus gesagt hatte, und der in der Bibel nachzulesen ist: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Damit hat er Menschen gemeint, die seine Botschaft von einem anständigen, hoffnungsvollen, gottgefälligen Leben verbreiten. Pfarrer Müller brachte weitere biblische Zitate. Eines bezog sich auf das Gemeindehaus: „Was du, Herr, segnest, das ist gesegnet ewiglich.“ Der Satz scheint zu bestätigen, dass die Schaffung eines Gemeindehauses und eines Jugendheimes eine offensichtlich von Gott begrüßte Geschichte war. Und die bestätigt – womit wir bei der Ausgangsfrage nach den Kirchgängern sind -, dass es für Christen mit einem Kirchgang allein nicht getan ist. Zum erfüllten Gemeindeleben gehört mehr, zum Beispiel ein Haus, in dem sich viele Menschen unterschiedlicher Interessen treffen, diskutieren, beraten, planen und feiern können.

Ein solches Haus fehlte den beiden großen Sangerhäuser Kirchengemeinden bereits im 19. Jahrhundert geradezu schmerzlich. Die jungen Christen damals wollten mal unter sich sein, die Chöre nicht immer in der kalten Kirche proben, die Frauen in Ruhe ihre menschenfreundlichen Aktionen vorbereiten und schließlich auch die Gemeinde selbst in der kalten Jahreszeit (außer Weihnachten) ihre Gottesdienste an einem warmen Ort feiern. Apropos feiern: Auch dazu, für Feiern im ganz profanen Sinn, wurde ein Haus benötigt.
Ein solches Gebäude wurde gefunden und mit Hilfe vieler Menschen, die Spenden für den Erwerb sammelten, 1914 gekauft. Doch damit war das alte Haus noch lange nicht nutzbar. Umfangreiche Umbau- und Sanierungsmaßnahmen waren erforderlich. Auch dafür wurde Geld gebraucht, welches schließlich der in Sangerhausen gebürtige erfolgreiche Stendaler Dampfmühlenbesitzer Arthur Weidling spendete. Dank seiner Hilfe konnte das Gemeindehaus und Jugendheim am 27. Februar 1916, also mitten im Krieg, geweiht werden. Nicht zufällig steht auf einer noch im Flur hängenden hölzernen Gedenktafel die von Martin Luther verfasste und in einem Gesangbuch 1529 erstmals gedruckt erschienene Liedzeile „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten.“

Dieser Satz darf, gemeinsam mit der Aufforderung „Suchet der Stadt Bestes“, auch als Grundtenor jener szenischen Lesungen verstanden werden, die den Gottesdienst bereicherten. Behutsam kostümiert, traten verschiedene Leute in Erscheinung, die imaginäre Briefe von Personen vorlasen, welche über die Jahrhunderte hinweg das Leben dieses Hauses mit geprägt hatten. Eine Frau Günther blickte auf ein bewegtes 19. Jahrhundert und dort besonders auf die Revolution 1848 zurück, um sich am Ende darüber zu freuen, dass „das alte Bürgerhaus“ 1914 in Besitz der evangelischen Kirche übergehen konnte.

Pfarrer Müller schlüpfte in die Rolle seines Vor-Vorgängers Pfarrer Albrecht Gubalke, der 1920 nach Sangerhausen gekommen war und als Erstes eine Notstandsküche für Erwerbslose eingerichtet hatte. Ab 1923 schuf er einen evangelischen Kindergarten zur „Sammlung und Pflege der noch nicht schulpflichtigen Kinder von zwei bis sechs Jahren“. Noch vor Antritt der Nationalsozialisten gründete er die evangelische Monatsschrift „Die Unruhe“, in der er vor dem menschenfeindlichen Charakter der Nazis warnte. Auf deren Drängen suspendierte nach 1933 die Kirchenleitung Pfarrer Gubalke, der 1943 mit 57 Jahren starb.

Der Nazihörigkeit damaliger Kirchenfürsten setzte eine Handvoll Christen Widerstand entgegen. Diese mutigen Menschen sammelten sich in der „Bekennenden Kirche“, wie Pfarrer Müller erinnerte, und legten somit Zeugnis ab für Anstand, Frieden und Freiheit – so, wie beispielsweise der christliche Verleger und Buchhändler Alban Hess, der sich in der Nazi-Zeit weigerte, Hitlers Schrift „Mein Kampf“ in seinem Sangerhäuser Laden anzubieten.

Weitere Personen beleuchteten wichtige Geschehen ihrer Zeit. Darunter eine Jugendliche, die an die Ereignisse zur politischen Wende 1989 erinnerte, als bis zu 1.800 Menschen gegen die DDR-Diktatur demonstrierten und sich in der Jacobikirche versammelten. Angesichts der Herausforderungen, vor die die weltweiten Flüchtlingsbewegungen Christen heute stellen, bekam dieser Satz eine ganz neue Aktualität: „Die Kirche muss Gesicht zeigen. Suchet der Stadt Bestes.“

Womit die erste Frage (siehe oben) beantwortet ist, ob Gottesdienste alles sind, was Christen so umtreibt. Die Einweihung des Gemeinde- und Jugendhauses vor 100 Jahren war auch deshalb mehr als überfällig, weil Christen eben nicht nur in Gottesdienste in Kirchen gehen, sondern schon immer vielseitig engagiert waren. In diesen Kontext passten zudem die – im Übrigen in jedem Gottesdienst unerlässlichen – Fürbitten. Diese Gebete übernahmen diesmal, mit jeweils auf die Sprecher(innen) zugeschnittenen Gebetsanliegen, bekannte Sangerhäuser Bürger. Unter ihnen die Hautärztin und Stadträtin Gesine Liesong (Bürgerinitiative Sangerhausen), welche symbolhaft für all jene Menschen sprach, die sich, mancher Widerstände zum Trotz, für die Gesellschaft engagiert haben und dies weiterhin tun.

Wichtiger Teil eines Gottesdienstes ist das Geben einer Kollekte, also einer Art Spende. Sie ist immer für eine spezielle Aufgabe bestimmt. Dieses Mal für die Unfallseelsorge, in der Christen und Nichtchristen, aber auch viele Pfarrer ehrenamtlich Menschen Hilfe geben, die durch Unfälle und sonstige Ereignisse schwere Verluste oder Erschütterungen ertragen müssen.

Mit den Fürbitten und der Kollekte war der Festgottesdienst wieder ganz im Hier und Heute angelangt. Und beantwortete damit zugleich die zweite (oben gestellte) Frage: Ob Kirchgänger meist alte, vergessliche Leute sind, die zuweilen die falsche oder gar keine Brille einstecken haben. Nein, es gibt auch genügend junge und jüngere Leute im Gottesdienst, und auch unter diesen zuweilen etwas vergessliche, wie sich spätestens dann zeigt, wenn sie beim Kramen in den Hosentaschen bemerken, dass sie daheim zwar nicht ihre Brille und ihr Handy, dafür aber etwas Kleingeld für die Kollekte vergessen haben. Aber das kommt, wie zu erfahren war, nur ganz selten vor.

Jochen Miche
Autor: jm

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