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Arbeits- und Sozialminister Norbert Bischoff in Eisleben und Helbra

"Blut ist dicker als Wasser"

Freitag, 22. Januar 2016, 22:31 Uhr
Auf Stippvisite in der alten Heimat. Norbert Bischoff, Sachsen-Anhalts Arbeits- und Sozialminister, besuchte heute auf Einladung seines Parteifreundes, des Landtagsabgeordneten Norbert Born (beide SPD), Eisleben und Helbra. In Helbra lebte Bischoff von 1950 bis 1970. Hier ging er zur Schule und zuweilen ins Kino. Ins Kino ging er auch heute. Dort traf er die „Deutsche Eiche“.

Arbeits- und Sozialminister Norbert Bischoff in Eisleben und Helbra (Foto: Jochen Miche) Arbeits- und Sozialminister Norbert Bischoff in Eisleben und Helbra (Foto: Jochen Miche)
Weil das Helbraer Kino kein Kino mehr ist, sondern Herzstück des Helbraer Boxclubs, war es leicht, dort auch einen Boxer anzutreffen, in dem Fall den Weltklasseboxer Timo Hoffmann, die „Deutsche Eiche“. Die Ehre dieses Titels wurde Hoffmann nicht zuletzt dank einer sensationellen Leistung zuteil: Als einer von weltweit nur vier Boxern ging er einst mit Vitali Klitschko über die volle Distanz von zwölf Runden. Inzwischen allerdings ist er erfolgreicher Unternehmer (Sicherheitsfirma) und seit dem 28. Dezember vergangenen Jahres Vorstandsvorsitzender des Helbraer Boxclubs.

Diese Funktion hatte seit Gründung des Vereins im Jahr 2009 die Helbraer Rechtsanwältin Katrin Sonderhoff inne, die allerdings aufgrund einer zusätzlichen Ausbildung zur Steuerberaterin momentan überhaupt keine Zeit mehr für dieses zeitraubende Vorstandsamt im Boxverein hat.

In Helbra im Gespräch über alte und neue Zeiten (v. l.): Rainer Gerlach, Norbert Born, Alfred Böttge, Katrin Sonderhoff, Norbert Bischoff und Timo Hoffmann. (Foto: Jochen Miche) In Helbra im Gespräch über alte und neue Zeiten (v. l.): Rainer Gerlach, Norbert Born, Alfred Böttge, Katrin Sonderhoff, Norbert Bischoff und Timo Hoffmann. (Foto: Jochen Miche)
Frau Sonderhoff drückte heute ebenfalls dem Minister die Hand. Dieser staunte hörbar, als er die Halle betrat: „Das sah vor fünf Jahren aber noch ganz anders aus.“ Tatsächlich hatte hier eine Art Metamorphose stattgefunden: Die Halle – Ende des 19. Jahrhunderts ein Tanzsaal mit angeschlossener Gaststätte, seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts Kino, ab den 60ern Sporthalle und seit 2009 Heimstatt der Boxer – hat sich inzwischen vollkommen verändert. Helbras Bürgermeister, Alfred Böttge, wies stolz auf etwas Besonderes hin: die Fenster. Sie haben wieder ihre Bögen zurückerhalten und geben der Halle ihre historische Ausstrahlung zurück.

Mit Alfred Böttge hatte Minister Bischoff einen alten Bekannten als Gesprächspartner. „Wir sind zusammen groß geworden“, erklärte Bischoff ihren regen Gedankenaustausch.

Bischoff hatte den Tag in Eisleben mit Gesprächen zur Flüchtlingsthematik begonnen und Mittag, ebenfalls in Begleitung von Norbert Born und dessen Mitarbeiter Mike Künzel, das Kinder- und Jugendhaus Am Wolfstor in Eisleben besucht. Hier war es zu intensiven Gesprächen zwischen Bischoff, dem Leiter des Jugendamtes der Kreises Mansfeld-Südharz, Sven Vogler, der Leiterin des Eigenbetriebes, Elvira Speidel, sowie der Sachbearbeiterin des Eigenbetriebs, Kathrin Koch, gekommen. Der Minister lernte das Konzept des Heimes kennen, in dem 40 Kinder und Jugendliche überwiegend in Wohngruppen leben.

Elvira Speidel (2. v. r.) und Kathrin Koch (r.) zeigten den Besuchern auch das Bastelzimmer des Kinder- und Jugendhauses Am Wolfstor. Im Bild von links: Norbert Born, Norbert Bischoff, Mike Künzel und Sven Vogler. (Foto: Jochen Miche) Elvira Speidel (2. v. r.) und Kathrin Koch (r.) zeigten den Besuchern auch das Bastelzimmer des Kinder- und Jugendhauses Am Wolfstor. Im Bild von links: Norbert Born, Norbert Bischoff, Mike Künzel und Sven Vogler. (Foto: Jochen Miche)
Fasziniert zeigten sich Born und Bischoff von der Schichteinteilung, die Elvira Speidel vorstellte: „Bei uns gibt es keine Acht-Stunden-Schichten. Wir wollen nicht, dass die Ansprechpartner der Kinder täglich mehrmals wechseln. Deshalb bleibt eine Erzieherin, die beispielsweise um 14 Uhr ihren Dienst beginnt, bis zum nächsten Morgen bei den Kindern und Jugendlichen. An dem Tag, an dem eine Erzieherin nach Hause geht, darf sie keine neue Schicht beginnen.“ Damit hat die Einrichtung, die von Frau Speidel seit fast 25 Jahren geleitet wird, gute Erfahrungen gemacht.

Minister Bischoff will nicht stören, nur kurz schauen. Bei den Hausaufgaben erhalten die jungen Bewohner in diesem Fall Hilfe durch Erzieherin Heike Tokarski. (Foto: Jochen Miche) Minister Bischoff will nicht stören, nur kurz schauen. Bei den Hausaufgaben erhalten die jungen Bewohner in diesem Fall Hilfe durch Erzieherin Heike Tokarski. (Foto: Jochen Miche)
Bei aller hervorragender Ausstattung der Einrichtung, die zudem weitere Wohngemeinschaften und ein Wohnhaus in der Stadt betreibt, bleibt eines immer oberstes Gebot, erklärte die Leiterin: der Kontakt zu den Eltern, denn „die Eltern werden immer geliebt“. Aus dem Grunde legt die Einrichtung größten Wert auf Elternabende und Elternnachmittage, darauf, dass die Kinder so oft wie möglich daheim bei ihren Müttern bzw. Eltern sind.

Minister Bischoff: „Hier in der Einrichtung haben die Kinder, was sie zu Hause vielleicht nicht finden, wie Zeit und Ruhe, und es kann doch sein, dass die Kinder privat in chaotische Verhältnisse kommen, und doch ist das das Allerwichtigste.“ Elvira Speidel: „Die Kinder nehmen von uns eine gewisse Ordnung und Ästhetik für ihr späteres Leben mit. Aber Elternhaus ist Elternhaus, egal, wie es da zuweilen aussieht“, worauf Mike Künzel ergänzte: „Blut ist eben dicker als Wasser.“

Diese Verbindung intensiv zu erhalten und nicht zuzulassen, dass an den Eltern auch nur leiseste Zweifel gestreut werden, ist Jugendamtsleiter Sven Vogler extrem wichtig, wie er betonte. Vogler schob noch einen Aspekt der Kinder- und Jugendbetreuung ins Gespräch: die Tätigkeit des Erziehers: „Das ist der Beruf der Zukunft.“

Angesichts der Tatsache, dass sich im Jahr 2010 im Landkreis 130 Kinder in Einrichtungen der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe befanden, dies 2015 jedoch bereits mehr als 170 Kinder waren, gibt einen Hinweis darauf, dass zunehmend Eltern der Erziehungsaufgabe nicht mehr gewachsen zu sein scheinen. „Deshalb“, so Vogler, sei „Elternarbeit das A und O.“ Er sieht auch in der Langzeitarbeitslosigkeit vieler Menschen Ursachen für Probleme. Minister Bischoff gab ihm Recht: „Das hat es in der Geschichte noch wirklich noch nie gegeben, dass erwachsene Kinder länger schlafen als ihre Eltern.“

Der anschließende Rundgang durch das Kinder- und Jugendhaus, zu dem Elvira Speidel einlud, vermochte die in Nachdenklichkeit versunkene Stimmung der Gesprächspartner wieder zu heben. Was die Besucher hier vorfanden, waren großartige Bedingungen für die Bewohner, Selbständigkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu erlernen, und motivierende Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung.
Jochen Miche
Autor: jm

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