Sensationelle Eröffnung der Karnevalssaison in Hettstedt
Geldregen und Schneefall bei 14 Grad plus
Donnerstag, 12. November 2015, 00:49 Uhr
Nicht der erste Schnee in diesem Herbst, aber der lustigste: Wer getroffen wurde, schüttelte sich, als habe er Angst, er könne sich unterkühlen. (Foto: Jochen Miche)
Wer Wunder braucht, der sollte sich den Städtenamen HETTSTEDT merken. HETTSTEDT am Ostharz und an der Wipper! Um sein Wunder zu bekommen, muss der Suchende nur noch die Neudorfer Narren finden, und schon kann er sein Anliegen vorbringen.Wir haben beobachtet, wohin die Neudorfer heute Mittag entschwunden sind: ins Rathaus der Wipperstadt. Zuvor legten die berühmt-berüchtigten Karnevalisten eine wahre Glanznummer hin: Sie ließen es schneien, und das bei 14 Grad Celsius. Plus. Nicht minus. Und der Hammer: Jemand - alles andere als närrisch, und trotzdem voller Humor - versprach den Narren des Mansfelder Landes 61.000 Euro. Ebenfalls heute Vormittag. In Hettstedt. Auf dem Marktplatz. Und das ist kein Karnevalsscherz!
Doch von vorn. Pünktlich 11.11 Uhr zogen die Neudorfer Narren vor das Rathaus. Dort, mitten zwischen Marktbuden und neugierigen Mitbürgern, pflanzte sich Mathias Heinrich auf, seines Zeichens Präsident und Vorsitzender der Neudorfer Narren. Er entrollte sein Pergament, begann zu schimpfen, zu lästern, zu fordern – ganz Bürger dieser Stadt.
Doch es donnerte von oben her zurück; kein schmächtiger, sondern ein mächtiger Mann des Hauses, seines Namens Danny Kavalier, ließ den Markt unter seinen Worten erbeben. Oder war es gar nicht er? Vielleicht war es die Verstärkeranlage? Oder doch eher die Konfettikanone, unter deren Schüssen das Pflaster erzitterte und das Volk erschrak? Egal, am Ende musste sich der wehrhafte Bürgermeister der schieren Gewalt der rot-weiß gekleideten Garde beugen. Mutig wagte er sich, an seiner Seite die tapfere, nur mit Fotoapparat bewaffnete Mitarbeiterin Christin Saalbach, hinaus aus der Festung direkt unters lärmende Volk.
Die Stunde der Wahrheit war gekommen. 11.11. Uhr war längst vorbei, als sich der Höhepunkt des Tages anbahnte und die Eroberer ihre ganze Macht demonstrierten: Sie ließen bei 14 Grad gemessener, aber mindestens 40 Grad gefühlter Temperatur das Unfassbare geschehen: es schneien! Ja, Schnee fiel vom Himmel! Nicht überall in der Stadt, wohl aber auf einem Fleck vor dem Rathaus. Ausgelöst von einer Kanone. Moderne Kriegsführung: Schneekanone im Einsatz. Doch dabei blieb es nicht.
In Hettstedt scheint ein Wunder nie allein zu kommen – ein zweites folgte sogleich. Eine Dame, die sich als Birgit Langguth-Brehm vorstellte, dezent das Rot ihrer Verbündeten tragend, ansonsten aber so gar nicht kriegerisch daherkommend, fütterte die Kriegskasse der Eroberer mit sage und schreibe 61.000,- Euro. Das Volk jubelte und ließ die Frau mit keckem Hut auf blondem Haar hoch leben: Helau! Helau! Helau! Wie sich zeigte, war sie die Chefin einer anderen Hettstedter Burg, die im Ernstfall, wie einst die Burgen dieses Landes, den (außer vom Fiskus) Verfolgten Zufluchtsort und den Schutzbefohlenen Retter zu sein verspricht: Sie nannte die Festung Sparkassen-Center.
61.000,- Euro – viel Kohle für kühle Tage. Davon profitieren sollen viele Karnevals- und Traditionsvereine der gesamten Grafschaft, nein: des Mansfeld-Südharzer Landkreises, wie es so heißt. Die Aufteilung erfolgt in der närrischen Zeit bis Aschermittwoch.
Einer solchen Macht – der der kriegerischen Truppen mit Präsident Heinrich an der Spitze und der Macht einer Burgherrin von umwerfendem Format - kann sich selbst das tapferste Stadtoberhaupt nicht lange entziehen: Der bittere Moment war gekommen. Bürgermeister Kavalier gab sich geschlagen, rückte den Rathausschlüssel heraus und führte die Neudorfer Narren und allerlei närrisches Volk hinein ins Rathaus, hindurch und hinüber in das Allerheiligste: den Ratssitzungssaal (die Traurigkeit angesichts solcher Niederlage gebietet von nun an gedämpftes Sprechen).
Hier, im Ratssitzungssaal, sollten die Eroberer noch weitere Wunder und Werke zeigen, die zu Applaus und offenen Mäulern führten (psst!). Ja, geklatscht wurde für Mathias Heinrichs Siegesrede, für ausgelassene Bütten- und Tanzdarbietungen, für duftende Pfannkuchen, welche die Firma Klemme spendiert hatte, für kräftigende Fettbemmen mit Jurke und allerlei köstliche Getränke auf Kosten des einstigen Hausherrn.
Mit einem schalkhaften Schmunzeln im Gesicht sah man später den geschlagenen Bürgermeister den Saal verlassen. Und das Gerücht will wissen, dass er gemurmelt habe: Spätestens zu Aschermittwoch haben die Burschen und Mädchen abgewirtschaftet. Da muss schon ein Wunder geschehen, wenn ich den Schlüssel nicht zurück bekomme!
Ja, Hettstedt, die Stadt der Wunder.
Jochen Miche
Termine
Nadine Haak, Schatzmeisterin des Karnevalsvereins Neudorfer Narren, nannte uns die Termine und Orte der nächsten öffentlichen Karnevalsveranstaltungen:
23. Januar 2016, 19.19 Uhr in Hübitz
29. Januar 2016, 19.19 Uhr in Friesdorf, Zur Sonne
30. Januar 2016, 19.19 Uhr erneut in Friesdorf, Zur Sonne.
Hinzu kommen weitere öffentliche, aber auch eine große Zahl nicht öffentlicher Veranstaltungen, in denen die Karnevalisten beispielsweise ältere Menschen mit ihren Narreteien erfreuen wollen.
Das Wortgefecht auf dem Hettstedter Marktplatz am 11. November 2015 ab 11.11 Uhr.
Dieser Dialog zur Erzwingung der Schlüsselübergabe wird hier auszugsweise wiedergegeben.
Der Präsident (so etwas Ähnliches wie ein General) und Vorsitzende der Neudorfer Narren, Mathias Heinrich, schmetterte seine Worte himmelwärts (dorthin, wo das Rathaus steht):
Wenn hier vor’m Haus der Volkszorn tobt,
ham die stets Besserung gelobt.
Kaum sind 'se wieder an der Macht,
sind vergessen über Nacht
die guten Vorsätz‘ allemal,
das anzuschaun‘ ist eine Qual.
…
Ich träumt vom AZV mit klammen Kassen,
das Volk soll sich verarschen lassen:
Beiträge zurück bis in Kaisers Zeiten
soll’n diesen Scharlatanen gold‘ne Tage bereiten.
Da wird das kleinste Dorf angeschlossen,
das sind doch alles nur noch Possen!
…
In der Stadtratssitzung, oh graus,
kommt nie etwas Konkretes raus.
…
Bürgermeister, hörst du unser Schrei’n?
Das klingt nicht mehr nach Schalmei’n!
Der Bürgermeister (so etwas Ähnliches wie eine Mutter – naja, ein Vater - der Nation) Danny Kavalier, rief in die Tiefe:
Wer lärmt vor diesem hohen Haus,
wo Ratsherren geh’n ein und aus?
Wer schmettert schräg hier seine Lieder,
dass sträubt sich mir mein ganz Gefieder?
Wer wagt es da auf diesem Platz
zu machen hier gar laut Rabatz?
Ihr buntes Volk, ihr Fassnachtsnarren,
hört auf, den Hausherrn anzustarren.
Das ist das erste Haus am Platz,
ist nix für Narren, schräge Fratz.
Doch ihr könnt lärmen, flehn und schrei’n,
solch Narrenvolk kommt hier nicht rein!
…
Ihr armseligen Gestalten,
wollt uns’re schöne Stadt verwalten.
Da lach ich einmal grad heraus:
Wir sind die Herren hier im Haus!
Der Präsident:
Jetzt schlägt‘s dreizehn, das geht zu weit,
frech werden noch, macht euch bereit.
Rollt die Kanone vor das Tor,
der Stoßtrupp trete jetzt hervor!
Vorwärts Männer, stürmt den Bau,
mit einem donnernden
NN – Helau!
Der Bürgermeister:
Wir öffnen ja schon unsre Tür.
Brot steht bereit und Wein und Bier.
Lasst auch das Volk zu uns herein,
es soll uns stets willkommen sein.
Wir weichen eurer Übermacht,
die Rathaustür wird aufgemacht.
Schlüsselübergabe.


















