Zum 250. Geburtstag der USA von Michael Luick-Thrams
Amerikas altes Versprechen und seine neuen Risse
Anlässlich des 250. Jahrestags des Independence Day, desbedeutendsten Feiertags der USA, hat die nnz den renommierten Geschichtswissenschaftler Michael Luick-Thrams gebeten, dieses letzte Vierteljahrtausend in der "Neuen Welt" einmal unter die Lupe zu nehmen. Luick-Thrams stammt aus einer deutschen Auswandererfamilie, die schon vor mehreren hundert Jahren von Thüringen nach Amerika zog...
Dr. Michael Luick Thrams hält Geschichte lebendig (Foto: Eva Maria Wiegand)
Ich bin auf einer Farm in Iowa aufgewachsen und lebe seit 33 Jahren in Deutschland. Wer aus dieser Entfernung auf mein Heimatland blickt, sieht vieles schärfer, manches vielleicht auch härter. Vor allem stellt sich eine Frage: Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort liegt kaum in einem einzelnen Wahlergebnis, in einem einzelnen Präsidenten oder in den Exzessen der letzten Jahre. Die Krise der Vereinigten Staaten hat eine lange Vorgeschichte. Viele ihrer Ursachen reichen bis in die Gründungszeit zurück.
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Amerika war von Anfang an ein Versprechen. Für Millionen von Europäern bedeutete es Land, Arbeit, religiöse Freiheit, sozialen Aufstieg, eine zweite Chance. Doch dieses Versprechen war nie gleich verteilt. Während Spanier und Portugiesen den katholisch geprägten Süden des Kontinents beherrschten, zog der protestantisch geprägte Norden jenseits des Rio Grande Einwanderer in großer Zahl an. Zunächst kamen vor allem Nordeuropäer. Sie rückten von der Atlantikküste nach Westen vor, über Wälder, Prärien, Flüsse und Gebirge hinweg, bis an den Pazifik. Was sie lockte, war die Aussicht, sich etwas Eigenes aufzubauen. Diese Aussicht galt besonders für jene, die als weiß galten.
Schon 1619 zeigte sich der erste tiefe Riss in diesem Freiheitsversprechen. In Virginia wurden afrikanische Gefangene verkauft und in Zwangsarbeit gepresst; aus solchen Anfängen entstand bald ein System erblicher Sklaverei. Die spätere Republik, die sich wie kaum ein anderes Land auf Freiheit, Selbstregierung und Menschenrechte berufen sollte, gründete auch auf Unfreiheit. Diese Spannung war kein Nebenschauplatz der amerikanischen Geschichte: Sie lag im Fundament.
Mit späteren Einwanderungswellen kehrte eine vertraute Ambivalenz zurück. Die Iren, die vor Hunger und Elend flohen, galten den bereits Angekommenen als Bedrohung ihres Wohlstands und zugleich als billige Arbeitskräfte. Später Italiener auf der Suche nach Arbeit und osteuropäische Juden auf der Flucht vor Verfolgung machten ähnliche Erfahrungen. Schwarze, indigene, lateinamerikanische und asiatische Menschen wurden in der rassistischen Hierarchie vieler Weißer noch tiefer eingeordnet. Aus Angst, Konkurrenz und Herablassung entstand immer wieder politischer Sprengstoff. In den 1920er Jahren zählte der Ku-Klux-Klan Millionen Mitglieder — unter anderem mein Urgroßvater, nach dem ich benannt wurde; viele lebten außerhalb des alten Südens, und ihr Hass richtete sich häufig gegen Katholiken, Juden und Einwanderer ebenso wie gegen Schwarze.
Gewinner solcher Konflikte waren oft jene, die sie ausnutzten oder einfach laufen ließen. In Europa hatte sich über Jahrhunderte eine Ordnung gebildet, in der Adel, Grundbesitz und überlieferte Titel Macht sicherten. In Nordamerika zählten alte Titel wenig. Wer aufsteigen wollte, brauchte Geld, Land, Verbindungen, Glück und den Willen, Besitz gegen andere zu behaupten. Der Selfmade-Man war deshalb mehr als ein Märchen: Es gab ihn tatsächlich. Gerade das machte den Mythos so wirksam: Er ließ individuelle Erfolge wie den Beweis erscheinen, dass jeder es schaffen könne, wenn er nur hart genug arbeitete.
Während viele Siedler und Arbeiter sich in harter täglicher Arbeit aufrieben, hatte die entstehende Oberschicht Zeit zum Lesen, Reisen, Diskutieren und Regieren. Aus ihren Reihen kamen viele Männer, die in der Gründungsphase die Institutionen entwarfen, mit denen die Vereinigten Staaten bis heute leben. Manche von ihnen dachten eindrucksvoll über Freiheit, Gewaltenteilung und Selbstregierung nach — aber einige hielten zugleich Menschen als Eigentum! Dieser Widerspruch war nicht äußerlich; er schrieb sich in die politische Ordnung ein.
Besonders deutlich zeigt sich das an den Kompromissen mit den Sklavenhalterstaaten des Südens. Die Drei-Fünftel-Klausel ließ versklavte Menschen bei der Verteilung der Sitze im Repräsentantenhaus teilweise mitzählen, obwohl sie keinerlei politische Rechte besaßen. Auch das Wahlmännersystem entstand in einer Ordnung, die kleineren und sklavenhaltenden Staaten erhebliches Gewicht sichern sollte. Die Sklaverei ist abgeschafft; manche institutionellen Verzerrungen wirken weiter. Bis heute kann ein Präsident ins Amt kommen, ohne die Mehrheit der Wählerstimmen gewonnen zu haben; Stimmen zählen je nach Bundesstaat und sogar Wahlkreis politisch sehr unterschiedlich viel.
Auch das Bildungswesen trägt diesen alten Widerspruch zwischen demokratischem Anspruch und sozialer Kontrolle in sich. Im industrialisierten Nordosten New England brauchte man eine Bevölkerung, die lesen, rechnen, Anweisungen verstehen und pünktlich arbeiten konnte. Reformer wie Horace Mann suchten im 19. Jahrhundert nach europäischen Vorbildern, auch in Preußen. Die öffentliche Schule sollte bilden, integrieren und disziplinieren. Diese drei Ziele lagen von Anfang an nebeneinander.
Heute zeigt sich die soziale Schieflage besonders im Übergang zur höheren Bildung. Amerikanische Familien verschulden sich für Colleges und Universitäten, während die Leistungen des Landes in internationalen Vergleichen oft hinter dem eigenen Anspruch zurückbleiben. Ähnlich sieht es in anderen Lebensbereichen aus. Was Menschen zwingend brauchen — Gesundheitsversorgung, Wohnung, Ausbildung, Kinderbetreuung, Altersvorsorge — ist in den USA für viele kaum noch bezahlbar. Konsumgüter, Unterhaltung und technische Geräte dagegen sind leicht verfügbar. Das Land bietet Überfluss und Unsicherheit zur selben Zeit.
Bei allen Geburtsfehlern eröffnete das amerikanische System über lange Strecken seines 250-jährigen Bestehens dennoch mehr Aufstiegschancen als viele andere Gesellschaften. Dieser Satz gilt nie für alle gleichermaßen; Schwarze Amerikaner, indigene Gemeinschaften, Frauen, arme Einwanderer und viele Arbeiter waren oft ausgeschlossen oder benachteiligt. Aber der Kuchen wuchs groß genug, lang genug, um viele Konflikte zu überdecken: Neues Land, neue Industrien, neue Märkte und neue Erfindungen hielten die Vorstellung am Leben, dass die nächste Generation es besser haben könne.
Seit den 1980er Jahren ist diese Vorstellung brüchiger geworden. Mit Ronald Reagan setzte sich eine Politik durch, die Steuersenkungen, Deregulierung und Privatisierung als Freiheitsgewinn verkaufte. Margaret Thatchers berühmter Satz, es gebe so etwas wie Gesellschaft nicht, brachte denselben Zeitgeist auf den Punkt. Schutznetze, Gewerkschaften, öffentliche Infrastruktur und soziale Sicherungen verloren an Kraft. Wohlstand entstand weiterhin, aber er sammelte sich immer stärker oben. Die alte Logik der Expansion von Land und Konsumgut verlagerte sich in Finanzmärkte, Daten, Plattformen und digitale Monopole. Für Millionen blieb das Versprechen vom Aufstieg erhalten, doch im Alltag wurde es immer schwerer einzulösen.
Die politischen Folgen sind heute nicht mehr zu übersehen. Ein konservativ dominierter Oberster Gerichtshof verschiebt seit Jahren die Gewichte im amerikanischen Staat. Die Exekutive testet die Grenzen ihrer Macht immer aggressiver aus. Der Kongress, der eigentlich kontrollieren und begrenzen müsste, wirkt häufig gelähmt: aus Parteidisziplin, aus Angst vor der eigenen Wählerschaft, aus Opportunismus oder aus Nähe zu finanzstarken Interessengruppen. Im Kabinett und im Umfeld der Regierung konzentriert sich ein Ausmaß an privatem Reichtum, das selbst für amerikanische Verhältnisse auffällt. Ein Teil der Medienlandschaft, besonders im rechten Fernseher- und Influencer-Milieu, verstärkt Regierungserzählungen schneller, als er sie prüft.
Ganz widerstandslos geschieht das nicht. Die No Kings-Proteste der Jahre 2025 und 2026 gehörten zu den größten Demonstrationswellen der jüngeren amerikanischen Geschichte. Millionen Menschen gingen auf die Straße. An den Machtverhältnissen haben diese Proteste bisher wenig geändert. Wer sie deshalb als bloßes Spektakel abtut, unterschätzt allerdings, wie viele Bürger inzwischen spüren, dass es um mehr geht als um gewöhnliche Parteipolitik. In solchen Momenten zeigt sich, ob eine Demokratie noch gesellschaftliche Reserven besitzt.
Ein trostloser Ausgang wäre es, wenn eine politische Entwicklung von Jahrhunderten in einer Machtfülle endete, die niemand mehr wirksam begrenzen kann — bezahlt von den gewöhnlichen Leuten, die am wenigsten von ihr haben. Unvermeidlich ist dieser Ausgang nicht. Die Hoffnung lag in Amerika selten bei denen ganz oben: Sie lag eher bei denen, die ankamen, arbeiteten, litten, widersprachen, organisierten und sich nicht mit der ihnen zugedachten Rolle abfanden.
Die Nachfahren jener armen, rechtlosen, oft verachteten Auswanderer, die Europa einst den Rücken kehrten, stehen nun vor einer Entscheidung. Sie können das alte Versprechen noch einmal ernst nehmen: Freiheit, gleiche Rechte, Selbstregierung, Schutz vor willkürlicher Macht. Oder sie können zusehen, wie diese Worte zu historischen Schmuckstücken werden. Bleibt der Kurswechsel aus, erbt die nächste Generation von Amerika vor allem zwei Dinge: die Erinnerung an ein großes Versprechen — und den Verlust seiner Wirklichkeit. Michael Luick-Thrams
Dr. Michael Luick-Thrams leitet das Projekt TRACES-Spuren, das sowohl in seiner Heimat, dem Mittleren Westen der USA, als auch in seiner zweiten Heimat, Thüringen, aktiv ist. Seine Arbeit dokumentiert und untersucht Begegnungen zwischen Amerikanern und Deutschen (oder Österreichern) von 1933 bis 1948 – und bietet damit einen Kontext und Ausgangspunkt für kulturelle Programme, die sich mit den Wurzeln von Diktatur und Krieg über Epochen und Grenzen hinweg auseinandersetzen. Details unter: www.TRACES.org