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Mo, 20:52 Uhr
19.09.2022
Über 1 000 Menschen versammeln sich friedlich vorm Bad Langensalzaer Rathaus

„Wenn wir den Zug nicht anhalten, fährt er vor die Wand“

Der Bürgermeister der Rosenstadt hatte gerufen und trotz widriger Witterungsbedingungen füllten gut eintausend seiner "Schutzbefohlenen" den Neumarkt, um gegen die Energiepolitik der Bundesregierung zu protestieren. Eine Fortsetzung soll es aufgrund des Erfolges in einer Woche geben …

Rund 1.000 kamen vor das Rathaus der Kurstadt (Foto: nnz) Rund 1.000 kamen vor das Rathaus der Kurstadt (Foto: nnz)
Entsprechend des Anlasses und kühlen Herbstwetters drängten sich dem Berichterstatter die Worte auf, die Hannes Wader schon vor fünfzig Jahren auf eine noch viel ältere Freiheitsliedmelodie textete:
„Doch nun ist es kalt trotz alledem,
trotz SPD und alledem;
ein schnöder, scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem.“

Um aufmerksam zu machen auf die immer prekärer werdende Situation der Bürger und der gesamten städtischen Unternehmungen entschloss sich Bad Langensalzas parteiloser Bürgermeister Matthias Reinz vor Wochenfrist eine Protestkundgebung anzumelden, in der er Probleme benennen und an die verantwortlichen Handlungsträger in Berlin appellieren wollte. Es ginge ihm darum ein Zeichen zu setzen, betonte er in seiner heutigen Rede und die Ängste zu formulieren, die sich für alle ersichtlich an Tanksäulen, in Supermärkten, bei den Energiepreisen oder der Entwicklung in der Gastronomie und anderen Gewerben manifestierten.

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Tosenden Beifall erntete er, als er in Richtung Bundesregierung ein Umdenken forderte und sagte: „Es ist fünf vor zwölf. Lassen Sie den Zug nicht wissentlich vor die Wand fahren!“ Als Spalter, Nazi, einer der Öl ins Feuer gießt und Schlimmeres sei er seit seinem Aufruf beschimpft worden; doch er wolle sich weder vereinnahmen noch zum Schweigen bringen lassen. „Wir müssen endlich aufhören, alle Kritiker immer gleich in irgendwelche politischen Ecken zu stellen“, sagte Reinz. Auch dafür applaudierten die Anwesenden frenetisch, die teilweise schon seit halb fünf im strömenden Regen auf dem Platz vor dem Rathaus gewartet hatten. Wie es sich das Stadtoberhaupt gewünscht hatte, waren aber weder Fahnen noch Parteiplakate zu sehen, dafür vereinzelte Transparente, die sich auf den Inhalt der Versammlung bezogen. In einer bewundernswerten Geduld und Friedfertigkeit standen Junge neben Alten, Familien mit mehreren Generation waren aus der Stadt und den Ortsteilen gekommen, aber auch viele Autos mit Gothaer Nummernschild parkten im Stadtzentrum.

Von den Ministern in Berlin forderte Reinz endlich Lösungen statt warmer Worte ein und erläuterte anhand einiger Beispiele, was der Kurstadt droht, wenn die derzeitige Entwicklung auf dem Energiesektor nicht gestoppt wird. Die freiwilligen Aufgaben der Kommune stürben als erstes, die Kulturzuschüsse, die Sportunterstützung, die Feste wie das Brunnen- oder das Mittelalterstadtfest. Dann kämen die Pflichtaufgaben an die Reihe, die Investitionen in Projekte, die Sanierungen von Straßen und Gebäuden und schließlich die Arbeitsplatzvernichtung in den städtischen Betrieben und damit die Existenzgefährdung ganzer Familien.

Dabei ärgert es den Bürgermeister, dass Bad Langensalza schon ganz viel grüne Energie produziert und ins Netz speist, aber weitere richtungsweisende Projekte mit der Verwendung von Wasserstoff-Technologie von der rot-rot-grünen Landesregierung nicht genehmigt bekommt. Als Reinz das viel beachtete Habeck-Zitat von der Nicht-Insolvenz bei Einstellung der Produktion anbrachte, ertönte ein gellendes Pfeifkonzert auf dem Neumarkt. Herr Habeck sollte sich vielleicht doch nicht persönlich nach Bad Langensalza auf den Weg machen, um seine Ideen hier zu erläutern, ganz offenbar ist er bei der sonst so gastfreundlichen Bevölkerung nicht willkommen.

Bürgermeister Reinz sieht die soziale Marktwirtschaft insgesamt in Gefahr und den Wettbewerb an sich, wenn es keine Firmen mehr gibt, weil sie nach der durch die Misswirtschaft der Bundesregierung verursachten kurzzeitigen Produktionsunterbrechung doch Pleite gegangen seien. Seine Forderungen sind deshalb ganz klar: AKWs am Netz lassen und wieder ans Netz nehmen und sofort die Gaslieferungen aus Nordstream 1 und 2 wieder aufnehmen. Amerikanisches Fracking-Gas könne keine Alternative sein, rief er unter dem Jubel der Demonstranten, und berechtigte Sanktionen ob des russischen Angriffskriegs dürften nicht so ausgestaltet sein, dass sie die eigene Bevölkerung härter träfe als Putins Regime.


Die Gegenwart, so sein abschließender Gedanke, schaffe die Voraussetzungen für die Zukunft, und die sähe nicht rosig aus, wenn es kein Umdenken in berlin gäbe. Viele seiner Kollegen in anderen Thüringer Städten sehen die Situation genau so wie er, aber sie trauten sich nicht aus ihrer parteipolitischen Deckung. Deshalb danke er allen, die heute gekommen seien.

Als zweiter Redner sprach der Gastronom Gordon Keiling zu den Kundgebungsteilnehmern. Er betreibt mehrere Einrichtungen in verschiedenen Orten und verwunderte sich, dass er „als kleiner Gastronom hier oben“ stehe und nicht die Vertreter großer Wirtschaftsbetriebe, die alle akute, existenzbedrohende Probleme durch Energie- und Spritpreise hätten. Er selbst habe die Angst abgelegt, als Querdenker oder Verschwörungstheoretiker zu gelten, nur weil er die falsche Politik dieser Bundesregierung anprangere. Von einstmals 4 000 Euro auf 14 000 Euro im Monat seien allein seine Stromkosten gestiegen. Das könne er nicht an die Kundschaft weitergeben, aber er könne es auch nicht mehr finanzieren. Schon jetzt müsse er Kredite aufnehmen, um laufende Kosten begleichen zu können. Keiling sagte, er habe keine Angst hier auf dem Podest zu stehe, sondern er habe Angst, nicht mehr zahlen zu können und seine Angestellten entlassen zu müssen.

Nachdem der Applaus für diese mutigen Aussagen verklungen war, lud Bürgermeister Reinz die Menge zum Spaziergang durch die Altstadt ein, den die große Menschenmenge vom Bürgermeister und ersten beigeordneten der Stadt angeführt umgehend antrat. Gegen 17.50 Uhr war diese erste Kundgebung des Bad Langensalzaer Bürgermeisters beendet. Es wird nicht die letzte gewesen sein, kündigte er heute schon an und erntete die Zustimmung der Leute, die alle wiederkommen wollen.

Auch Petrus stand heute eindeutig auf der Seite der Demonstranten. Pünktlich zu Veranstaltungsbeginn stellte er die Bewässerung der Kurstadt ein und ließ bis 18.20 Uhr die Schleusen geschlossen; obwohl die Wetterberichte der Welt im Vorfeld anderes behauptet hatten. Den allwöchentlichen Spaziergang am Montagabend, der seit Wochen wie in gut siebzig anderen Thüringer Städten abgehalten wird und um 19 Uhr an der Teestube startete, bedachte der Wettergott hingegen nicht mit so viel Zuneigung.
Olaf Schulze
Autor: psg

Kommentare
marco-sdh
19.09.2022, 22.27 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema des Beitrags
Richard Z.& Paul
19.09.2022, 22.41 Uhr
Herzlichen Glückwunsch....
Leute in Bad Langensalza für so einen Bürgermeister mit Rückgrat!
Da können die "Nordhisser"leider nur von träumen.
Bleibt weiter am Ball und gesund.
Pinzgauerin
20.09.2022, 06.55 Uhr
Interessant ist natürlich schon...
..dass seit nun mehr mind. 20 Jahren bekannt ist, dass diese "Wand" gegen die der Zug nun zu prallen droht, existiert. Jedoch solange der Zug andere Gleise nutzen konnte (Stichpunkt "Gewinnmaximierung") und es sich auf diesen noch so wunderbar fahren ließ (übrigens immer schon auf Kosten anderer), hat die besagte und nun vielzitierte "Wand" niemanden interessiert. Die Armut vieler Menschen aus sozial schwächeren Schichten, die nun stets und ständig als "Brandbeschleuniger" herhalten müssen - egal. Oder, liebe Alleinerziehende, liebe Krankenschwester*Krankenpfleger, Reinigungskraft etc., wann hat sich denn jemand für euch und eure Lebenssituation bzw. Lebenserschwernisse interessiert, bevor es nicht ans eigene Leder ging? Ich nenne sowas "Instrumentalisierung" von Menschen und zwar ausschließlich für die eigenen Zwecke. Wer auf so einer unehrlichen Basis kommuniziert, darf sich nicht wundern, wenn das gesamte (politische) System verkommt. Was war nun wieder zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, wo kein Lehrplatz zu kriegen war, weil die Wirtschaft feststellte, dass es sich wirtschaftl. nicht lohnt jemanden auszubilden. Achso und ja, als Einzelhandeskauffrau*mann, möchte man doch mind. ein Abitur haben.
Und "Hallo!", die Politik hat sich gefälligst nicht in die freie Marktwirtschaft einzumischen, "der Markt regelt alles selbst". Und jetzt, da die Gewinnmaximierung wackelt, die eierlegende Wollmilchsau in den letzten Atemzügen liegt, jetzt wird der*die kleine Mann*Frau als Schutzschild (Kanonenfutter?) mobilisiert. Genau diese*r kleine Frau*Mann und ihre*seine Lebenserschwernisse waren nie relevant. Jetzt, da die Kosten und die Verantwortung für den Raubbau der letzten Jahrzehnte sichtbar werden, soll und darf die Politik eingreifen? Darf alles "richten" aber natürlich nur in dem Maße, dass die "Gewinnmaximierung" weiter gehen kann. Und dafür ist es doch ok Menschen zu instrumenntalisieren. Ist der Zug dann endlich wieder auf der "richtigen" Schiene, schert sich nämlich kein Mensch mehr um die*den kleine*n Frau*Mann. Und die Umwelt darf weiter sterben. Nachfolgende Generationen? Was solls. Herzliche Grüße und uns allen Frieden&Freundschaft
T-Rex Sauerkirschen
20.09.2022, 07.40 Uhr
Sondershausen
Seltsam, dass in der KN über Bad Langensalza berichtet wird, aber nicht über Sondershausen und Bad Frankenhausen? Gibt es da Auflagen, dass nicht über den Kyffhaeuserkreis berichtet werden darf?
kolhrabi
20.09.2022, 09.46 Uhr
Auch Nordhausen hatte engagierte Bürgermeister
So hat Dr. Schröter gleich nach der Wende mit der Bürgerschaft erfolgreich dafür gekämpft, dass die Stromversirgung der Stadt nicht privatisiert wurde sondern in stadteigene Stadtwerke ging, unter Frau Rinke konnte mit Demonstrationen das Theater erhalten werden und sogar unter Herren Zeh gab es Bürgerprotest gegen den Verlust des Kreisstadt Statusses.
Aktuell leider bei einer der großen Krisen nichts aus dem Rathaus...Obwohl Existenzen auf dem Spiel stehen. Vielmehr rechtfertigt Bürgermeister Buchmann noch den Berliner Kurs, gibt Stromspartips und Heiztipps und spricht von spannenden Zeiten. Traurig.
Paulin1881
20.09.2022, 12.29 Uhr
Keine Eier….
Sagte einst ein bekannter Torhüter. Bad Langensalza‘s Bürgermeister hat den Mut bewiesen und ist vor die Bevölkerung getreten, aber der SDH Bürgermeister hat keine E….!
Schade, wirklich schade!
Ich selbst stehe jeden Montag auf dem Marktplatz, weil es kurz vor zwölf ist. Man muss doch endlich mal aufwachen in Berlin.
Es ist nicht zu stemmen, was die von uns verlangen. Man sollte sich mal die Wahlversprechen der Grünen zu Gemüte führen. Da steht z. B. ….dass nach der Miete noch was bleibt???? Deutschland erlebt sein grünes Wirtschaftswunder …! Ich könnt kot….!
Bin mal gespannt, wie lange ich noch arbeiten gehen kann- armes Deutschland
Kobold2
20.09.2022, 13.14 Uhr
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Erkan
20.09.2022, 18.12 Uhr
Etwas verdrehte Darstellung
@ Paulin1881

Man kann Ihre Behauptung einfach so nicht stehen lassen, weil sie unwahr ist.
Der Bürgermeister der Stadt Sondershausen war sehr wohl am Montagabend während der ganzen Zeit auf dem Marktplatz und ich habe auch gesehen, dass er mit den Anwesenden Gespräche geführt hat.
Wer ihn natürlich nicht sehen wollte(?) hat ihn auch nicht gesehen.
Auch Herr Schardt als Mitglied des Landtages war anwesend.
Wurde er auch nicht gesehen?
Also bitte bei der Wahrheit bleiben.
Zweckpessimismus hilft Niemanden.

@ T-Rex Sauerkirschen

Ich glaube nicht, dass es ein Verbot gibt. Aber die Mitarbeiter von kn können nicht gleichzeitig überall sein.
Es hätte Ihnen wahrscheinlich keiner verwehrt, statt der unfruchtbaren Kritik Ihre Eindrücke von der Demonstration hier zu schildern.

Ich hatte den Eindruck, dass die Demonstration sehr diszipliniert abgelaufen ist. Trotz der schlechten Wetterverhältnisse ( starker Regen) verhielten sich alle Teilnehmer ordnungsgemäß.
Man sollte den Teilnehmern Dank zollen, so meine ich.
Paul
20.09.2022, 21.18 Uhr
Prinzgauerin
Das ist kurz undknapp gesagt Nonsens was Sie da schreiben.
Obwohl in einem haben Sie Recht, WER hat sich früher wirklich für die "Armen Menschen" in Deutschland interessiert? Niemand. Solange es einigen noch gut ging war es auch gut. Der einzige Vorteil an dieser Sache ist daß endlich auch die etwas besser Verdienenden endlich mal erkennen, daß dieses ganze System einfach Schei....e ist und weg muß!
marco-sdh
20.09.2022, 22.34 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema des Beitrags
emmerssen
20.09.2022, 22.39 Uhr
Berichterstattung im MDR
Ich habe mir heute sämtliche Nachrichtensendungen des MDR angesehen. Vom Mut des Bad Langesalzaer Bürgermeisters habe ich weder gestern, noch heute die kleinste Erwähnung gesehen. Hut ab vor der NNZ die unabhängig auch von den heißen Themen berichtet. Beim MDR lässt da wohl eher die
Aktuelle Kamera grüßen.
Kobold2
21.09.2022, 09.26 Uhr
Wer die Ausführungen
Der Pinzgauerin als Nonsens bezeichnet, der hat die letzten 20 Jahre leider nie hinterfragt und eine Selbstreflektion hat bis heute nicht stattgefunden. Dann krankt die Gesellschaft.
tannhäuser
22.09.2022, 11.23 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema des Beitrags
tannhäuser
22.09.2022, 16.16 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Anm. d. Red.: Gehört nicht zum Thema
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