So, 06:34 Uhr
19.07.2020
Hettstedts Bürgermeister kündigt Ratskeller
Als wenn du auf einer Bombe sitzt
Entsetzen in der Stadt am Ostharz. Grund: Der Ratskeller soll schließen, weil dort eine Entlüftungsanlage für die Küche fehlt. Diesen Mangel hatte Anfang des Jahres die Gesundheitsbehörde des Landkreises festgestellt. Sie verlangte eine entsprechende Nachrüstung durch die Stadt Hettstedt, den Vermieter des Ratskellers...
Nicht leere Stühle im und vor dem Ratskeller, sondern gar keine bewirkt Hettstedts Bürgermeister. Seine Pläne mit dem Ratskeller sind noch geheim. (Foto: J. Miche)
Mit Blick auf die Haushaltssituation der Stadt entschied Bürgermeister Dirk Fuhlert, dem Mieter des Ratskellers zu kündigen. Sein Gedankengang: Ohne Ratskeller keine Küche und ohne Küche kein Be- und Entlüftungsbedarf. Das spart Hettstedt viel Geld.
Die Geschäftsführerin des Ratskellers, Ines Machatschek, versicherte msh-online gegenüber, dass sie und ihr Lebenspartner, Stefan Leißring, den Ratskeller gern die nächsten Jahre weiterbetrieben hätten. Seit 2014 hatten sie einer immer größer werdenden Gästeschar beweisen können, mit welcher Leidenschaft und Hingabe sie den Ratskeller führen. Sie selbst fühlten sich bestätigt und angenommen, also investierten sie jeden freien Euro in das Restaurant. Selbst die Gestaltung der Wände passten sie erstmals seit Jahrzehnten wieder der Tradition Hettstedts als Stadt des Bergbaus und der Verhüttung an.
Anfang Januar komplett neue Einrichtung
Am 14. Januar 2020 investierten Machatschek und Leißring noch einmal kräftig. Sie statteten den gesamten Ratskeller mit neuem Mobiliar aus. Ermutigt zu diesem Schritt hatte sie 2019 die automatische Verlängerung ihres Mietvertrages um weitere fünf Jahre. Das machte sie bis 2024 unkündbar. Eigentlich. Aber in Hettstedt ticken die Uhren offenbar anders.
Statt einer hilfreichen Idee kam die Kündigung des Mietvertrages aus dem Erker. Dort sitzt Bürgermeister Fuhlert. (Foto: J. Miche)
Ende Januar Kündigung
Genau zehn Tage nach Einbau des neuen Inventars, am 24. Januar 2020, schickte der Bürgermeister die Kündigung, fristgerecht zum Februar 2022. Im Grunde ein Unding, zumal der Mietvertrag des Ratskellerbetreibers bis 2024 nicht anfechtbar ist.
Für Machatschek und Leißring brach eine Welt zusammen. Aber auch für ihr Personal, auf das Arbeitslosigkeit warten würde. Die Betreiber des Ratskellers litten still. Sie arbeiteten bis zum Beginn der Corona-Krise weiter wie bisher, begannen aber bereits mit der Suche nach einem neuen Objekt. Sie hatten keine andere Wahl, denn die Kündigung durch die Stadt Hettstedt war unmissverständlich. Hier war man offensichtlich nicht bereit, die Küche des Ratskellers so weit zu ertüchtigen, dass gute Arbeitsbedingungen für das Personal entstehen und künftige TÜV-Kontrollen reibungslos ablaufen würden. Und selbst wenn sie es tun würde, wäre das Damoklesschwert unverhältnismäßiger Mieterhöhungen, die Bürgermeister Fuhlert schon einmal im vergangenen Jahr durchzusetzen versucht hatte, nicht vom Tisch. Hinzu kam die Gefahr, dass die momentan geltende Ausnahmegenehmigung kurzfristig gestrichen und dem Ratskeller einfach mal Gas, Wasser und Licht abgeklemmt werden könnte.
Falsche Reihenfolge
Stefan Leißring beschreibt die Situation des Ratskellerteams seit der Kündigung so: Es ist, als wenn du auf einer Bombe sitzt. Du weißt, sie muss nicht hochgehen, kann es aber jeden Moment. Leißring kritisiert die Stadtverwaltung neben anderem dafür, dass der Bürgermeister erst die Kündigung geschickt und erst Tage später Diskussionsbereitschaft signalisiert habe. Leißring: Das ist nun wirklich die falsche Reihenfolge. Ich spreche doch erst mal mit den Menschen und schicke ihnen erst, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt, die Kündigung. Hier ist das scheinbar nicht bekannt.
Die Witosa rannte einst in Hettstedt offene Türen ein, verdiente Millionen und hinterließ diese Plakette im Ratskeller. Der Rest wurde geschreddert. (Foto: J. Miche)
Schande für Hettstedt
Ein TV-Beitrag des Regionalfernsehsenders PUNKTum brachte Licht in die Schande von Hettstedt, wie der Landtagsabgeordnete Jens Diederichs und Kreisvorsitzende Mansfeld-Südharz der Partei Freie Wähler die Kündigung des Ratskellers nennt. Diederichs war außer sich, als er erfuhr, wie mit den Ratskellerbetreibern umgesprungen wird. Er erklärte msh-online gegenüber: In dieser strukturschwachen Region ein so gut laufendes Unternehmen wie den Ratskeller zu schließen, ist an Verantwortungslosigkeit, an Instinktlosigkeit und Phantasielosigkeit kaum zu überbieten. Was glaubt denn Herr Fuhlert, wird aus dem Ratskeller werden? Ich sage es ihm: Wenn Familie Machatschek/Leißring vertrieben wird, ist das touristisch gesehen eine Katastrophe. Wir haben keine größere Gaststätte weit und breit mehr mit einem solchen Qualitätsangebot und einem so tollen Team.
Freie Wähler sammeln Unterschriften und wollen Demo
Der Kreischef der Freien Wähler will das nicht hinnehmen. Er sagt: In Hettstedt verschwindet ja alles, was mal einen Namen hatte. Die Kinos wurden geschlossen. Die Hauptpost ist weg. Das Klubhaus der Walzwerker wurde verkauft. Der Ratskeller soll dicht machen. Den Reitplatz will die Stadt verkaufen und damit Dutzende Kinder und Jugendliche vertreiben, die dort über Jahre ein zweites Zuhause gefunden haben und als Spielmannszug zu Weltmeistern heranwachsen konnten. Wo soll das hier noch alles hinführen? Sämtliche Leuchttürme der Stadt wurden und werden aufgegeben und für Touristen gibt es kaum noch Angebote. Und nun der Ratskeller. Diederichs: Hettstedt hat im Mai dieses Jahres rund fünf Millionen Euro Kreisumlage zurückbekommen. Was wäre falsch daran gewesen, wenn die Stadt wenigstens einen kleinen Teil davon für die Ertüchtigung des Ratskellers eingesetzt hätte?
Der Abgeordnete kündigt Widerstand an. Man werde Unterschriftenlisten auslegen, auf denen die Menschen dem Ratskellerteam ihre Unterstützung versichern können und wo Forderungen an die Stadt formuliert sind. Außerdem beabsichtige man eine Demonstration bzw. Kundgebung mit dem Ziel, dass die Stadt alles dafür unternimmt, dass der Ratskeller mit seinem bewährten Mitarbeiterteam für die Stadt erhalten bleibt.
Abschließend meint Diederichs: Die Ursache für die heutige Situation der Ratskellerküche liegt weit zurück. Das geht bis in die Zeit der großen Renovierung des Ratskellers 1992. Mich hätte mal interessiert, was die Witosa damals alles zur Modernisierung des Ratskellers getan hat. Aber, wie ich erfahren habe, soll es keine einzige Aufzeichnung von damals mehr geben.
Erinnerung an Butzenscheiben
Einigen Menschen sind die Baumaßnahmen von damals in Erinnerung geblieben. Beeindruckend vor allem die Erinnerung an die wunderbaren mundgeblasenen Butzenscheiben an allen Fenstern des Ratskellers. Im Auftrag der Witosa mussten diese damals als nicht zeitgemäß entfernt und durch erschreckend nüchterne, andere sagen, hässliche Fenster ersetzt werden. Die ursprünglich sehr aufwändig hergestellten Bleiglasfenster wurden daraufhin 1992 äußerst vorsichtig ausgebaut, stoßgesichert verpackt und zwecks Vernichtung abtransportiert. Das mit der Vernichtung hat allerdings nicht ganz geklappt; die heute mehrere zehntausend Euro teuren Fenster (Ebay) wurden später bei einem Baubeteiligten in einem anderen Bundesland wiederentdeckt. Ob sie ein Geschenk, Diebesgut oder auch nur eine Überlassung zwecks Vernichtung waren, für die die Stadt Hettstedt seinerzeit vielleicht sogar noch Geld bezahlt hat, weiß niemand. Und die Bauunterlagen aus jener Zeit können nicht befragt werden, da sie ja als verschwunden gelten. Mit anderen Worten: Das Verhältnis zwischen Rathaus und Ratskeller war in Hettstedt schon immer etwas besonders.
Jochen Miche
Autor: red
Nicht leere Stühle im und vor dem Ratskeller, sondern gar keine bewirkt Hettstedts Bürgermeister. Seine Pläne mit dem Ratskeller sind noch geheim. (Foto: J. Miche)
Mit Blick auf die Haushaltssituation der Stadt entschied Bürgermeister Dirk Fuhlert, dem Mieter des Ratskellers zu kündigen. Sein Gedankengang: Ohne Ratskeller keine Küche und ohne Küche kein Be- und Entlüftungsbedarf. Das spart Hettstedt viel Geld.
Die Geschäftsführerin des Ratskellers, Ines Machatschek, versicherte msh-online gegenüber, dass sie und ihr Lebenspartner, Stefan Leißring, den Ratskeller gern die nächsten Jahre weiterbetrieben hätten. Seit 2014 hatten sie einer immer größer werdenden Gästeschar beweisen können, mit welcher Leidenschaft und Hingabe sie den Ratskeller führen. Sie selbst fühlten sich bestätigt und angenommen, also investierten sie jeden freien Euro in das Restaurant. Selbst die Gestaltung der Wände passten sie erstmals seit Jahrzehnten wieder der Tradition Hettstedts als Stadt des Bergbaus und der Verhüttung an.
Anfang Januar komplett neue Einrichtung
Am 14. Januar 2020 investierten Machatschek und Leißring noch einmal kräftig. Sie statteten den gesamten Ratskeller mit neuem Mobiliar aus. Ermutigt zu diesem Schritt hatte sie 2019 die automatische Verlängerung ihres Mietvertrages um weitere fünf Jahre. Das machte sie bis 2024 unkündbar. Eigentlich. Aber in Hettstedt ticken die Uhren offenbar anders.
Statt einer hilfreichen Idee kam die Kündigung des Mietvertrages aus dem Erker. Dort sitzt Bürgermeister Fuhlert. (Foto: J. Miche)
Ende Januar Kündigung
Genau zehn Tage nach Einbau des neuen Inventars, am 24. Januar 2020, schickte der Bürgermeister die Kündigung, fristgerecht zum Februar 2022. Im Grunde ein Unding, zumal der Mietvertrag des Ratskellerbetreibers bis 2024 nicht anfechtbar ist.
Für Machatschek und Leißring brach eine Welt zusammen. Aber auch für ihr Personal, auf das Arbeitslosigkeit warten würde. Die Betreiber des Ratskellers litten still. Sie arbeiteten bis zum Beginn der Corona-Krise weiter wie bisher, begannen aber bereits mit der Suche nach einem neuen Objekt. Sie hatten keine andere Wahl, denn die Kündigung durch die Stadt Hettstedt war unmissverständlich. Hier war man offensichtlich nicht bereit, die Küche des Ratskellers so weit zu ertüchtigen, dass gute Arbeitsbedingungen für das Personal entstehen und künftige TÜV-Kontrollen reibungslos ablaufen würden. Und selbst wenn sie es tun würde, wäre das Damoklesschwert unverhältnismäßiger Mieterhöhungen, die Bürgermeister Fuhlert schon einmal im vergangenen Jahr durchzusetzen versucht hatte, nicht vom Tisch. Hinzu kam die Gefahr, dass die momentan geltende Ausnahmegenehmigung kurzfristig gestrichen und dem Ratskeller einfach mal Gas, Wasser und Licht abgeklemmt werden könnte.
Falsche Reihenfolge
Stefan Leißring beschreibt die Situation des Ratskellerteams seit der Kündigung so: Es ist, als wenn du auf einer Bombe sitzt. Du weißt, sie muss nicht hochgehen, kann es aber jeden Moment. Leißring kritisiert die Stadtverwaltung neben anderem dafür, dass der Bürgermeister erst die Kündigung geschickt und erst Tage später Diskussionsbereitschaft signalisiert habe. Leißring: Das ist nun wirklich die falsche Reihenfolge. Ich spreche doch erst mal mit den Menschen und schicke ihnen erst, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt, die Kündigung. Hier ist das scheinbar nicht bekannt.
Die Witosa rannte einst in Hettstedt offene Türen ein, verdiente Millionen und hinterließ diese Plakette im Ratskeller. Der Rest wurde geschreddert. (Foto: J. Miche)
Schande für HettstedtEin TV-Beitrag des Regionalfernsehsenders PUNKTum brachte Licht in die Schande von Hettstedt, wie der Landtagsabgeordnete Jens Diederichs und Kreisvorsitzende Mansfeld-Südharz der Partei Freie Wähler die Kündigung des Ratskellers nennt. Diederichs war außer sich, als er erfuhr, wie mit den Ratskellerbetreibern umgesprungen wird. Er erklärte msh-online gegenüber: In dieser strukturschwachen Region ein so gut laufendes Unternehmen wie den Ratskeller zu schließen, ist an Verantwortungslosigkeit, an Instinktlosigkeit und Phantasielosigkeit kaum zu überbieten. Was glaubt denn Herr Fuhlert, wird aus dem Ratskeller werden? Ich sage es ihm: Wenn Familie Machatschek/Leißring vertrieben wird, ist das touristisch gesehen eine Katastrophe. Wir haben keine größere Gaststätte weit und breit mehr mit einem solchen Qualitätsangebot und einem so tollen Team.
Freie Wähler sammeln Unterschriften und wollen Demo
Der Kreischef der Freien Wähler will das nicht hinnehmen. Er sagt: In Hettstedt verschwindet ja alles, was mal einen Namen hatte. Die Kinos wurden geschlossen. Die Hauptpost ist weg. Das Klubhaus der Walzwerker wurde verkauft. Der Ratskeller soll dicht machen. Den Reitplatz will die Stadt verkaufen und damit Dutzende Kinder und Jugendliche vertreiben, die dort über Jahre ein zweites Zuhause gefunden haben und als Spielmannszug zu Weltmeistern heranwachsen konnten. Wo soll das hier noch alles hinführen? Sämtliche Leuchttürme der Stadt wurden und werden aufgegeben und für Touristen gibt es kaum noch Angebote. Und nun der Ratskeller. Diederichs: Hettstedt hat im Mai dieses Jahres rund fünf Millionen Euro Kreisumlage zurückbekommen. Was wäre falsch daran gewesen, wenn die Stadt wenigstens einen kleinen Teil davon für die Ertüchtigung des Ratskellers eingesetzt hätte?
Der Abgeordnete kündigt Widerstand an. Man werde Unterschriftenlisten auslegen, auf denen die Menschen dem Ratskellerteam ihre Unterstützung versichern können und wo Forderungen an die Stadt formuliert sind. Außerdem beabsichtige man eine Demonstration bzw. Kundgebung mit dem Ziel, dass die Stadt alles dafür unternimmt, dass der Ratskeller mit seinem bewährten Mitarbeiterteam für die Stadt erhalten bleibt.
Abschließend meint Diederichs: Die Ursache für die heutige Situation der Ratskellerküche liegt weit zurück. Das geht bis in die Zeit der großen Renovierung des Ratskellers 1992. Mich hätte mal interessiert, was die Witosa damals alles zur Modernisierung des Ratskellers getan hat. Aber, wie ich erfahren habe, soll es keine einzige Aufzeichnung von damals mehr geben.
Erinnerung an Butzenscheiben
Einigen Menschen sind die Baumaßnahmen von damals in Erinnerung geblieben. Beeindruckend vor allem die Erinnerung an die wunderbaren mundgeblasenen Butzenscheiben an allen Fenstern des Ratskellers. Im Auftrag der Witosa mussten diese damals als nicht zeitgemäß entfernt und durch erschreckend nüchterne, andere sagen, hässliche Fenster ersetzt werden. Die ursprünglich sehr aufwändig hergestellten Bleiglasfenster wurden daraufhin 1992 äußerst vorsichtig ausgebaut, stoßgesichert verpackt und zwecks Vernichtung abtransportiert. Das mit der Vernichtung hat allerdings nicht ganz geklappt; die heute mehrere zehntausend Euro teuren Fenster (Ebay) wurden später bei einem Baubeteiligten in einem anderen Bundesland wiederentdeckt. Ob sie ein Geschenk, Diebesgut oder auch nur eine Überlassung zwecks Vernichtung waren, für die die Stadt Hettstedt seinerzeit vielleicht sogar noch Geld bezahlt hat, weiß niemand. Und die Bauunterlagen aus jener Zeit können nicht befragt werden, da sie ja als verschwunden gelten. Mit anderen Worten: Das Verhältnis zwischen Rathaus und Ratskeller war in Hettstedt schon immer etwas besonders.
Jochen Miche