Di, 07:07 Uhr
14.07.2020
Zehnter Spaziergang in Hettstedt
Stilles Ende einer kleinen Revolte
Montagabend auf dem Markt in Hettstedt. Nach neun aufeinander folgenden, anfangs recht bewegten Montagabenden, ist sie nun an diesen Ort zurückgekehrt: die Trostlosigkeit…
Zwei verhinderte Spaziergänger betrachten, ans Auto gelehnt, den menschenleeren Markt. Der zehnte Hettstedter Spaziergang fiel, wie schon der achte und neunte, aus. Stilles Ende einer kleinen Revolte. (Foto: J. Miche)
Die meisten Leute, knapp 200, waren am 25. Mai zum zweiten Spaziergang gekommen. Beim zehnten (möglichen) Spaziergang aber an diesem 13. Juli 2020 wurden noch drei Besucher gezählt – der msh-online-Reporter mitgerechnet.
Ursprünglich waren die Spaziergänge als stiller Protest gegen die Zwangsmaßnahmen gedacht gewesen, mit denen der Staat und das Land die weitere Ausbreitung des Corona-Virus‘ hatte verhindern wollen. Diese waren ab dem 18. März insbesondere durch Schließungen von Einzelhandelsgeschäften, Schulen und Kindertagesstätten, die Pflicht zum Tragen von Mundschutz in den weiterhin geöffneten Super- und Baumärkten, Buchhandlungen, Arztpraxen und Apotheken sowie durch rigorose Streichung sämtlicher Kulturveranstaltungen gekennzeichnet. Ab Mai wurden die Maßnahmen wieder schrittweise gelockert. Trotzdem gingen die Lockerungen vielen Menschen nicht weit oder schnell genug, so dass sich auch in der hiesigen Region Unmut regte und die beginnenden Spaziergänge als Zeichen des Protestes Zulauf fanden.
Der zehnte Montagabend hintereinander symbolisierte in Hettstedt bereits, dass die staatlich veranlassten Corona-Lockerungen den Druck aus vielen Teilen der Bevölkerung genommen haben. So kam es, dass gestern nur noch drei Männer den Weg zum Markt mit dem Ziel fanden, dort an einem Spaziergang teilzunehmen. Statt herumzulaufen lehnten sie sich jedoch an das Auto des einen und tauschten Erinnerungen an manches dieser unangemeldeten und irgendwie auch unangepassten Montagsevents aus. Sie dachten an fröhliche oder auch nachdenkliche Gespräche mit Menschen, die sie oft erst beim Spazierengehen kennengelernt hatten. An junge Väter und Mütter, die ihre schlafenden Kleinen in Kinderwagen vor sich her schoben, während die rücksichtsvollen Leute um sie herum leise sprachen, um die Knipse nicht zu wecken. Oder an Frauen und Männer, die ihre liebe Not mit ihren Liebsten hatten – mit den kleinen Vierbeinern an der Hundeleine natürlich, die die gemeinsamen Spaziergänge durch die Stadt offenbar mehr als ihre Frauchen oder Herrchen genossen.
Und da war stets auch Polizei gewesen. Einmal sah das richtig gefährlich aus, als zwei Mannschaftswagen und zwei Polizei-Pkw voller schwarz uniformierter Beamter den Markt und anschließend den Umzug der weit über 100 Spaziergänger begleiteten. Auch an den Applaus erinnerten sich die drei, von denen jeder in diesen zehn Wochen jeweils nur einen Spaziergangstermin nicht hatte wahrnehmen können. Die Polizei war nach jedem Rundgang und dem folgenden Abschlusslied mit Applaus bedacht worden. Wofür dieser Applaus genau war, das wusste keiner so richtig, offiziell aber, weil die Polizei für Ordnung während des Spaziergangs gesorgt hatte. Mancher ahnte aber auch, dass die Dankbarkeit den Vorgesetzten dieser Polizisten gegolten hatte, die keinen Einsatzbefehl zum Auflösen der nicht angemeldeten Schein-Demonstrationen gegeben hatten. Egal: Verdient hatten die Polizisten allemal die Sympathiebekundungen, war ihnen doch regelmäßig ein ruhiger Feierabend verdorben worden.
Ach ja, das Abschlusslied. Es wurde beim siebten Spaziergang zum letzten Mal auf dem Hettstedter Markt gesungen. Danach gab es keine Spaziergänge mehr, nur noch die Begegnung einiger Leute, die zum Markt gefahren oder gelaufen kamen und Gleichgesinnte zu treffen hofften. Doch es kamen vor einer und vor zwei Wochen nur noch jeweils sechs Leute, diesmal drei. Und erstmals auch kein Polizeiauto mehr. An den drei letzten Montagen fielen der Spaziergang entlang der Wipper, der Abschlussgesang und der Applaus aus. Den Text der 240 Jahre alten Hymne des Widerstands Die Gedanken sind frei hätten die drei noch zusammenbekommen – auf einen Auftritt als Trio hatte aber keiner Lust. Vielleicht hätte dann doch noch jemand die Polizei gerufen – wegen ruhestörenden Lärms.
Stilles Ende einer kleinen Revolte. Erstmals sagte niemand mehr: Bis nächsten Montag, 19 Uhr auf dem Markt. Eine Spur Schwermut ergriff die drei Gesprächspartner, als sie sich gegen 19.30 Uhr verabschiedeten und den nahezu menschenleeren Markt seiner Montagabend-Trostlosigkeit überließen.
Jochen Miche
Autor: psg
Zwei verhinderte Spaziergänger betrachten, ans Auto gelehnt, den menschenleeren Markt. Der zehnte Hettstedter Spaziergang fiel, wie schon der achte und neunte, aus. Stilles Ende einer kleinen Revolte. (Foto: J. Miche)
Die meisten Leute, knapp 200, waren am 25. Mai zum zweiten Spaziergang gekommen. Beim zehnten (möglichen) Spaziergang aber an diesem 13. Juli 2020 wurden noch drei Besucher gezählt – der msh-online-Reporter mitgerechnet.
Ursprünglich waren die Spaziergänge als stiller Protest gegen die Zwangsmaßnahmen gedacht gewesen, mit denen der Staat und das Land die weitere Ausbreitung des Corona-Virus‘ hatte verhindern wollen. Diese waren ab dem 18. März insbesondere durch Schließungen von Einzelhandelsgeschäften, Schulen und Kindertagesstätten, die Pflicht zum Tragen von Mundschutz in den weiterhin geöffneten Super- und Baumärkten, Buchhandlungen, Arztpraxen und Apotheken sowie durch rigorose Streichung sämtlicher Kulturveranstaltungen gekennzeichnet. Ab Mai wurden die Maßnahmen wieder schrittweise gelockert. Trotzdem gingen die Lockerungen vielen Menschen nicht weit oder schnell genug, so dass sich auch in der hiesigen Region Unmut regte und die beginnenden Spaziergänge als Zeichen des Protestes Zulauf fanden.
Der zehnte Montagabend hintereinander symbolisierte in Hettstedt bereits, dass die staatlich veranlassten Corona-Lockerungen den Druck aus vielen Teilen der Bevölkerung genommen haben. So kam es, dass gestern nur noch drei Männer den Weg zum Markt mit dem Ziel fanden, dort an einem Spaziergang teilzunehmen. Statt herumzulaufen lehnten sie sich jedoch an das Auto des einen und tauschten Erinnerungen an manches dieser unangemeldeten und irgendwie auch unangepassten Montagsevents aus. Sie dachten an fröhliche oder auch nachdenkliche Gespräche mit Menschen, die sie oft erst beim Spazierengehen kennengelernt hatten. An junge Väter und Mütter, die ihre schlafenden Kleinen in Kinderwagen vor sich her schoben, während die rücksichtsvollen Leute um sie herum leise sprachen, um die Knipse nicht zu wecken. Oder an Frauen und Männer, die ihre liebe Not mit ihren Liebsten hatten – mit den kleinen Vierbeinern an der Hundeleine natürlich, die die gemeinsamen Spaziergänge durch die Stadt offenbar mehr als ihre Frauchen oder Herrchen genossen.
Und da war stets auch Polizei gewesen. Einmal sah das richtig gefährlich aus, als zwei Mannschaftswagen und zwei Polizei-Pkw voller schwarz uniformierter Beamter den Markt und anschließend den Umzug der weit über 100 Spaziergänger begleiteten. Auch an den Applaus erinnerten sich die drei, von denen jeder in diesen zehn Wochen jeweils nur einen Spaziergangstermin nicht hatte wahrnehmen können. Die Polizei war nach jedem Rundgang und dem folgenden Abschlusslied mit Applaus bedacht worden. Wofür dieser Applaus genau war, das wusste keiner so richtig, offiziell aber, weil die Polizei für Ordnung während des Spaziergangs gesorgt hatte. Mancher ahnte aber auch, dass die Dankbarkeit den Vorgesetzten dieser Polizisten gegolten hatte, die keinen Einsatzbefehl zum Auflösen der nicht angemeldeten Schein-Demonstrationen gegeben hatten. Egal: Verdient hatten die Polizisten allemal die Sympathiebekundungen, war ihnen doch regelmäßig ein ruhiger Feierabend verdorben worden.
Ach ja, das Abschlusslied. Es wurde beim siebten Spaziergang zum letzten Mal auf dem Hettstedter Markt gesungen. Danach gab es keine Spaziergänge mehr, nur noch die Begegnung einiger Leute, die zum Markt gefahren oder gelaufen kamen und Gleichgesinnte zu treffen hofften. Doch es kamen vor einer und vor zwei Wochen nur noch jeweils sechs Leute, diesmal drei. Und erstmals auch kein Polizeiauto mehr. An den drei letzten Montagen fielen der Spaziergang entlang der Wipper, der Abschlussgesang und der Applaus aus. Den Text der 240 Jahre alten Hymne des Widerstands Die Gedanken sind frei hätten die drei noch zusammenbekommen – auf einen Auftritt als Trio hatte aber keiner Lust. Vielleicht hätte dann doch noch jemand die Polizei gerufen – wegen ruhestörenden Lärms.
Stilles Ende einer kleinen Revolte. Erstmals sagte niemand mehr: Bis nächsten Montag, 19 Uhr auf dem Markt. Eine Spur Schwermut ergriff die drei Gesprächspartner, als sie sich gegen 19.30 Uhr verabschiedeten und den nahezu menschenleeren Markt seiner Montagabend-Trostlosigkeit überließen.
Jochen Miche