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Fr, 06:23 Uhr
26.06.2020
Dringlichkeitssitzung des Stadtrates zum Schulstreit

In Gerbstedt Protest für gegen nichts?

Bizarre Situation: Vor dem Gerbstedter Rathaus skandierten gestern Abend kurz nach 19 Uhr Grundschüler und ihre Eltern einen Spruch, den man vor einigen Monaten von Mädchen und Jungen hörte, die in die Grundschule Siersleben gehen – bzw. gingen, denn laut Beschluss des CDU-dominierten Gerbstedter Stadtrates vom vorigen Jahr soll die Siersleber Schule in diesem Jahr geschlossen werden...

Eine Forderung, die niemand nachvollziehen kann. In Gerbstedt demonstrierten Kinder und Erwachsene für den Erhalt ihrer Grundschule. Der Einrichtung werden zwar bauliche Schwächen bescheinigt, eine Schließung stand aber nie zur Debatte. (Foto: J. Miche) Eine Forderung, die niemand nachvollziehen kann. In Gerbstedt demonstrierten Kinder und Erwachsene für den Erhalt ihrer Grundschule. Der Einrichtung werden zwar bauliche Schwächen bescheinigt, eine Schließung stand aber nie zur Debatte. (Foto: J. Miche)
Dagegen protestierten seinerzeit Eltern und Kinder mit Plakaten und Sprechchören: „Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Schule klaut.“

Der Spruch wurde an diesem Donnerstag von Gerbstedter Grundschülern recycelt. Als er überdeutlich im Ratssitzungssaal zu hören war, meinte Gerbstedts Bürgermeister Bernd Hartwig (parteilos): „Ich verstehe nicht, wogegen man hier protestiert. Die Grundschule ist nicht gefährdet.“ Er würde draußen gern eine Fragestunde durchführen, um zu erfahren, was die Menschen überhaupt stört; als er am späten Abend tatsächlich das Rathaus verlassen konnte, lagen die Knirpse vermutlich längst daheim in ihren Betten.

Gerbstedts Schule stand nie zur Disposition
Die Aktion war irritierend. Was hier geschah, mutete absurd an, denn allein das Schild „Schule Gerbstedt soll bleiben!!!“ unterstellte etwas, das es nie gab: die Absicht, die Gerbstedter Grundschule zu schließen. Das Gegenteil war der Fall. Sie sollte mit dem Personal und den Schülern der beiden Landschulen aufgestockt werden.

Es stellte sich die Frage, welche Absicht die Initiatoren verfolgten. Sollte der Eindruck erweckt werden, die Dörfler wollten die Schließung der Gerbstedter Schule, damit ihre eigenen Kinder nicht in die Stadt müssen? Unterstrichen wurde dies durch Plakate mit Negativ-Aufschriften in gestalterischer Anlehnung an Ortseingangsschilder: „Zukunft Stadt Gerbstedt“ mit Pfeil nach oben und in der unteren Hälfte, quasi als Hinweis auf das territoriale Gebilde, das man hinter sich gelassen bzw. aus seinem Leben getilgt hat, den mit einem roten Balken fett durchgestrichenen Namen „Hartwig“.

Begeisterter CDU-Stadtrat
Die Bezugnahme auf den erst seit wenigen Monaten tätigen Bürgermeister war unübersehbar. Genauso wenig zu übersehen war in der Dringlichkeitssitzung die Dauerfröhlichkeit des CDU-Stadtrates Manfred Ahlfänger. Unübersehbar seine ermutigenden Nicksignale in jene Richtungen, aus denen zufällig wenig später Wortmeldungen kamen, die immer wirkten, als hätten sie nur ein Ziel: Niedermachen des Bürgermeisters.

Die Themen der Kritiker waren so mannigfach wie das Leben selbst. Vor und während der Einwohnerfragestunde ging es um Vorwürfe wie den späten Beginn der Freibadsaison, um die Be- oder Verhinderung schnellen Sanierens in der Grundschule Gerbstedt, die Tatsache, dass man Mitarbeiter des Bauhofes in dessen Frei- bzw. Urlaubszeit nicht telefonisch erreichen könne bis hin zum Vorwurf einer ehemaligen Ortsbürgermeisterin, die Versammlungen ihres Ortschaftsrates würden neuerdings durch jemanden von der Stadtverwaltung protokolliert.

Ein Dutzend weiterer Vorwürfe wurde laut, teils mit der Forderung, eine schriftliche Stellungnahme abzugeben – und immer war der Bürgermeister schuld. Der Landtagsabgeordnete Jens Diederichs (Freie Wähler), der ebenfalls unter den Gästen saß, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine abgestimmte Aktion gegen das Stadtoberhaupt lief. Er beklagte nur: „Was für eine Vergeudung von Zeit und Nerven.“

Der als Miniaturburgenbauer bekannte Gerbstedter Maurer Günther Beinert knöpfte sich außer Hartwig auch gleich die Bürgerinitiative zum Erhalt der Landschulen vor: „Die 2000 Unterschriften (zum Erhalt der Grundschulen – d. A.) kann ich nicht akzeptieren.“ Der 86-Jährige verstehe und akzeptiere nicht, wieso sich sogar Bewohner der Stadt Gerbstedt für den Erhalt einer Dorfschule einsetzen könnten.

Dem Bürgermeister warf er vor, Versprechungen nicht gehalten zu haben; auf die Frage Hartwigs, welche Versprechen er denn meine, erfuhr die coronabedingt in großen Abständen zueinander platzierte Zuhörerschaft im Saal: „Das Versprechen, die Schulen zu erhalten.“ Worauf der Bürgermeister erklärte: „Ich habe versprochen, mich für den Erhalt aller drei Grundschulen einzusetzen.“ Und genau das tut er entgegen dem Willen jener Stadträte, welche die Schließung der beiden Dorfschulen beschlossen hatten.

Schweigen im Saal
Mit Mut machendem Lächeln nickte Stadtrat Ahlfänger auch einer Fragestellerin zu, die sich mehrfach beim Vorlesen ihrer in einem Heft notierten Fragen verhaspelte. Es war aber auch kompliziert, was sie dort fragen musste, und so blieb den meisten im Saal nur der Eindruck, dass nach Ansicht dieser Bürgerin der Bürgermeister irgendwann irgendeiner Pflicht nachkommen müsse. „Was für eine Pflicht?“, fragte eine Besucherin, ohne eine Antwort zu erhalten.

Immerhin war Hartwig der Pflicht nachgekommen, diese Dringlichkeitssitzung zu veranstalten. Gefordert hatte er eine solche zum Thema Grundschule bereits im Mai dieses Jahres. Damals war sie aber vom Stadtratsvorsitzenden René Hauser (CDU) als unbegründet abgelehnt worden. Nun die Kehrtwende: Die CDU forderte plötzlich doch eine Dringlichkeitssitzung. Dies hatte wohl mit der Begehung der Gerbstedter Schule durch eine für Arbeitsschutz zuständige Firma zu tun, welche zahlreiche Probleme festgestellt hatte. Bei einigen konnten Gesundheitsgefahren für Kinder nicht ausgeschlossen werden.

Zwei Situationen waren an diesem Abend im Gerbstedter Ratssaal geeignet, Stadtrat Ahlfängers Laune zu trüben. Die eine war der Moment, als die Siersleber Elternratsvorsitzende Christina Sommer Stadtratschef Hauser in die Schranken wies; er hatte behauptet, Frau Sommer als Vertreterin der Elternschaft Siersleben sei zu dem Besichtigungstermin mit Staatssekretärin Eva Feußner in die Grundschule Gerbstedt am Tag zuvor eingeladen worden. Das stimmte nicht. Mit der Wahrheit hielt es wohl auch Herr Ahlfänger nicht so genau. So jedenfalls klang die Aufforderung des Bürgermeisters: „Ich bitte Sie, Herr Ahlfänger, bei der Wahrheit zu bleiben.“ Das Bemerkenswerte an diesem Satz war nicht der Grund, weshalb Ahlfänger aufgefordert worden war, nicht zu lügen, sondern was danach folgte: statt des üblichen Protestes ein etwa einminütiges Schweigen des gesamten Saales.

Ganz am Schluss des öffentlichen Teils der Dringlichkeitssitzung zeigte sich die gute Laune in Herrn Ahlfängers Gesicht noch mal deutlich. Der frühere Lehrer aus Heiligenthal, dessen Schule auch mit seiner Zustimmung geschlossen werden soll, gewann sein Lächeln und seine feste Stimme zurück, als er mit Blick auf die Grundschule Siersleben laut verkündete: „Die Staatssekretärin hat gestern eindeutig gesagt: Die Schule wird geschlossen.“
Jochen Miche

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Eine Forderung, die niemand nachvollziehen kann. In Gerbstedt demonstrierten Kinder und Erwachsene für den Erhalt ihrer Grundschule. Der Einrichtung werden zwar bauliche Schwächen bescheinigt, eine Schließung stand aber nie zur Debatte. Foto: J. Miche
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