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Di, 06:58 Uhr
23.06.2020
Knapp 30 Leute beim 7. Spaziergang in Hettstedt

„Haben die uns auf der Liste?“

Spaziergangszeit in Hettstedt. Erneut starteten zahlreiche Menschen am Montagabend, 19 Uhr, auf dem Hettstedter Markt eine Wanderung rund um das Stadtzentrum. Die bewährte Strecke wurde auch diesmal beibehalten. Es ging an der Sparkasse vorbei in Richtung Luisenstraße, Doktorsteg, Freimarkt und zurück zum Markt...

Schlendern in beunruhigenden Zeiten. Auch der jüngste Montagsspaziergang in Hettstedt führte über den Doktorsteg. (Foto: J. Miche) Schlendern in beunruhigenden Zeiten. Auch der jüngste Montagsspaziergang in Hettstedt führte über den Doktorsteg. (Foto: J. Miche)
Die Hettstedter und ihre Gäste lieben die Tradition. Neben der Stammstrecke fiel auch diesmal wieder etwas auf: Die Teilnehmerzahl verringert sich unterwegs nicht, sondern wächst. Der Grund: Es gesellen sich immer noch einige Leute hinzu, gehen die letzten Meter mit und stimmen nach der Ankunft auf dem Markt in das Lied „Die Gedanken sind frei“ mit ein.

Fördert Geiz Corona?
Die Gesprächsthemen drehten sich überwiegend um die staatlich verordneten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, um die zunehmenden Lockerungen dieser Maßnahmen und um aktuelle Ereignisse.

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Ziemlich aufgewühlt waren viele von den Corona-Neuigkeiten vom Wochenende. Vor allem die Berichte aus dem Landkreis Gütersloh erschreckten manchen: Wie der dortige Krisenstab Montagabend bekannt gegeben hatte, sind 1553 von 6650 getesteten Arbeiterinnen und Arbeitern der Schlachterei Tönnies mit dem Coronavirus infiziert.

Bei Tönnies arbeiten Menschen aus 87 Ländern; die größte Gruppe sind Polen und Rumänen, die unter teils menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht werden. Die katastrophalen Hygienestandards erleichtern laut Expertenmeinungen die rasante Ausbreitung des Coronavirus‘. Ein Hettstedter Spaziergänger kommentierte: „Hier schließt sich der Kreis: Auch in Hettstedt will keiner oder fast keiner mehr einen angemessenen Preis für das Fleisch im Supermarkt bezahlen.

Also beschäftigen die Fleisch-Millionäre Billigarbeiter, die schlimmer untergebracht sind als die Schweine, die sie schlachten. Wen wundert es, wenn dort hunderte oder tausende Osteuropäer infiziert werden?“ Wenn aufgrund der gestiegenen Coronazahlen staatlicherseits jetzt wieder Lockerungen zurückgenommen werden, habe das indirekt auch mit der Geiz-ist-geil-Mentalität vieler Menschen zu tun, kritisierte jemand und setzte hinzu, dass es auch „bei uns klasse Fleischer gibt, die frisches, statt Gefrierfleisch verarbeiten, man muss nur einen Euro mehr bezahlen“.

Spaziergang statt „Coronakoller“
Ein weiterer Aufreger beim Spaziergang waren die Straßenschlachten und Plünderungen in Stuttgart am Wochenende. Ein Psychologe hatte am Montagmorgen im Deutschlandfunk Kultur als eine mögliche Ursache der ungewöhnlich schweren Krawalle in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt einen „Coronakoller“ ausgemacht. „Ich habe auch die Nase voll von den ganzen Corona-Einschränkungen, sonst wäre ich nicht beim Spaziergang. Aber deshalb randaliert man doch nicht gleich rum“, meinte eine Teilnehmerin des Hettstedter Spaziergangs und sah dabei zu den zwei Polizei-Pkw und dessen mit Passanten freundlich plaudernden Polizisten hinüber, die an diesem 22. Juni 2020 für die Sicherheit rund um den Spaziergang zuständig waren.

Immer weniger unterwegs
Ein weiteres Thema war die zurückgehende Zahl der Teilnehmer am Spaziergang; diesmal waren knapp 30 gekommen. Jemand erzählte von einer Wiederstedterin, die am vorigen Montag angekündigt hatte, dass sie nicht mehr zu den Hettstedter Spaziergängen kommen werde. Der Grund: Ein ihr fremder Polizist hatte sie nach einem Spaziergang beim vollen Namen angesprochen und sogar ihren Wohnort gewusst. Die Wiederstedterin war entsetzt gewesen und hatte ihre Freundin gefragt: „Woher wissen die das? Haben die uns schon alle auf der Liste? Was kommt da noch? Ich habe einen Job, den will ich behalten. Tut mir leid, ich komme nicht mehr.“

Die Frau kam tatsächlich nicht zum Spaziergang diesen Montag. Jemand sagte: „Die Spaziergänger werden von den Medien als Verschwörungstheoretiker oder Gesetzesbrecher diffamiert und anschließend ausgeforscht. Das hält nicht jeder aus. Da bleibt mancher lieber zu Hause.“

Am kommenden Montag, 19 Uhr, wollen trotzdem wieder viele nicht zu Hause bleiben, sondern im Hettstedter Stadtzentrum spazieren gehen.
Jochen Miche
Autor: red

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