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Di, 07:17 Uhr
26.05.2020
Transparent eingerollt Neue Initiativen unterwegs

Weniger Spaziergänger, mehr Polizei

Der am Abend um 19 Uhr auf dem Marktplatz gestartete dritte Hettstedter Spaziergang offenbarte eine Entwicklung: Die Teilnehmer werden von Spaziergang zu Spaziergang gelassener, die Behörden unruhiger...

Der Sicherheitsabstand wurde eingehalten. Deshalb zog sich die Menschentraube über mehrere hundert Meter in die Länge.  (Foto: J. Miche ) Der Sicherheitsabstand wurde eingehalten. Deshalb zog sich die Menschentraube über mehrere hundert Meter in die Länge. (Foto: J. Miche )

Diesen Eindruck hinterließen jedenfalls auf der einen Seite zahlreiche fröhlich plaudernde Menschen, die sich dem Markt näherten, auf der anderen Seite die geballte Staatsmacht in Form von vier Polizei-Mannschaftswagen. „Wozu schickt der Bürgermeister so viel Polizei?“, fragte ein Mann einen Polizisten, der auf diese Frage jedoch nicht antwortete.

Etwa 100 Menschen unterwegs
Später begleiteten ein Mannschaftswagen, in dem schwarz uniformierte Polizisten saßen, und mehrere Polizisten zu Fuß den Spaziergang. Die etwas mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer spazierten zwischen Volksbank und Summa-Passage zum Ende der Wilhelmstraße, die Untere Bahnhofstraße entlang zur Breiten Straße, Luisenstraße entlang der Wipper über den Doktorsteg zum Freimarkt und von dort zurück zum Markt.

In der vergangenen Woche waren übereinstimmend deutlich mehr Teilnehmer gezählt worden: 185. Der Widerspruch zu der von einer Online-Plattform in die Öffentlichkeit getragenen Zahl 130 führte heute Abend zu heftigen Debatten während des Spazierganges. Das Wort „Lügenpresse“ bekam angesichts so einfach zu entlarvender Zahlenakrobatik eine neue Aktualität; ebenso erregte sich mancher über die Aussage des Hettstedter Bürgermeisters, er wünsche, dass die Spaziergänge künftig angemeldet würden.

„Wo es keinen Organisator gibt, kann auch keiner was anmelden“, meinte eine Spaziergängerin. Sie deutete den Hintergrund der Spaziergänge an: Mit einem Augenzwinkern, mindestens aber leise wollen hier Menschen ihre Unzufriedenheit mit bestimmten staatlich verordneten Maßnahmen zeigen, ohne sich von einer politischen Strömung vereinnahmen lassen zu müssen. Der jüngste Versuch eines Blattes, die AfD als Organisator der Veranstaltung zu instrumentalisieren, empörte manchen Spaziergänger.

Ende von „Zwangsmaßnahmen“ gefordert
Sichtbarer Protest kam von einer Initiative, die sich „unabhängig, aber menschenfreundlich“ nannte. Auf Bitten der Polizei hatten zwei Männer vor Beginn des Spaziergangs ein Transparent aus- und gleich wieder eingerollt, auf dem ein Ende der monatelangen „Zwangsmaßnahmen“ im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gefordert wurde. Genau dies scheint aber tatsächlich gerade langsam einzutreten. Zu den Lockerungen gehören wieder geöffnete Spielplätze, Unterricht in vielen Schulen, die Öffnung von Gaststätten und vieles mehr, wenngleich alles unter strikter Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen. „Es entkrampft sich alles ein bisschen. Vielleicht auch wegen der Spaziergänge an vielen Orten“, meinte jemand. Auf die Frage, welche Zukunft sie den Spaziergängen gebe, antwortete die Frau: „Sie werden einschlafen, wenn es kein neues Thema gibt.“

Die Menschenschlange zog sich zeitweise über mehrere hundert Meter in die Länge. Die Polizei hatte wenig zu tun. Außer die Kontrolle des Transparentes und das Absichern des Weges mussten lediglich zu Beginn zwei mit Mundschutz gesicherte Polizisten eine Gruppe Leute darauf hinweisen, beim Laufen auch den coronabedingt notwendigen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen einzuhalten.

Wie bereits vor einer Woche endete der Spaziergang mit dem Singen des Liedes „Die Gedanken sind frei“ und Applaus. Dieser galt vielen: der Polizei, die Muskeln gezeigt, aber nicht eingesetzt hatte, den Spaziergängern, die eine kleine Tradition mit großer Hygiene-Disziplin (Abstand) fortgesetzt hatten, aber auch jenen, die ankündigten, sich am nächsten Montag Pfingstmontag erneut um 19 Uhr zum Abendspaziergang aufmachen zu wollen.

Pfingstmontag ist der 1. Juni Kindertag. Das hat eine neue Initiative bewogen, Eltern mit ihren Kindern, aber auch Großeltern mit ihren Enkeln zu ermutigen, an diesem Tag im Zentrum ihrer jeweiligen Heimatstadt mit farbiger Kreide das Pflaster zu bemalen und bunte Bänder und Luftballons anzubinden, wo immer es möglich ist.
Jochen Miche
Ein Transparent wurde aus- und gleich wieder eingerollt (Foto: J. Miche)
Dürfen die das, fragte jemand, der sah, dass die Polizei entgegen der Einbahnstraße fuhr. Sie dürfen es, wenn Gefahren drohen, antwortete jemand. (Foto: J. Miche)
Sammeln zum Singen. Erneut wurde in das Lied „Die Gedanken sind frei“ eingestimmt. (Foto: J. Miche)
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