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Mi, 14:01 Uhr
08.04.2020
MSH-Forum

Der Kleine zahlt, der Große kriegt´s geschenkt

Die Corona-Pandemie sorgt für einen weltweit anhaltenden Bedarf an Mundschutz. Die Produzenten, viele davon in Asien, kommen mit der Produktion schon lange nicht mehr nach. Deshalb wird auch in Deutschland im großen wie im kleinen Stil genäht, was das Zeug hält...

Eine Produktionsstätte von einfachen Mundschutzmasken befindet sich in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Burg in Sachsen-Anhalt. In der dortigen Schneiderei arbeiten in Hochdruckzeiten bis zu 60 Gefangene an modernen Nähmaschinen und Stickautomaten. Von Uniformteilen und kompletten Arbeitsanzügen für Küchenpersonal (darunter zweitweise täglich tausende Schürzen) bis hin zu Bettwäsche für die anderen Gefängnisse des Landes oder Trikots für Sportvereine reicht das Angebot. Filigrane Stickereien auf Trikots vieler Bundesligamannschaften (die Sportart ist geheim) zeugen vom hohen Qualitätsanspruch der Schneider und der Qualität der Stickmaschinen, die bis zu sechs Trikots gleichzeitig bearbeiten können. Jetzt aber entstehen hier einfachste Mundschutzmasken aus kleingeschnittenen Bettlaken, blau-weiß kariert.

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Sport treiben ist gesund – Gesichtsmaske tragen ebenfalls. Vor allem in der gegenwärtigen Corona-Pandemie verhindern die Masken, dass der Träger einer solchen beim Sprechen und Husten sein Gegenüber mit winzigen Flüssigkeitspartikeln (anders gesagt: mit Spucke) besprüht, in welcher die Corona-Viren schwimmen. Im schlimmsten Fall schwimmen die Tierchen beim Gesprächspartner, in dessen Gesicht sie gelandet sind, gleich weiter in dessen Körperinneres, wo sie sich fleißig vermehren. Das Problem ist klar: Die Viren kennen weder Freund noch Feind. Sie infizieren jeden, den sie kriegen können; die meisten Betroffenen erkranken, einige sogar schwer. Bezogen auf eine JVA gilt als sicher, dass Corona-Viren keine Scheu haben, Gefangene wie Bedienstete gleichermaßen anzufallen, Hauptsache, sie können sich fröhlich vermehren (die Viren) und Schaden anrichten.

Um diese Gefahr zu bannen, wurde dem Personal in sämtlichen Justizvollzugsanstalten, und natürlich auch in Burg, freigestellt, im Dienst Mundmasken zu tragen. Dazu kam der Hinweis, dass jeder Bedienstete maximal fünf solcher Masken für seinen dienstlichen Gebrauch bekommen kann. Bzw., genauer gesagt: kaufen kann, also aus eigener Tasche bezahlen muss. Kein Problem, denkt man, die Bediensteten sind ja an der Quelle.

Spätestens an diesem Punkt kann leicht Sozialneid aufkommen. „Schon wieder werden die Beamten bevorzugt! Haben einen fett bezahlten Job, lebenslang Kündigungsschutz und leben am Ende auch noch länger, weil sie dank ihrer Beziehungen an Schutzmasken rankommen!“ – Halt! An diesem ganzen Satz stimmt fast gar nichts (außer vielleicht das mit den Masken).

Tatsache ist, dass sich die Freude über diese „Beziehungen“ bei den JVA-Angestellten in Grenzen hält. Was sie stört, sind die Kosten. Sie sollen pro Stück fünf Euro bezahlen!

Einfache Stoff-Gesichtsmasken konnten im vergangenen Jahr in Asien noch zum Kilopreis von einem Euro eingekauft werden. Als dieselben bereits ein Euro das Stück kosteten, gab es in einigen Medien einen Aufschrei. Doch inzwischen galoppieren die Preise weiter steil nach oben. – Erfüllt das schon den Straftatbestand des Wuchers? Wucherer sind Menschen, die die Not anderer ausnutzen. Früher landeten solche Gestalten hinter Gitter. Heute sitzen sie offenbar in Führungspositionen.

Doch es gibt einen zweiten Teil der Geschichte aus der JVA Burg.

Die dort produzierten und der eigenen Belegschaft zu horrenden Preisen aufgedrückten Gesichtsmasken werden auch an Sportclubs verkauft.

Für die ganz großen Funktionäre beispielsweise des Fußballbundes von Sachsen-Anhalt, also des früheren Finanzminister Bullerjahns Freunde (Hallescher FC), sind die in Burg produzierten Gesichtsmasken aber offensichtlich unbezahlbar. Deshalb bekommen diese Superfunktionäre je eine der vom Geld des Fußballbundes erworbenen Masken kostenlos überreicht. Geschenkt. Einfach so.

Wir fragten den Landtagsabgeordneten Jens Diederichs (Freie Wähler), was er von dieser Angelegenheit halte. Diederichs war vor seinem Einzug in den Landtag Mitarbeiter im Justizvollzug. Aus diesem Grund halten wir ihn für den kompetenten Ansprechpartner in dieser Angelegenheit. Auf unsere Bitte, uns seine Meinung hierzu mitzuteilen, antwortete er: „Machen wir uns erst einmal Folgendes klar: Die JVA-Mitarbeiter halten innerhalb der Gefängnismauern irgendwo immer ihren Kopf dafür hin, dass das Leben außerhalb der Anstalten sicher und lebenswert bleibt. Sie sollen nun mit Hinweis auf die Gesundheit gezwungen werden, unanständige Preise für etwas zu zahlen, das man ihnen von Amts wegen eigentlich kostenlos bereitstellen sollte.“ Diederichs setzte mit dem Hinweis, dass sein abschließender Satz nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sei, leise hinzu: ‚Das ist doch völlig daneben: Der Kleine zahlt und der Große – der mit goldener oder diamantener Kreditkarte – kriegt die Masken geschenkt. Unfassbar!‘

Irgendwie stellt sich da die Frage: Gibt es auch ein regional begrenztes Gehirn-Corona? Eines, das die sensiblen, für Anstand und Gewissen zuständigen Teile des Gehirns im Zuge einer Infektion absterben lässt?

Wenn dem so ist, dann sollte man die entsprechend infizierten Entscheidungsträger schleunigst ermitteln. Nur so können sie umgehend in Quarantäne gesteckt und, am besten, dort auch gelassen werden.
Jochen Miche
Autor: red

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