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So, 07:00 Uhr
07.10.2018
Marios Bücherkiste

„Vox“: Für Frauen nur 100 Wörter am Tag

Cover (Foto: S. Fischer) Er wurde 1959 in Nordhausen geboren, hat in Redaktionen vieler großer Deutscher Zeitungen gearbeitet. Und der Mann liest gern. Für die Nordthüringer Online-Zeitungen stöbert Mario Bartsch in den Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt...


Nicht mehr als 100 Wörter pro Tag sind Frauen in den USA in einer gar nicht fernen Zeit gestattet. Wer sich nicht daran hält, wird mit einem starken Stromschlag bestraft. In Christina Dalchers Debütroman „Vox“ werden die Errungenschaften der Frauenbewegung von christlichen Fundamentalisten mit Füßen getreten. Ein Buch für alle Fans feministischer Dystopien.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der Hauptfigur, der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Dr. Jean McClellan erzählt. Jean ist 43 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Söhnen und einer sechsjährigen Tochter. Ihr Mann Patrick geht als Berater des neu gewählten US-Präsidenten im weißen Haus ein und aus, während ihr seit einem Jahr das Arbeiten verboten ist.

Denn die ultrakonservative Bewegung „Die Reinen“ um Reverend Carl Corbin hat die Frauen mit Unterstützung des Präsidenten zurück an den Herd gedrängt. Sprechen dürfen sie maximal 100 Worte am Tag. Sind die Worte aufgebraucht, bekommen sie über ein Armband, das die Wörter zählt, für jedes weitere gesprochene Wort einen Elektroschock verpasst. Selbst kleinste Gesten gelten als Sprache und werden bestraft. Und das gilt nicht nur für erwachsene Frauen, sondern auch schon für kleine Mädchen.

Die promovierte Linguistin hat einst an einem Heilmittel für die Wernicke-Aphasie geforscht, eine Sprachstörung, bei der die Betroffenen zwar noch sprechen können, jedoch die Bedeutung der Wörter nicht erkennen und recht sinnfreie Wörter und Sätze bilden.

Gemeinsam mit ihrem Team hat Jean ein Gegenmittel entwickelt, wurde jedoch von der Regierung unterbrochen, bevor dieses richtig ausgetestet werden konnte. Als aber der Bruder des US-Präsidenten nach einem Skiunfall an genau dieser Krankheit leidet, bekommt Jean unerwartet Besuch von Reverend Corbin und seinem Gefolge.

Jean sieht ihre Chance, etwas zu ändern und sich gegen die Mächtigen aufzulehnen. Unter bestimmten Bedingungen nimmt sie das Angebot an: Keine Armbänder mehr für sie und ihre Tochter, Sonia muss nicht mehr in die Hauswirtschaftsschule gehen und ihre frühere Kollegin Lin Kwan darf auch am Projekt mitarbeiten. Doch die Verräter stehen an jeder Ecke, haben Kameras installiert und Verstöße und Aufstände werden weit schlimmer bestraft, als nur mit Stromstößen.

Es gibt Bücher die Treffen den Nerv der Zeit. „Vox“ von Christina Dalcher ist so eins. Der Roman macht klar, wie schnell rechter Fundamentalismus zu gesellschaftlicher Repression führt, wie fragil Demokratie ist, und wie dünn der Firnis der Zivilisation.

Über die Autorin:

Christina Dalcher pendelt zwischen den Südstaaten und Neapel. Die gebürtige Amerikanerin, zu deren Helden Stephen King und Carl Sagan zählen, promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, u.a. wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. „Vox“ ist ihr Debütroman.
Mario Bartsch

Christina Dalcher: „Vox“
Aus dem Amerikanischen von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.
Hardcover; 400 Seiten
S. Fischer; 2018
20,00
ISBN 978-3- 1039-7407-2
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