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11.03.2018
Marios Bücherkiste

Rudi Dutschke - Springers Volksfeind Nummer 1

Er wurde 1959 in Nordhausen geboren, hat in Redaktionen vieler großer Deutscher Zeitungen gearbeitet. Und der Mann liest gern. Für die Nordthüringer Online-Zeitungen stöbert Mario Bartsch in den Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt...


Aufbruch und Widerstand, Protest und Barrikade, der Glaube an das „Ende der Utopie“ und die Machbarkeit von Geschichte: für all das, was man mit der Revolte von '68 verbindet, stand Rudi Dutschke (1940-1979). Der antiautoritäre Studentenführer war eine Reizfigur, für seine konservativen Gegner wie für traditionelle Marxisten in den eigenen Reihen. Ulrich Chaussy kennt Rudi Dutschke wie kein zweiter Biograf. Jetzt hat er seine erstmals 1983 erschienene Rudi Dutschke-Biografie neu überarbeitet. Umfassend diskutiert der Autor darin das Leben und Werk des Revoluzzers und entfacht dabei die Lust am Lesen.

Niemand anders hat der 68er-Bewegung so sehr seinen Stempel aufgedrückt wie Rudi Dutschke. Mit ihm ist die Revolte der Studenten mehr als nur verbunden – seine individuelle Biografie ist mit dem Verlauf einer kollektiven Bewegung eins geworden insbesondere durch das Attentat vom Gründonnerstag 1968, das er nur um Haaresbreite überlebte und an dessen Spätfolgen er schließlich starb.

An jenem Donnerstag war der 23-jährige Gelegenheitsarbeiter Josef Bachmann mit dem Interzonenzug aus München am Bahnhof Zoo eingetroffen. Er hatte sich mit Zeitungsschlagzeilen wie „Stoppt Dutschke jetzt!“ oder Plakaten wie „Dutschke Volksfeind Nr.1“ im Kopf auf den Weg nach Berlin gemacht, mit einer Pistole in einem Schulterhalfter. „Wissen Sie, wo Rudi Dutschke wohnt?“ fragt er den Taxifahrer, der ihn zur Zentrale des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm 140 fährt.

Um 16.30 Uhr sieht Bachmann dort einen Mann mit einem Damenfahrrad aus dem Hausflur kommen. Laut späterem Gerichtsprotokoll kommt es zu einem kurzen Wortwechsel: „Sind Sie Rudi Dutschke?“ „Ja.“ Mit den Worten „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ schießt Bachmann aus eineinhalb Meter Entfernung mit einem Neun-Millimeter-Trommelrevolver dreimal auf den 28-jährigen Dutschke, der zuerst in die rechte Wange getroffen wird. Der „SDS-Ideologe“, wie er von den Medien damals genannt wurde, stürzt vom Fahrrad und ruft unter anderem „Soldaten! Soldaten!“. Bachmann legt noch einmal an und schießt Dutschke jetzt in die obere Kopfhälfte und in eine Schulter.

Doch nicht davongekommen

Bachmann flüchtete nach dem Attentat in den Keller eines nahe gelegenen Neubaus und wurde nach einem Feuergefecht mit der Polizei schwer verletzt festgenommen.

Cover (Foto: Droemer Knaur Verlag) Er wurde ins Klinikum Westend gebracht, wo sein Opfer bereits stundenlang notoperiert wurde. Der schwierigste Eingriff war die Entfernung eines Projektils aus dem Schädel, das das Hirngewebe beschädigt hatte. Dutschke überlebte, litt aber an Sprach-, Lese- und Sehstörungen und schweren epileptischen Anfällen, von denen ihm einer am Heiligabend 1979 im dänischen Aarhus in der Badewanne auch zum tödlichen Verhängnis werden sollte.

In der Trauerkundgebung am 3. Januar 1980 in der Freien Universität Berlin (FU), zentraler Schauplatz der Studentenrevolte der „68er“, erinnerte sich der Freund und Psychologe Thomas Ehleiter an die ersten Lernbemühungen Dutschkes: „Rudi erkannte, dass ihm jener Tätigkeitsbereich, der für seine psychische Existenz als politisch tätiger Mensch ganz besonders wichtig war, nämlich das Sprechen von Sprache, durch die Schussverletzung schwer beeinträchtigt und zum Teil zerstört worden war.“

Die drei Schüsse auf Rudi Dutschke waren ein Attentat auf seinen Traum: den Traum von einem gesamtdeutschen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. „Bei uns zu Hause gab es nie einen Gegensatz von Christentum und Sozialismus“, hat er einmal geschrieben. Zum real existierenden Sozialismus der DDR und der Sowjetunion ging Dutschke früh auf Distanz: Er wächst in Luckenwalde auf, einem kleinen Ort in der Märkischen Heide. Seine Mutter ist strenggläubige Protestantin. Schüler Rudi engagiert sich in der Jungen Gemeinde. Obwohl in der FDJ, verweigert er den Eintritt in die Nationale Volksarmee, bekennt sich zur Wiedervereinigung und darf deshalb nicht Sportjournalistik studieren.

Als er 1960 in Westberlin ein Soziologie-Studium beginnt, ahnt er nicht, dass er lange nicht nach Hause zurückkehren wird. Der Bau der Mauer sperrt ihn aus. Der junge Dutschke ist „Republik-Flüchtling“. In strenger Disziplin eignet er sich die gesamte sozialistische Theorie an. Er will zurück zu deren Wurzeln, liest Marx, Lenin, Rosa Luxemburg. Die Diskrepanz zwischen sozialistischer Theorie und Praxis der in der DDR Erlebten lässt ihn nicht los. Rudi Dutschke beschließt, „Berufs-Revolutionär“ zu werden. Fortan sieht er seine Aufgabe darin, die benachteiligten gesellschaftlichen Minderheiten zu aktivieren jene in der „Dritten Welt“, jene in der kapitalistischen Bundesrepublik.

Ulrich Chaussy, Verfasser der ersten, bereits 1983 erschienenen Dutschke-Biografie („Die drei Leben des Rudi Dutschke“) kennt Rudi Dutschke wie kein zweiter Biograf. Er hat mit allen wichtigen Zeitzeugen gesprochen und alle relevanten Archive, erstmals auch westdeutsche Geheimdienstakten, ausgewertet. Als Ergebnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Rudi Dutschke legt er nun diese neu bearbeitete und erweiterte Biographie vor: Das Porträt eines Menschen, der trotz aller Widerstände nie die Hoffnung aufgab, die Welt zum Besseren verändern zu können.

Über den Autor: Ulrich Chaussy, Jahrgang 1952, studierte Germanistik und Soziologie und war als Autor und Moderator vor allem für den Bayerischen Rundfunk tätig. Seine Bücher über die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ und über das Oktoberfestattentat erschienen in mehreren Auflagen. Letzteres wurde unter dem Titel „Der blinde Fleck“ 2013 für das Kino verfilmt und trug zur Wiederaufnahme der Ermittlungen durch den Generalbundesanwalt bei. Sein Werk als investigativer Journalist und Buchautor wurde mit deutschen und internationalen Preisen ausgezeichnet.
Mario Bartsch

Ulrich Chaussy: „Rudi Dutschke. Die Biographie.“
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Droemer Knaur Verlag; 2018
26,99 Euro
ISBN 978-3426277522
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