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Mo, 22:25 Uhr
05.12.2016
AfD-Chefin Frauke Petry in Helbra - Gastgeber sind heiser

"Einigkeit macht stark", aber die Stimme schlapp

Die knapp 200 Polsterstühle waren bereits halb vier am Nachmittag besetzt. Gut und gern weitere 300 Menschen mussten sich die 50 Barhocker und die Stehplätze teilen, von denen es in der „Alten Schachthalle“ in Helbra allerdings reichlich gab.

"Ihre Meinung, Frau Petry!" Ein Team des japanischen Staatsfernsehens interviewt die AfD-Bundesvorsitzende. Jens Diederichs, AfD-Kreisvorsitzender, hatte die Anwesenheit des TV-Teams so kommentiert: "Da wird in Japan nicht nur unsere Bundesvorsitzende Frauke Petry bekannt, sondern auch unsere Mansfelder Wickelschlacke." (Foto: Jochen Miche) "Ihre Meinung, Frau Petry!" Ein Team des japanischen Staatsfernsehens interviewt die AfD-Bundesvorsitzende. Jens Diederichs, AfD-Kreisvorsitzender, hatte die Anwesenheit des TV-Teams so kommentiert: "Da wird in Japan nicht nur unsere Bundesvorsitzende Frauke Petry bekannt, sondern auch unsere Mansfelder Wickelschlacke." (Foto: Jochen Miche)

Dass die „Schachthalle“, die seit einigen Monaten eine Diskothek beherbergt, tatsächlich aber der Speisesaal der einstigen August-Bebel-Hütte in Helbra ist, hatte schon manchen Einheimischen überrascht und den Weg suchen lassen.

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Doch diesen fanden zur „Bürgerversammlung“, zu der der Kreisverband der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) eingeladen hatte, selbst Weitgereiste aus den benachbarten Bundesländern. So unter anderem aus Sachsen die AfD-Bundesvorsitzende, Dr. Frauke Petry, Hauptrednerin des Nachmittags, die allerdings geradewegs von einer Veranstaltung in Kassel kam.

Ein hörbar erkälteter Jens Diederichs, Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Mansfeld-Südharz und Landtagsabgeordneter, erinnerte in seiner Begrüßungsrede an die Geschichte der Helbraer Hütte: "Diese Kupferrohhütte gab 110 Jahre lang ungezählten Menschen der Region Lohn und Brot". Mit dem Schließen der Kupferschächte im Sangerhäuser Revier und dem Löschen der Hüttenfeuer in Helbra und Hettstedt im Jahr 1990 begann ein einzigartiger Niedergang der Region. "Die Treuhand und ihre Heuschrecken machten aus dem Mansfeld Kombinat Wilhelm Pieck, zu dem diese Hütte gehörte, Kleinholz. Was nicht verkauft werden konnte, wurde zerschlagen oder kleingehäckselt", so der Redner.

Gastgeber einer viel besuchten Veranstaltung: Jens Diederichs, Frauke Petry, Robert Farle und Gunter Wakan (v. l.). (Foto: Jochen Miche) Gastgeber einer viel besuchten Veranstaltung: Jens Diederichs, Frauke Petry, Robert Farle und Gunter Wakan (v. l.). (Foto: Jochen Miche)

Diederichs spannte den Bogen von der Vergangenheit zum Heute und weiter in die Zukunft: „Was fehlt, ist aber vielfach die Hoffnung: Die Hoffnung, dass in Zukunft niemand mehr wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird. Dass unsere Alten von ihrer Rente in Würde leben können. Die Hoffnung, dass wir nicht um einen Job wie um ein Almosen betteln müssen. Und die Hoffnung, dass niemand, nur, weil er Mitglied der AfD ist oder für diese Partei arbeitet, wie bei der SPD-nahen AWO seinen Job verliert oder gezwungen wird, sogar Ehrenämter aufzugeben." Für solche Sätze erntete er Applaus. Und dafür: "Ein Hoffnungsträger unserer Zeit kommt, wie einst Dr. Carl Wilhelm Otto Koch, der Namensgeber dieser Hütte zwischen 1880 und 1951, aus Sachsen. Allerdings ist dieser heutige sächsische Hoffnungsträger eine Frau. Lasst sie uns begrüßen mit der heimlichen Nationalhymne des Mansfelder Landes, dem Steigerlied. Begrüßen wir: Dr. Frauke Petry!"

Spaltung begann lange vor AfD

Viele sangen das „Steigerlied“ mit den Zeilen „Glück auf, Glück auf!“ mit. Danach sprach Petry zunächst von der „Spaltung der Gesellschaft“, für die manche Altpartei gern die im Jahr 2013 gegründete AfD verantwortlich mache. Doch diese Spaltung habe bereits vor Jahren, wenn nicht vor Jahrzehnten eingesetzt, so Petry. Weiter sagte sie: "Globalisierung ist nicht naturgegeben, sondern menschengemacht." Sie forderte von den Vertretern der etablierten Parteien, ihre Politik so zu erklären, dass sie die Mehrheit der Menschen auch versteht.

Landpartie. Einen Ausflug nach Helbra unternahmen viele Interessierte. (Foto: Jochen Miche) Landpartie. Einen Ausflug nach Helbra unternahmen viele Interessierte. (Foto: Jochen Miche)

Petry nahm sich Begriffe wie "Populismus" und "rechte oder linke Gesinnung" vor. Zum Begriff "Freiheit" erklärte sie, er bedeute nicht "Grenzenlosigkeit und auch nicht Anarchie": "Nein, wir möchten ein Europa, in dem jede demokratisch gewählte Regierung am Ende immer noch allein entscheiden kann, so wie die Briten es mit dem Referendum für sich entschieden haben." Sie stellte fest, dass die AfD „die erste Partei ist und bleibt, die die Meinung vertritt, dass die Türkei nicht zu Europa gehört“.

Zum Thema Familienplanung forderte sie unter anderem: "Damit junge Leute wieder an ein oder mehr Kinder denken, müssen wir dafür sorgen, dass ihre Einkommens- bzw. Abgabensituation verbessert wird. Deshalb fordert die AfD neben einem Familiensplitting auch die Entlastung von Eltern bei den Sozialbeiträgen, also bei der Rentenversicherung und der Krankenversicherung, wo sie überproportional einzahlen."

Deutschland braucht Staatsreform

Sie erklärte, dass die Ideen der AfD bei der Familienförderung und an anderen Stellen in das Staatsgefüge eingreifen. Weiter sagte sie: "Wir werden nicht umhin kommen, über Sozialsysteme, Wirtschaftsförderung, Umgang mit Subventionen und Weiteres zu diskutieren. Was Deutschland braucht, ist eine komplette Staatsreform." Diese Themen werden von der AfD noch intern diskutiert. "Wir würden am Ende gern vernünftige und durchdachte Konzepte an die Öffentlichkeit bringen - von undurchdachten hat dieses Land seit Jahren wahrhaftig genug."

Wieder mal gut besucht war der einstige Speisesaal der August-Bebel-Hütte in Helbra. Es wurden etwas mehr als 500 Menschen gezählt. (Foto: Jochen Miche) Wieder mal gut besucht war der einstige Speisesaal der August-Bebel-Hütte in Helbra. Es wurden etwas mehr als 500 Menschen gezählt. (Foto: Jochen Miche)

Abschließend ging sie der Frage nach, was die AfD anders oder gar besser als andere Parteien mache. "Bei uns sind keine besseren Menschen als in anderen Parteien", erklärte sie. "Sie sind diejenigen, die sich aus Protest von jenen Parteien abgrenzen, die seit Jahren nicht verstanden haben, dass man Politik nur mit den Bürgern und nicht an ihnen vorbei machen kann.“ Für ihre eigene Partei wünsche sie sich, sie möge den "Schwung und die Innovationskraft, die die AfD aktuell hat, beibehalten.“ Und an die Gäste gewandt, meinte Petry: „Dazu brauchen wir Sie und ihre kritischen Fragen, und zu denen sind Sie jetzt herzlich eingeladen."

Mehr als ein Dutzend Menschen meldeten sich zu Wort, denen Versammlungsleiter Gunter Wakan das Mikrofon brachte. Die Themen kreisten um NATO und Familienpolitik. Bei der Energiepolitik mahnte Petry maßvollen Umgang mit konventionellen Energien an. Sie kritisierte massive staatliche Subventionen, die "gerade bei Bioenergie zu Wettbewerbsverzerrungen geführt haben, die wir alle bezahlen".

Statt Schulbank Petrys Hand gedrückt

In der Diskussionsrunde gab es auch rührende Momente wie jenen, als ein 61-jähriger Feuerwehrmann beklagte, seiner Funktion enthoben worden zu sein, weil er in seinem Alter nicht mehr bereit gewesen sei, die Schulbank zu drücken. Dafür, das wurde mit einem Schmunzeln und Applaus vieler Zuschauer im Saal bedacht, drückte er lang und herzlich Frauke Petrys Hand.

Als sich der Feuerwehrmann der Parteivorsitzenden näherte, wurden plötzlich die zivilen Sicherheitskräfte sichtbar – sie konnten ja nicht wissen... Doch alles verlief friedlich.

Vermummte blieben zu Hause

Überhaupt: die Sicherheit. Die Polizei war mit einigen Mannschaftswagen in der Nähe des Veranstaltungsortes, behielt alles im Auge. Dies, so sprach sich herum, war wohl auch der Grund dafür, dass sich eine verabredete Gruppe gern laut und medienwirksam auftretender vermummter Demonstranten nicht hatte blicken lassen. Das Prinzip: Deren Späher vor Ort bliesen per Handy den Einsatz ab.

Frauke Petry im Gespräch mit Besuchern der Versammlung. Nach dem offiziellen Teil unterhielt sie sich noch lange mit den Leuten. Darunter waren Menschen aus Helbra oder Sangerhausen ebenso wie welche, die aus anderen Bundesländern angereist waren, um Petry zu erleben. (Foto: Jochen Miche) Frauke Petry im Gespräch mit Besuchern der Versammlung. Nach dem offiziellen Teil unterhielt sie sich noch lange mit den Leuten. Darunter waren Menschen aus Helbra oder Sangerhausen ebenso wie welche, die aus anderen Bundesländern angereist waren, um Petry zu erleben. (Foto: Jochen Miche)

Auf der anderen Seite hatten sich mehrere junge Leute, einige sogar aus Kampfsportvereinen, freiwillig als Helfer im Einlass- und Bühnenbereich zur Verfügung gestellt. Sie waren teilweise aus Thüringen und Bayern angereist. Wer "Action" erwartete, wurde in Helbra enttäuscht. Lediglich ein Sturzbetrunkener wurde von den jungen Helfern aus den Saal begleitet und von der Polizei nach Hause geschickt. Als der 42-Jährige später erneut erschien, diesmal per Taxi, klärte ihn der Chef des Hauses auf, dass ein Hausverbot mindestens einen ganzen Tag lang gelte. Das Taxi nahm ihn gleich wieder mit, war zu hören.

Fraktion fordert Aufklärung

Der Fragestunde schloss sich ein Vortrag zum Thema "Klartext im Landtag: Bilanz der ersten acht Monate" an. Es sprach ein - wie Diederichs - stark erkältetes Mitglied des Landtages, der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Robert Farle. Unter anderem erklärte er, dass es der AfD dank der mit 25 Mitgliedern recht großen Landtagsfraktion möglich gewesen war, einen Untersuchungsausschuss zu den "Beraterverträgen" des früheren SPD-Finanzministers Bullerjahn zu fordern. Laut Farle waren bis zu zwei Millionen Euro am Parlament vorbei an mit Bullerjahn befreundete Firmen lanciert worden.

Farle versprach, die Fraktion werde regelmäßig Rechenschaft über das Geleistete ablegen – vor Bürgern in Versammlungen, in einer eigenen, kostenlos erscheinenden Zeitung, oder auch in den Bürgerbüros der Landtagsabgeordneten. Kaum hatte er einige Erklärungen und den Spruch "Einigkeit macht stark, und wir brauchen Einigkeit in der Partei" ausgesprochen, machten zwei Dinge schlapp: seine Stimme und das Mikrofon. Das Publikum verzieh es ihm mit einem kräftigen Schlussapplaus.
Jochen Miche
Autor: jm

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