Sa, 12:23 Uhr
19.11.2016
Beschnitt soll Kebraer Lindenallee retten - Welche Rolle spielen BUND oder BND?
Umweltschützer kämpfen um 390 fast 140 Jahre alte Bäume
Unter Linden. Norbert Worch von der Kelbraer Bürgerinitiative, Peter Frobel von Pro Baum und Jens Diederichs, Mitglied des Landtages, auf der Suche nach Lösungen für eine baldige Pflege der Allee. (Foto: Jochen Miche)
Offen für gute Ideen. Aber kein Fall für den Ofen. Der Baum erblüht und grünt und spendet Sauerstoff in jedem Jahr von Neuem. (Foto: Jochen Miche)
Eine im Sommer Schatten spendende, im Herbst mit ihrem bunten Laub die Wanderer erfreuende, im Winter das Verharren der Natur symbolisierende und im Frühjahr mit zartem Grün die neue Vegetationsperiode einläutende Allee ist ein Geschenk. So wie die Lindenallee im Kelbraer Hainweg. Doch das dortige fast 140 Jahre alte Erbe erfreut nicht jeden.Sage und schreibe 390 Linden säumen in Kelbra zunächst den Hainweg, der in Richtung Kyffhäusergebirge in einen Wanderweg übergeht. Das Laub der Bäume bedeckt zur Zeit das Pflaster und den Rasen mit einem kunterbunten Blätterteppich.
Visite. Die Krankheiten der Patienten wurden unter anderem durch diese drei Naturfreunde aus Kelbra, Eisleben und Hettstedt diagnostiziert. 2017 könnte behandelt werden. (Foto: Jochen Miche)
msh-online ist in dieser wunderschönen Allee mit drei Männern verabredet, die alles andere als begeistert dreinschauen. Es sind Peter Frobel, Vorsitzender der in Hettstedt ansässigen, jedoch weit in den Landkreis Mansfeld-Südharz hineinwirkenden Umweltgruppe Pro Baum, sowie der Eisleber Umweltfreund Jens Diederichs, der zugleich Landtagsabgeordneter der Partei Alternative für Deutschland und dort unter anderem Mitglied des Petitionsausschusses ist. Sie beide bilden im Hainweg zeitweise so etwas wie die schweigende Mehrheit bei der Besichtigung der in der Mehrzahl um 1880 gepflanzten Linden. Ihnen voraus, immer wieder nach oben in das Astwerk der Bäume weisend und mit ruhiger Stimme Besonderheiten erklärend, geht Norbert Worch.
Insbesondere dem Landtagsabgeordneten erklärt Worch das Problem mit dieser Allee – und macht damit zugleich klar, was den Ernst in seinem Gesicht hervorruft: Die Linden müssen dringend verschnitten werden. Wenn das nicht bald passiert, werden sie in den nächsten Jahren zugrunde gehen. Er zeigt auf tote Äste, die in den Baumkronen hängen, weist auf Fehlentwicklungen der Kronen aufgrund ausgebliebenen oder falschen Schnitts hin und lenkt die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf Nachpflanzungen, dessen eigene verkrüppelte Kronen sich aufgrund überdimensionierter Baumkronen darüber nicht entwickeln können und ganz krumm wachsen.
Peter Frobel, der in den zurückliegenden Jahren Dutzende Male von Hettstedt nach Kelbra gekommen war, um die Entwicklung der Linden im Jahreslauf zu studieren, unterstützt, was Worch sagt. Frobel: Diese Allee wurde jahrzehntelang stiefmütterlich behandelt. Sie hätte längst Pflegeschnitte erhalten müssen. Das erfolgte aber zum letzten Mal richtig gründlich im Jahr 1989. Danach war Schluss damit.
Hat BND Hände im Spiel?
Neben einem Baum hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ein Schild aufgestellt. Dort steht geschrieben: Diese Allee wird geschützt und beobachtet (Alleenhotline 0391/7x xx xx xx). Unter dieser Magdeburger Telefonnummer meldet sich entweder per Mailbox eine fröhliche Familie mit Kindern, die im Chor mitteilt, dass sie nicht zu Hause sei und um eine Ansage auf die Box bitte, oder, wie bei einem erneuten Versuch heute Mittag, ein junger Mann, der zwar Bäume liebt, wie er versichert, jedoch weder mit Alleen noch etwas mit dem BUND zu tun habe. Es scheint, hier habe nicht der BUND, sondern der BND (Bundesnachrichtendienst*) die Hände im Spiel, denn der junge Mann am anderen Ende der Leitung hat eine ganz andere als die angegebene Telefonnummer; die vom BUND in Kelbra auf dem Schild angegebene "Alleenhotline" wird merkwürdigerweise hin und wieder auf seinen Apparat geschaltet. Das findet er schon mehr als seltsam.
In der Angelegenheit Lindenallee gibt es viele Fragezeichen. Doch Peter Frobel und Norbert Worch lassen sich davon seit Jahren nicht beirren - womit sie sich in Kelbra nicht nur Freunde gemacht haben. Doch es geht ihnen um die Bäume, die im Alter, wie Peter Frobel meint, genau wie ein Mensch etwas mehr Zuwendung benötigen, um nicht zu erkranken und vorzeitig zu sterben.
Ein Schild voller Informationen, bei denen aber einige nicht stimmen. (Foto: Jochen Miche)
Norbert Worch wird noch konkreter: "Die Bäume müssten aller fünf bis sieben Jahre einmal einen Schnitt erhalten. In diesem Fall einen Kopfbaumschnitt." Und hier beginnt das Problem. Worch, ein pensionierter Diplom-Ingenieur, der sich seit vielen Jahren mit dieser Allee beschäftigt, erklärt, dass die Linden durchaus auch normal wachsen könnten, wenn man sie in deren jüngeren Jahren nur lasse (wie in dem längeren Wegabschnitt außerhalb Kelbras). Irgendwann aber habe man wohl beschlossen, den Linden im Hainweg einen so genannten Kopfbaumschnitt zu verpassen. Das sieht attraktiv aus, und es hat zweifellos den Scharen von Touristen, die einst zwischen der Stadt an der Helme und dem Kyffhäusergebirge im Schatten der Linden wanderten, derart gefallen, dass selbst zu DDR-Zeiten in gewissen Abständen die Säge angesetzt und Totholz und Wildwuchs entfernt wurde. Das Ende der DDR bedeutete aber auch das Ende der grünen Lindenherrlichkeit.
Fortan kam die Säge im Auftrag der Verwaltung hier nur noch im Notfall zum Einsatz. Eine gründliche Pflege fehlte. Worch: Aufgrund des früheren Beschnitts im Hainweg sind dies keine natürlichen Bäume mehr. Deshalb ist ein Pflegekonzept notwendig. Mit diesem Wunsch ist er in den zurückliegenden Jahren mehrfach an die Stadtverwaltung herangetreten. Vergeblich. Immer gab es Erklärungen, warum dies nicht nötig oder möglich sei, oft wurde ihm aber auch gesagt, dass es am nötigen Geld fehle, um einen solchen Auftrag auslösen zu können. Ein Abgeordneter des örtlichen Rates behauptete einer Zeitung gegenüber sogar, ein Baumschnitt sei reine Geldverschwendung.
Den Weg zum Kyffhäusergebirge säumen fast 400 Linden. Sie wurden um 1880 gepflanzt. In der jüngsten Zeit wurde ihre Pflege vernachlässigt - Krankheit und Tod droht manchem Baum. (Foto: Jochen Miche)
Dieser Meinung ist offenbar auch die Untere Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung. Sie wurde in Bezug auf die Allee nicht aktiver als die Stadt Kelbra. Stets schob einer dem anderen den schwarzen Peter zu. Am Ende passierte nichts. Und das seit sechs Jahren, in denen sich Worch sowie seine Kelbraer und weiteren Verbündeten um die Angelegenheit kümmern.
"Die Natur kennt kein Parteibuch."
In ihrer Not wandten sich die Umweltfreunde schließlich an Jens Diederichs. Dem AfD-Landtagsabgeordneten geht ein Ruf voraus, den er selbst auf diesen kurzen Nenner bringt: Die Natur kennt kein Parteibuch. Diederichs, der vor dem Einzug in den Landtag am 13. März 2016 im Justizsektor tätig war, gibt angesichts der vernachlässigten Lindenallee zu bedenken: Niemand will es, aber auch das ist eine Option: eine Strafanzeige gegen die Verantwortlichen. Der Straftatbestand lautet schlicht und ergreifend, Begehen durch Unterlassen‘. Dann würde die Staatsanwaltschaft ermitteln. Doch Diederichs meint auch, dass Sachsen-Anhalt ein vorbildliches Naturschutzgesetz habe, das hier aber offenbar niemanden interessiere. Er befürchtet, dass sich seit Jahren sowohl die Stadt Kelbra als auch die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises ihrer Pflicht in diesem Punkt bewusst entziehen.
Diederichs: Leader könnte helfen
Diederichs favorisiert jedoch einen anderen als den Rechtsweg. Stichwort: Leader. Zu deutsch heißt Leader: Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft. Was sehr sperrig klingt, ist ein Förderprogramm der Europäischen Union, das es seit 25 Jahren gibt und insbesondere im ländlichen Raum Projekte realisieren hilft. Und das auch im Landkreis Mansfeld-Südharz.
Peter Frobel und Norbert Worch hoffen ebenfalls genau auf dieses Programm. Und auch Michael Schumann, Leader-Chef im Landkreis, will helfen. Auf Anfrage von msh-online teilte Schumann mit, dass das Projekt Lindenallee Kelbra von Leader in die Prioritätenliste aufgenommen worden sei. Nun muss nur noch der Eigentümer der Allee, die Stadt Kelbra, einen entsprechenden Antrag stellen und bis Ende Februar 2017 einreichen. Wenn alles gut geht, und das hoffen sowohl die Umweltfreunde Worch, Frobel und Diederichs, als auch Michael Schumann, dann fließt anschließend das Geld für eine umfassende Baumschnittmaßnahme und könnten sich vielleicht schon im zeitigen Frühjahr 2017 die Fachleute mit Kettensäge und Astschere wenigstens eines Teils der 390 Baumkronen annehmen.
Was wohl dann der BND dazu sagt? Oder war es der BUND?
Jochen Miche
*Wikipedia: Der BND ist eine dem Bundeskanzleramt unterstellte Dienststelle und beschäftigt derzeit circa 6.500 Mitarbeiter (und ein Vielfaches an "Informanten" - die Red.). Im Jahr 2016 ist das Haushaltsvolumen des BND mit 723,8 Millionen Euro veranschlagt. Der BND entstand am 1. April 1956 aus der Organisation Gehlen (benannt nach dem Gründer der Organisation, Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht).