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Mo, 18:21 Uhr
26.09.2016
Auf dem Eisleber Markt steht seit heute wieder ein Denkmal

Luther oder Lenin?

Christo, der Verhüllungskünstler, jobbt wohl neuerdings in Eisleben? (Foto: Jochen Miche) Christo, der Verhüllungskünstler, jobbt wohl neuerdings in Eisleben? (Foto: Jochen Miche)
Das vor vier Monaten demontierte und abtransportierte Denkmal Martin Luthers steht seit heute Vormittag wieder auf dem Eisleber Markt – wird in der Stadt jedenfalls behauptet. Touristen und alle, die es genauer wissen wollen, aber die Zeit abwarten können, dürfen noch bis Freitag die Vorfreude auf den Anblick des Reformators genießen. Der Grund: Er wurde unmittelbar nach seinem Aufrichten mit einer riesigen Fahne in den Eisleber Farben blau-weiß verhüllt.

Maik Knothe, Pressesprecher der Lutherstadt, kündigte die Enthüllung des 1,5 Tonnen schweren Bronze-Standbildes für den Freitag dieser Woche, den 30. September 2016, vormittags halb zehn an. Damit hat die Stadt Eisleben den Plan, ihren berühmten Sohn spätestens am Reformationstag (31. Oktober) der Öffentlichkeit in neuem Glanz zu präsentieren, um einen ganzen Monat vorfristig erfüllt. Eine große Leistung, an der viele Menschen einen Anteil haben.

Zu denen gehören neben Verwaltungsmitarbeitern, die sich um den ganzen „Papierkram“ der Ausschreibungen usw. kümmerten, vor allem die Mitarbeiter der Werkstätten für Denkmalpflege GmbH Quedlinburg, die neben anderem noch bis Mittwoch letzte Verfugungsarbeiten am Postament erledigen werden. Für die Sanierung der Granitstufen zeichnete die sächsische Firma Naturstein & Service Narsdorf verantwortlich. Metallrestaurator Ulrich Weidauer aus Meerane in Sachsen schließlich oblag die Aufgabe, die 133 Jahre alte Statue und andere Teile zu reinigen und neu zu konservieren.

"Ich bin dann mal wieder da..." (Foto: Jochen Miche) "Ich bin dann mal wieder da..." (Foto: Jochen Miche)

1991 war der Bronze-Luther von dem Eisleber Dipl.-Chemiker und Restaurator Wolfgang Conrad gereinigt und mit einem Spezialwachs versiegelt worden. Die solide Arbeit Conrads half Luther immerhin, ein weiteres Vierteljahrhundert den Umweltbelastungen zu widerstehen. Ebenso erging es den vier Bronze-Reliefs am Sockel und dem Zaun um das Denkmal herum, welches einst Wolfgang Conrad und in diesem Jahr des Sachse Ulrich Weidauer restaurierte.

Luthers 95 Thesen veränderten die Welt

Das Geld für die etwa 170.000 Euro teure Maßnahme kam aus verschiedenen Töpfen. Neben Bund und Land tut hier vor allem wieder die Sparkasse Mansfeld-Südharz viel Gutes für eine noch bessere touristische Ausstrahlung der Region. Und touristisch ist in Eisleben ja einiges zu erwarten. Denn im kommenden Jahr wird das 500. Reformationsjubiläum gefeiert. Der im Jahr 1483 in Eisleben geborene und hier im Jahr 1546 auch gestorbene Theologieprofessor Martin Luther hatte am 31. Oktober 1517 in einem Anhang an einen Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, in 95 Thesen vor allem den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen verurteilt. Diese Klagen eines kleinen Wittenberger Doktors der Theologie interessierten den Erzbischof zunächst kaum bis gar nicht, so dass Luther einige Freunde und Bekannte mit den Thesen versorgte, welche diese wenig später veröffentlichten. Damit wurde eine Lawine losgetreten, welche die Welt veränderte: Die evangelische Kirche entstand. Deutschland erhielt dank Luthers Bibelübersetzung erstmals eine einheitliche deutsche Sprache. Luther, vom Meistersinger Hans Sachs die „Wittenbergische Nachtigall“ genannt, schrieb fast 40 der schönsten Kirchenlieder (unter anderem „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ oder „Ein feste Burg ist unser Gott“). Der Protestantismus trat einen Siegeszug über den gesamten Erdball an.

Mansfelder Geld ging nach Wittenberg

Ihrem großen Luther schenkten die Eisleber gewissermaßen zwei Mal ein Denkmal: die im Jahr 1821 auf dem Wittenberger Markt und 1883 auf dem Eisleber Markt eingeweihten Denkmale. In Wittenberg erinnert eine Inschrift noch heute daran, woher das erste Geld für den dortigen Luther kam: "Von dem mannsfeldischen Verein für / Luthers Denkmal durch gesammelte / Beiträge gegründet und durch König / Friedrich Wilhelm III errichtet.“

Guido Hecker von den Werkstätten für Denkmalpflege Quedlinburg beim Verfugen. (Foto: Jochen Miche) Guido Hecker von den Werkstätten für Denkmalpflege Quedlinburg beim Verfugen. (Foto: Jochen Miche)

Die Tatsache, dass die in Mansfeld und Eisleben zu Beginn des 19. Jahrhunderts gesammelten Spenden für ein Eisleber Lutherdenkmal per königlichem Erlass eingezogen und nach Wittenberg umgeleitet worden sind, muss den Menschen hierzulande einst bitter aufgestoßen sein. Doch sie haben mitgewirkt an etwas, das so sensationell war, wie der Reformator selbst: Es handelt sich laut Wikipedia in Wittenberg um "das erste Denkmal dieser Art in Deutschland, in der ein nichtadliger Mensch mit einem freistehenden Standbild öffentlich geehrt wurde".

Die Eisleber mussten noch rund 60 Jahre warten, bis sie ihren Luther auf den Sockel heben konnten. Es mag wie eine Wiedergutmachungsgeste klingen, war es tatsächlich aber nicht, dass die wichtigsten Teile dieses Denkmals in preußischen Werkstätten entstanden sind. Der Entwurf beispielsweise stammt von dem Berliner Bildhauer Rudolf Siemering (1835-1905). Er stellte den Reformator mit einer Bibel und der päpstlichen Bannbulle dar (die Luther später verbrennen ließ). Die metallurgische Meisterleistung des Gießens der Figur und der Bronzeplatten vollbrachte die Berliner Firma Cladenbeck & Sohn. Eingeweiht wurde das Eisleber Denkmal 1883 zu Luthers 400. Geburtstag.

Die Stadt Mansfeld, in der Martin Luther seine Kindheit verbrachte, erhielt 1913 einen Lutherbrunnen. Das Denkmal, das Martin als Kind zeigt, wurde geschaffen von Paul Juckow (1874 bis 1936).

Luther sorgt für fragende Blicke

In Eisleben erinnerte in diesem Jahr zwischen Mai und September eine mit Fotografien beklebte Konstruktion in Form des Lutherdenkmals an das Original. Das war ein absolut kluger Schachzug der Stadtoberen gewesen, denn die Suche nach dem Lutherdenkmal nahm bei manchen Touristen leicht panische Formen an, wenn sie es nicht fanden. Die Attrappe half immerhin manch einem, die Fassung nicht gänzlich zu verlieren.

Hausmusik bei Luthers. Der Reformator war ein begnadeter Sänger und Texter. (Foto: Jochen Miche) Hausmusik bei Luthers. Der Reformator war ein begnadeter Sänger und Texter. (Foto: Jochen Miche)

Nun ist aber das Original wieder zurück. Doch auch dieses sorgte heute bei vielen Besuchern sofort für gerunzelte Stirnen und fragende Blicke, denn es ist zwar zu sehen, doch aufgrund des riesigen zweifarbigen Tuchs nicht wirklich als Lutherdenkmal zu erkennen. Stadtsprecher Maik Knothe meinte heute Nachmittag auf die Frage, wer oder was sich wohl unter dem Stoff verstecken möge, mit einem Augenzwinkern: "Vielleicht Lenin?" Ein solches, 2,9 Tonnen schweres Bronze-Standbild, hatte es tatsächlich einmal in Eisleben gegeben - zwischen 1943 und 1991. Nach der politischen Wende jedoch wurde Lenin dorthin geschafft, wo 1883 der Bronze-Luther hergekommen war: nach Berlin. Unter preußischem Schutz fristet Lenin im Deutschen Historischen Museum sein Dasein als Erinnerungsstück an eine Zeit, in der große Namen mit großen Denkmalen geehrt wurden.

Nun ja, am Freitagvormittag wird wohl das letzte Eisleber Geheimnis gelüftet: Luther oder Lenin?

Jochen Miche
Vor einer Woche bereits stand der Sockel für das Lutherdenkmal. (Foto: Brigitte Wischalla)
Auch er erlebte mal die Eröffnung einer Eisleber Wiese (am 16. September 2016) mit Kulturprogramm und Festumzug am Eisleber Rathaus: der Pappluther. (Foto: Brigitte Wischalla)
Autor: jm

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