Sa, 21:20 Uhr
14.11.2015
Bilder von Inge Strauß und Heinz Fleischmann im Zuckerhut Hettstedt
Windhundähnliche Pudelmopsdoggen begeistern
Die Künstlerin Inge Strauß spricht über die Arbeit ihres Vaters Heinz Fleischmann und ihr eigenes Schaffen. Seit heute bis über den Jahreswechsel hinweg stellt sie im Hettstedter Kunstzuckerhut aus. (Foto: Jochen Miche)
Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts. Heißt es. Stimmt zuweilen sogar. Bei Inge Strauß aber nicht. Die Vernissage im brechend vollen Kunstzuckerhut bewies es. Und das Interesse des Publikums an ihren windhundähnlichen Pudelmopsdoggen.Den Namen dieser Mischwesen musste die Designerin heute noch oft erwähnen und erklären: windhundähnliche Pudelmopsdoggen. Wer unter den knapp 30 Gemälden im Kunstzuckerhut Tiermalerei suchte, wurde allerdings enttäuscht. Doch der Reihe nach.
Mit der Vernissage Inge Strauß/Heinz Fleischmann setzt der Hettstedter Kunstzuckerhut konsequent die Tradition fort, Künstlern insbesondere der (weit gefassten) Heimat ein Podium und dem Publikum die Möglichkeit zu geben, mit dem Künstler und seinem Werk in unmittelbaren Kontakt zu treten. Die Kontinuität ist beeindruckend. Und das Werk der oft gestandenen, aber auch vieler neu entdeckter Künstler ebenso. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Und so kam es, dass am heutigen leicht regnerischen Tag sich weder Stammkunden noch Verwandte und Freunde der Designerin Inge Strauß vom Wetter hatten abschrecken lassen.
Es ist nicht die erste Ausstellung, in der Inge Strauß ihre Werke denen ihres Vaters gegenüber stellt. Gut in Erinnerung der Kunstliebhaber des Bundeslandes sind die legendären Ausstellungen in der Mansfeld Galerie Eisleben. Sowohl Anfang der Neunziger Jahre als auch zu Ehren seines 75. Geburtstages im Jahr 2003 hatten Fleischmanns Landschaftsbilder das besondere Interesse des Publikums wachgerufen. Fleischmann (1928-2003) wurde künstlerisch verortet bei der Worpsweder Schule, doch seine eigentlichen künstlerischen Impulse hat der aus Lindenberg bei Beeskow Stammende von Leipzig mitgebracht. An der dortigen Universität hatte er Kunstgeschichte, Plastik, Malerei und Plastisches Gestalten studiert.
Im Zuckerhut hängen denn auch Beispiele einer Maltechnik, die er in den fünfziger Jahren erfunden und in seinem späteren Heimatort Eisleben wo er unterrichtete, bis zur Perfektion entwickelt hat: die Absprengtechnik. Da es für Maler so etwas wie Urheberrecht bei bestimmten neu entwickelten Techniken kaum gibt, ist es für sie ratsam, ihre Erfindungen am besten in Fachpublikationen zu veröffentlichen. Dies tat auch der Maler im Jahr 1981 – und erntete viel Kollegenlob für die neue Malweise. Diese Technik wird an einigen Gymnasien bis heute im Kunstunterricht gelehrt; der Autor dieser Zeilen hat vor einigen Jahren überaus sehenswerte Ergebnisse von Aschersleber Gymnasiasten einer 5. Klasse gesehen.
Inge Strauß, Tochter von Heinz Fleischmann, hat nach Abitur und Studium in Erfurt, wo sie auch das Diplom erworben hat, als Grafikerin gearbeitet. Seit 1990 arbeitet sie freiberuflich auf den Gebieten Malerei, Grafik und Visuelle Kommunikation. Die Hettstedterin ist freie Dozentin. Legendär sind ihre Textilarbeiten – im Gedächtnis der Menschen im Mansfelder Land besonders fest gesetzt hat sich indessen die Erinnerung an ihre Drehbilder. Eines davon, ein neu geschaffenes ohne Titel kann übrigens im Zuckerhut die kommenden sechs Wochen besichtigt werden. Ein Bild, das allein schon den Besuch des Kunstortes lohnt; es gleicht einer Entdeckungsreise, sich dieses Meisterwerk zu erschließen.
Aktuell zeigt sie auch mehrere Kollagen, in denen unter anderem reichlich winzige Glassplitter verarbeitet wurden. Sie schafft gern Bilder mit verschiedensten Materialen – die Wirkungen überraschen sie anschließend oft selbst, begeistern aber vor allem die Ausstellungsbesucher. Mein Vater hätte das wahrscheinlich wieder windhundähnliche Pudelmopsdoggen genannt, meinte sie zum Vergnügen der Anwesenden, von denen später mancher noch mal nachfragte: Wie hat das Ihr Vater genannt?
Der offizielle Teil der Vernissage wurde wie gewohnt von Vereinsvorsitzendem Harald Illmer eingeleitet, der auch diesmal die Künstlerin vorstellte. Ein Quartett unter Leitung des Chefs des Blasorchesters der Kreismusikschule Mansfelder Land, Mike Peinert, erfreute das Publikum, das es anschließend auch gut rascheln ließ im traditionell die Runde machenden Hut, dessen Inhalt die Musiker erhalten.
Zu den kleinen, feinen Begegnungen dieses Spätnachmittags darf diese gezählt werden: Inge Strauß und Gerhard Mohr trafen wieder einmal zusammen. Zwei Legenden der hiesigen Kunstwelt, die seit gut und gern 30 Jahren beweisen, dass Kunst langlebiger als jedes politische System ist. Beide hatten Anfang der neunziger Jahre die Schalterhalle der damals ganz neu gebauten Sparkasse neben dem Eisleber Rathaus mit ihrer Kunst ausgestattet. Gerhard Mohrs monumentale Schlackenlandschaft ist da ebenso in Erinnerung geblieben wie Inge Strauß‘ Drehbild, das unter anderem die Formen der Hände vieler wichtiger Menschen der Region schemenhaft eingearbeitet hatte. Beide, Inge Strauß wie Gerhard Mohr, haben künstlerisch noch manche Pläne – ob ihr Werk jedoch noch mal gemeinsam gezeigt werden kann, ist von den Ausstellungsmöglichkeiten abhängig. Pläne unter Kunstliebhabern, Werke dieser beiden mal wieder zusammenzuführen, gibt es bereits.
Im Kunstzuckerhut wie in den verschiedensten Galerien ganz Deutschlands alte Bekannte sind die Hettstedter Malerinnen Ingrid Weiland und Christiane Knüppel. Auch sie erwiesen Inge Strauß heute die Reverenz, und auch sie könnten ungezählte Geschichten über ihre Arbeit und das Wirken ihrer Werke auf die Betrachter erzählen. Es wurde im Zuckerhut also wieder später Abend, bevor sich die Besucherschar langsam auflöste.
Jochen Miche






