Mi, 19:16 Uhr
14.10.2015
Hunderte Menschen beim Handwerkermarkt in Hettstedt
Autoren im Laden, Mutige in der Luft
Das habe ich noch nie erlebt, staunte Doris Herrmann am vergangenen Sonnabend. Die Eisleberin war nach Hettstedt gekommen, um gemeinsam mit ihrer Enkelin Frida den Tag der Regionen mit historischem Handwerkermarkt zu besuchen – eine Gemeinschaftsaktion der Stadtverwaltung, aps Verwaltungs GmbH und des Druckereivereins...
Hunderte Menschen beim Handwerkermarkt in Hettstedt (Foto: Jochen)
Erwartet hatten die beiden Eisleberinnen einen Schmied, Drechsler, Bogenbauer und Schnitzer, Besenbinder, Lederer und Vertreter weiterer fast ausgestorbener Handwerke. Erlebt haben sie jedoch mehr als jene historischen Gewerke, die ihnen im Grunde auf fast jedem Mittelaltermarkt begegnen.
In Hettstedt arbeitete zum Beispiel ein Friseurmeister alter Schule: Walter Heineck aus Wolferstedt. Das Mitglied des Eisleber Clubs der alten Meister hantierte in der Summa-Passage mit historischen Friseurgerätschaften an Schauköpfen. Das faszinierte die 13-jährige Frida insofern, als sie selbst einmal Friseurin werden möchte. Von der Passage, in der weitere Stände lockten, ging es hinaus auf den Markt, wo Dutzende Handwerker ihr Können zeigten. Darunter ein Schuhmacher, der Schuhe reparierte und polierte. Ein Kunde wollte seinen Augen kaum trauen: So haben die neu nicht mal geglänzt.
Ihren Augen trauen konnten die Besucher am Stand der Hohmann Optik. Augenoptiker- und Hörakustikmeister Axel Bietz und seine ebenso fachkundigen wie geduldigen Mitarbeiter(innen) zeigten historische Brillengestelle und demonstrierten interessante handwerkliche Schritte beim Entstehen einer Brille einst und jetzt. Überdies gaben sie Pflegetipps, damit der Durchblick nie leidet.
Eine Brille, wenngleich eine Arbeitsschutzbrille, trug am Sonnabend auch der Mitarbeiter der Hettstedter Steinmetzwerkstätten Litzenberg, Christian Kircheis. Der Steinmetzmeister formte aus einem Thyster Kalkstein das Bildnis Florians, des Schutzheiligen aller Feuerwehrleute – auch der Hettstedter Kameraden, von denen mancher bei ihm vorbeischaute und staunte; umgekehrt sah Kircheis immer wieder bewundernd von seiner Arbeit auf in Richtung Himmel: Dort bewegte sich der mit abenteuerlustigen Marktbesuchern und einem Feuerwehrmann gefüllte Rettungskorb des neuen Hettstedter Feuerwehrautos in schwindelerregender Höhe am Ende der ausfahrenden Leiter. Die Mutigen im Korb wurden belohnt mit einem herrlichen Blick über Hettstedts Dächer und auf hunderte gut gelaunte Menschen zwischen Summa-Passage und Saigertor.
Das Motto des Handwerkermarktes Mitmachen statt Zuschauen wurde auch vor dem Blumengeschäft Die Flora gelebt. In hübsche Kostüme gekleidet, weihten die Inhaberinnen Angelika Packeiser und Ina Jaeckel – letztere unterstützt von ihren Töchtern Anna und Lara – Interessierte in die hohe Kunst des Blumenbindens ein. Dutzende Mädchen saßen an den prall mit Blüten bedeckten Tischen, während ihre Eltern nebenan vor dem Uhren- und Schmuckgeschäft Karin Horka das Entstehen einer Medaille verfolgten. An einer riesigen Münzprägepresse brachten Münzmeister Willi Horka und je ein Helfer den Balancier in Schwung; dank der Wucht gruben sich die Motive der aufeinanderprallenden Stempel tief in die Zinnlegierung ein. Willi Horka besitzt die größte private Sammlung historischer Prägestempel für Gedenkmedaillen in Deutschland. In dem gewaltigen Fundus findet er für jeden Anlass die passenden Motive. Ähnlich die Mitglieder des Vereins Alte Hettstedter Druckerei Heise. Auch sie vermögen sich fast jedem Anlass anzupassen.
An diesem Tag hatten die Druckereifreunde eine Presse vor der Bücherfee aufgebaut. Die Besucher konnten sich ein handgesetztes Druckerdiplom selbst abziehen. Manch einer sah an diesem Tag zum ersten Mal echte Druckerschwärze, und auch die Arbeit an einem mehr als 100 Jahre alten Abzugsgerät war für die meisten Neuland. Der Druckereiverein betreut die einzige komplett erhaltene Druckerei Deutschlands, die mit Technik aus den Jahren 1889 bis 1941 ausgestattet ist. Auch dieser Betrieb war geöffnet, genau wie der benachbarte Molmeckturm, von dessen Plateau aus sich ein schöner Blick über die Stadt bietet.
In der Bücherfee lockte der Stand Historische Film- und Fotoentwicklungstechnik des Hettstedter Fotoclubs Südharz. Dessen Mitglieder zeigten und erklärten frühere Entwicklungsmethoden. Hier frischte mancher Besucher seine Erinnerungen und Erkenntnisse auf, während junge Leute oft darüber staunten, wie lange es früher dauerte, bis man endlich ein Foto in den Händen halten konnte. Fotoclub und Druckereiverein planen die Einrichtung eines historischen Fotolabors in der Druckerei – spätestens dann heißt es für die Teilnehmer auch dort: Mitmachen statt Zuschauen.
Dass das Verfassen eines Buches Intellektualität ebenso verlangt wie das Beherrschen des Schreib-Handwerks, erfuhr mancher Besucher der Bücherfee an diesem Nachmittag. Zahlreiche Interessierte waren gekommen, um mit der Autorin Irmgard Lydia Eisner aus Mansfeld über ihr vor wenigen Tagen erschienenes Buch Nachklang – Ein kleines Liederbuch mit Geschichten zwischen Schlesien-Mitteldeutschland-Frankreich ins Gespräch zu kommen. Die Gerbstedter Autorin Isolde Kakoschky (Iska) stellte neben anderen ihre aktuellen Bücher Eisblumenblüte und Zweitsommer vor, und die frühere Lektorin und Autorin Friedel Hohnbaum-Hornschuch ihren Roman Das letzte Spiel der Kinder. Der Druckereiverein hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Autoren und ihre Leser miteinander ins Gespräch zu bringen. Genau dies gefiel der Eisleberin Doris Herrmann, die in der Buchhandlung begeistert meinte: Das habe ich noch nie erlebt.
An diesem 10. Oktober startete unter dem Logo Hettstedt – eine runde Sache zudem eine Werbeaktion von Einzelhändlern. Die auf Initiative der Ingenieurin Kathrin Tarricone, einer Mitarbeiterin der Universität Trier, Außenstelle Hettstedt, gebildete Gemeinschaft wirbt für das Einkaufen in der Innenstadt. Auf einer Karte können die Kunden Stempel sammeln. Die vollen Karten landen in einer Lostrommel im Bürgerbüro der Stadt, aus der am 18. Dezember drei Preisträger ermittelt werden.
Jochen Miche
Autor: red
Hunderte Menschen beim Handwerkermarkt in Hettstedt (Foto: Jochen)
Erwartet hatten die beiden Eisleberinnen einen Schmied, Drechsler, Bogenbauer und Schnitzer, Besenbinder, Lederer und Vertreter weiterer fast ausgestorbener Handwerke. Erlebt haben sie jedoch mehr als jene historischen Gewerke, die ihnen im Grunde auf fast jedem Mittelaltermarkt begegnen.
In Hettstedt arbeitete zum Beispiel ein Friseurmeister alter Schule: Walter Heineck aus Wolferstedt. Das Mitglied des Eisleber Clubs der alten Meister hantierte in der Summa-Passage mit historischen Friseurgerätschaften an Schauköpfen. Das faszinierte die 13-jährige Frida insofern, als sie selbst einmal Friseurin werden möchte. Von der Passage, in der weitere Stände lockten, ging es hinaus auf den Markt, wo Dutzende Handwerker ihr Können zeigten. Darunter ein Schuhmacher, der Schuhe reparierte und polierte. Ein Kunde wollte seinen Augen kaum trauen: So haben die neu nicht mal geglänzt.
Ihren Augen trauen konnten die Besucher am Stand der Hohmann Optik. Augenoptiker- und Hörakustikmeister Axel Bietz und seine ebenso fachkundigen wie geduldigen Mitarbeiter(innen) zeigten historische Brillengestelle und demonstrierten interessante handwerkliche Schritte beim Entstehen einer Brille einst und jetzt. Überdies gaben sie Pflegetipps, damit der Durchblick nie leidet.
Eine Brille, wenngleich eine Arbeitsschutzbrille, trug am Sonnabend auch der Mitarbeiter der Hettstedter Steinmetzwerkstätten Litzenberg, Christian Kircheis. Der Steinmetzmeister formte aus einem Thyster Kalkstein das Bildnis Florians, des Schutzheiligen aller Feuerwehrleute – auch der Hettstedter Kameraden, von denen mancher bei ihm vorbeischaute und staunte; umgekehrt sah Kircheis immer wieder bewundernd von seiner Arbeit auf in Richtung Himmel: Dort bewegte sich der mit abenteuerlustigen Marktbesuchern und einem Feuerwehrmann gefüllte Rettungskorb des neuen Hettstedter Feuerwehrautos in schwindelerregender Höhe am Ende der ausfahrenden Leiter. Die Mutigen im Korb wurden belohnt mit einem herrlichen Blick über Hettstedts Dächer und auf hunderte gut gelaunte Menschen zwischen Summa-Passage und Saigertor.
Das Motto des Handwerkermarktes Mitmachen statt Zuschauen wurde auch vor dem Blumengeschäft Die Flora gelebt. In hübsche Kostüme gekleidet, weihten die Inhaberinnen Angelika Packeiser und Ina Jaeckel – letztere unterstützt von ihren Töchtern Anna und Lara – Interessierte in die hohe Kunst des Blumenbindens ein. Dutzende Mädchen saßen an den prall mit Blüten bedeckten Tischen, während ihre Eltern nebenan vor dem Uhren- und Schmuckgeschäft Karin Horka das Entstehen einer Medaille verfolgten. An einer riesigen Münzprägepresse brachten Münzmeister Willi Horka und je ein Helfer den Balancier in Schwung; dank der Wucht gruben sich die Motive der aufeinanderprallenden Stempel tief in die Zinnlegierung ein. Willi Horka besitzt die größte private Sammlung historischer Prägestempel für Gedenkmedaillen in Deutschland. In dem gewaltigen Fundus findet er für jeden Anlass die passenden Motive. Ähnlich die Mitglieder des Vereins Alte Hettstedter Druckerei Heise. Auch sie vermögen sich fast jedem Anlass anzupassen.
An diesem Tag hatten die Druckereifreunde eine Presse vor der Bücherfee aufgebaut. Die Besucher konnten sich ein handgesetztes Druckerdiplom selbst abziehen. Manch einer sah an diesem Tag zum ersten Mal echte Druckerschwärze, und auch die Arbeit an einem mehr als 100 Jahre alten Abzugsgerät war für die meisten Neuland. Der Druckereiverein betreut die einzige komplett erhaltene Druckerei Deutschlands, die mit Technik aus den Jahren 1889 bis 1941 ausgestattet ist. Auch dieser Betrieb war geöffnet, genau wie der benachbarte Molmeckturm, von dessen Plateau aus sich ein schöner Blick über die Stadt bietet.
In der Bücherfee lockte der Stand Historische Film- und Fotoentwicklungstechnik des Hettstedter Fotoclubs Südharz. Dessen Mitglieder zeigten und erklärten frühere Entwicklungsmethoden. Hier frischte mancher Besucher seine Erinnerungen und Erkenntnisse auf, während junge Leute oft darüber staunten, wie lange es früher dauerte, bis man endlich ein Foto in den Händen halten konnte. Fotoclub und Druckereiverein planen die Einrichtung eines historischen Fotolabors in der Druckerei – spätestens dann heißt es für die Teilnehmer auch dort: Mitmachen statt Zuschauen.
Dass das Verfassen eines Buches Intellektualität ebenso verlangt wie das Beherrschen des Schreib-Handwerks, erfuhr mancher Besucher der Bücherfee an diesem Nachmittag. Zahlreiche Interessierte waren gekommen, um mit der Autorin Irmgard Lydia Eisner aus Mansfeld über ihr vor wenigen Tagen erschienenes Buch Nachklang – Ein kleines Liederbuch mit Geschichten zwischen Schlesien-Mitteldeutschland-Frankreich ins Gespräch zu kommen. Die Gerbstedter Autorin Isolde Kakoschky (Iska) stellte neben anderen ihre aktuellen Bücher Eisblumenblüte und Zweitsommer vor, und die frühere Lektorin und Autorin Friedel Hohnbaum-Hornschuch ihren Roman Das letzte Spiel der Kinder. Der Druckereiverein hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Autoren und ihre Leser miteinander ins Gespräch zu bringen. Genau dies gefiel der Eisleberin Doris Herrmann, die in der Buchhandlung begeistert meinte: Das habe ich noch nie erlebt.
An diesem 10. Oktober startete unter dem Logo Hettstedt – eine runde Sache zudem eine Werbeaktion von Einzelhändlern. Die auf Initiative der Ingenieurin Kathrin Tarricone, einer Mitarbeiterin der Universität Trier, Außenstelle Hettstedt, gebildete Gemeinschaft wirbt für das Einkaufen in der Innenstadt. Auf einer Karte können die Kunden Stempel sammeln. Die vollen Karten landen in einer Lostrommel im Bürgerbüro der Stadt, aus der am 18. Dezember drei Preisträger ermittelt werden.
Jochen Miche



